Bücherverbrennung

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Was war die Aufregung groß, als Sonia Boyce in der Manchester Art Gallery temporär ein Gemälde von John William Waterhouse abhängte! Männliche Kommentatoren fortgeschrittenen Alters hyperventilierten angesichts der vermeintlichen „Zensur“, ausgeübt von einer wildgewordenen feministischen Gutmenschenmafia. Und das alles, weil eine Künstlerin im Rahmen einer Performance-Installation das Publikum zum Nachdenken über Geschlechterklischees anregen wollte.

Herr Diplomingenieur Doktor fackelt ab

Wenn die temporäre Umgestaltung einer Galerie Zensur ist, was bedeutet es, wenn jemand Bücher verbrennt und dies einer Millionenleserschaft kundtut? In der Krone Bunt widmete unlängst Herr Diplomingenieur Doktor Klaus Woltron, dort bezeichnet als „ehemalige Industrie-Lenker, Wirtschaftsphilosoph und Buchautor“ seine gestrige Kolumne der Diskussion um Peter Handke und der Frage, was die „sog. Elite“ ausmache.

Es ist ein wirrer Text, der dem „Mainstream“ vorwirft, keine anderen Haltungen als die eigene zuzulassen. Was gerade im Fall der aktuellen, recht differenzierten Handke-Debatte besonders grotesk ist. Und dann kommt der Autor auf Elfriede Jelinek zu sprechen, Handkes Nobelpreis-Vorgängerin: „Es war im Jahr 2004, als mir einige Werke der Ausgezeichneten anempfohlen wurden. Nach kurzem Hineinschnuppern war ich vom gelbgalligen Gift und Frust, die aus jeder Seite dieser abscheulichen Schriften stanken, so angewidert, dass ich alles im Kachelofen abfackelte. Niemals vorher und nachher habe ich so etwas gemacht.“

Krone Bunt, 20.10.2019, Klaus Woltron, "Schleicht's euch, ihr Armlöcher"
Krone Bunt, 20.10.2019, Klaus Woltron, „Schleicht’s euch, ihr Armlöcher“

Ich weiß nicht genau, was mich stärker erschüttert hat. „Gelbgalliger Gift und Frust“, „abscheuliche Schriften“, „stanken“? Der abgrundtiefe Hass, der aus diesen Worten sprach? Oder die Tatsache, dass der Herr Diplomingenieur Doktor die Bücher „im Kachelofen abfackelte“ und das noch stolz erzählte?

Antifeministischer Reflex

Wer wie der Autor 1945 in Österreich geboren wurde, muss irgendwann in seinem Leben davon gehört haben, dass die Nationalsozialisten öffentlich Bücher verbrannten. Kann so jemand die Analogie zwischen seiner hier stolz geschilderten Tat und den NS-Bücherverbrennungen übersehen? Geht das? Ich stelle mir diese Frage ernsthaft. Denn ich kann kaum glauben, dass ein Bürger eines Landes, das solche Schuld auf sich geladen hat, diese Symbolik übersieht.

Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek (Foto: Ghuengsberg, wikipedia)

Unübersehbar ist auch die misogyne Schlagseite, die das Ganze hat. „Gelbgalliger Gift und Frust“ habe ihn angewidert, schreibt der Autor. Natürlich gehört es zu den ältesten antifeministischen Reflexen, Frauen als „frustriert“ hinzustellen, wenn sie einem nicht passen. Wie oft haben wir sowas schon gehört! Vor allem über Elfriede Jelinek, deren Literatur deutlich und schonungslos die Missverhältnisse zwischen den Geschlechtern auseinanderklaubt, und vor allem in den Boulevardmedien. Treffend analysiert die Literaturwissenschafterin Pia Janke in Zusammenhang mit Jelineks Roman „Lust“: „Der Tabubuch einer Autorin, die in explizierter Form Sexualität als Macht- und Ausbeutungsverhältnis zwischen Mann und Frau literarisch dekonstruierte, wurde von einer sensationsgierigen Presse zum Ausdruck persönlicher pathologischer Neigungen umfunktioniert – und damit letztlich auch neutralisiert und entpolitisiert.“ 

Befindlichkeitselaborate

Schon als Teenager stritt ich mit Bekannten über Elfriede Jelinek, schon damals störte mich das wahnsinnig: Dass einer Frau ihr künstlerisches Werk als Befindlichkeitselaborat ausgelegt wird, Männern dagegen natürlich nicht. Die Beispiele dafür sind endlos (siehe dazu auch den grandiosen Hashtag #dichterdran auf Twitter). Virginie Despentes zum Beispiel schrieb in ihrem Buch „King Kong Theorie“ über die Reaktionen auf ihr Debüt „Baise-Moi“: „Man pfeift auf mein Buch. Was zählt, ist mein Geschlecht. Man pfeift darauf, wer ich bin, woher ich komme, was mir passt, wer mich lesen wird, auf die Punkrock-Kultur. Opa greift ein, mit der Schere