Sensationsfund: War Lilly Lieser Klimts Auftraggeberin?

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Ein Sensationsfund! Das Wiener Auktionshaus im Kinsky übertreibt nicht – wie sonst manchmal – wenn es seinen neuesten Coup so bezeichnet: Ernst Ploil, Ko-Geschäftsführer des Hauses und Rechtsanwalt, konnte ein spätes Damenporträt von Gustav Klimt akquirieren. Dass seine gegenwärtigen Eigentümer es nicht bei Sotheby’s London oder New York einliefern, sondern in Wien versteigern wollen, kann man sich zu Recht als Erfolg auf die Fahnen heften. Mit einem Schätzwert von 30 bis 50 Millionen Euro ist es einzigartig in Österreich.

Auktionssaal im Kinsky, Gustav Klimts „Bildnis Fräulein Lieser“, 1917/18 an der Stirnwand (c) Auktionshaus im Kinsky

Bis dato kannte die Öffentlichkeit davon nur ein Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1925.
In Stil und Qualität lässt sich das „Bildnis Fräulein Lieser“ mit anderen späten Damenporträts Klimts vergleichen: die frontale Ansicht, die sinnliche und taktile Qualität der Hauttöne, die in lockeren Pinselstrichen und kräftigem Kolorit hingeworfene Blumenflut, die hier den Umhang des Fräulein Lieser dekoriert: Es ist wirklich ein Prachtbild.

Übersehene Mäzenin, übersehene Karteikarte

Doch hinter der Wiederentdeckung steckt eine weitere Story. Denn bisher war die Forschung sicher, dass der Großindustrielle Adolf Lieser das Gemälde in Auftrag gegeben habe und dieses seine Tochter abbilde. Nun, und das ist neu, ergaben die Recherchen, dass es eventuell ganz anders gewesen sein könnte: Dass seine Schwägerin Henriette Amalie Lieser Klimt um ein Porträt einer ihrer Töchter gebeten haben könnte. In der umfangreichen Broschüre, die das Auktionshaus im Kinsky nun herausbrachte, führt Ernst Ploil aus, dass eine Inventarkarte aus dem Jahr 1925 als Besitzerin „Frau Lieser, IV., Argentinierstrasse 20“ vermerkt. Es bezeichnet ein Foto-Negativ des Bildes und ist heute in der Nationalbibliothek; die Anmerkung im Verzeichnis ist sogar online abrufbar.

Diese „Frau Lieser“ war Henriette Amalie Lieser, genannt Lilly, geschiedene Frau von Adolfs Bruder Justus. Was auch auf sie als Auftraggeberin hinweist ist das Porträt selbst: Es ist Lillys jüngerer Tochter Annie ähnlicher als der von Adolf, das stellte Claudia Mörth-Gasser in ihrem Katalogbeitrag fest, ebenso wie, kürzlich im ORF-Kulturmontag, die Musikwissenschaftlerin und Journalistin Irene Suchy sowie die Autorin Anna Amilar, die eine „Fact-Fiction“ über Lilly Lieser geschrieben hat.

"Bildnis Fräulein Lieser", Gustav Klimt, 1917/18 (c) Auktionshaus im Kinsky
„Bildnis Fräulein Lieser“, Gustav Klimt, 1917/18 (c) Auktionshaus im Kinsky

Irene Suchy, eine Koryphäe feministischer Musikologie, beschäftigt sich schon lange ausführlich mit Lilly Lieser. 2008 schrieb sie in der Österreichischen Musikzeitschrift einen Essay über sie, den sie so einleitete: „Lilly Lieser ist keine Unbekannte, sie ist eine Übersehene.“ Wie wahr! Auch ich habe sie übersehen bisher, ich gestehe. Lilly Lieser war eine Mäzenin im Wortsinn – sie unterstützte Alban Berg und Arnold Schönberg großzügig, stellte ihm Ressourcen und Wohnung zur Verfügung, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Mit Alma Mahler war sie befreundet, stand ihr einmal sogar bei einer Abtreibung bei, wie Irene Suchy schreibt. Jüdischer Herkunft, wurde sie 1942 deportiert, kam nach Riga ins Ghetto und wurde, einer Zeitzeugin zufolge, 1943 in Auschwitz ermordet.

Eine Frau als Auftraggeberin – kaum vorstellbar

Nach ihrem schrecklichen Leiden und Tod wurde sie, wie viele Frauen mit großen kulturellen Verdiensten, nachträglich von der Geschichtsschreibung eliminiert. Offenbar fasste man sie als Auftraggeberin des Klimts gar nicht ins Auge. Weder in den frühen noch in den späteren Werkverzeichnissen findet sich ein Hinweis auf sie, obwohl die Bildquelle in der Nationalbibliothek bereits in einem Oeuvrekatalog 1967 erwähnt ist. Hat da nie jemand die Inventarkarte näher angeschaut, die ganz klar Lilly Lieser als Besitzerin (Ploil weist natürlich zu Recht darauf hin, dass „Besitz“ nicht gleich „Eigentum“ ist) ausweist und sich gefragt, was es damit auf sich hat? Oder wurde diese Information unbewusst ausgeblendet?

Claudia Mörth-Gasser, Expertin und Leiterin der Sparte für Klassische Moderne im Kinsky, sagt: „Man ging immer davon aus, dass Adolf Lieser, der Großindustrielle, der Auftraggeber war. Offenbar dachte man: Das wird schon ein Mann gewesen sein. Eine Frau zog man dafür wohl gar nicht in Betracht.“

"Bildnis Fräulein Lieser", Gustav Klimt, 1917/18, Detail (c) Auktionshaus im Kinsky
„Bildnis Fräulein Lieser“, Gustav Klimt, 1917/18, Detail (c) Auktionshaus im Kinsky

Für die Expert*innen des Auktionshauses ist die Frage, wer Klimt mit dem Werk beauftragte, längst nicht geklärt, ebenso wenig die Frage, was in der NS-Zeit damit geschah. Der Verkaufspreis soll dementsprechend, gemäß den Washington Principles zur NS-Raubkunst, aufgeteilt werden – zwischen jenen, die das „Bildnis Fräulein Lieser“ jetzt besitzen, und jenen, die in der Rechtsnachfolge von Adolf und Henriette Lieser stehen. Das erscheint mir eine salomonische Lösung. Doch auch wenn nach wie vor ein Fragezeichen über der Angelegenheit schwebt: Es ist doch signifikant, wie der ganz offensichtliche Hinweis auf eine Mäzenin offenbar ignoriert wurde. Dabei ist Klimt wohl der am besten erforschte Künstler in Österreich!

Aber es zeigt wieder einmal, wie die historischen Verdienste von Frauen, egal ob als Sammlerinnen, Mäzeninnen oder Künstlerinnen, systematisch verdrängt wurden. Es ist ja kaum vorstellbar, dass eine Frau zu derlei in der Lage ist! Das dachten sich früher Kunsthistoriker auch oft über dieses oder jenes Werk, das sich später beispielsweise als eine Judith Leyster, eine Artemisia Gentileschi oder eine Lavinia Fontana entpuppte. Da hatte die Forschung lange einen blinden Fleck. Durch neue Recherchen wie diese – selbst, wenn es sich nur um eine Möglichkeit handelt, um eine Diskussion – wird das einmal mehr bewusst.

Her mit dem Lilly-Lieser-Preis!

Irene Suchy plädierte in ihrem Essay übrigens dafür, einen nach Lilly Lieser benannten Mäzeninnenpreis auszuloben. Seit 2008 harrt die Idee der Umsetzung – wann, wenn nicht jetzt wäre es endlich an der Zeit? Man würde damit nicht nur an eine umtriebige Kunstförderin erinnern, sondern auch an eine, die zum Opfer der NS-Ideologie wurde. Gerade heute, gerade in diesem Jahr wäre das ein wichtiges Statement. Dass es einen Klimt und den wahnwitzigen Kunstmarkt braucht, um diese faszinierende, aber wenig erforschte Persönlichkeit ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, ist fast schon wieder ein Treppenwitz.

Stolperstein
Stolperstein vor Lilly Liesers Haus (c) wikicommons/Schulhofpassage

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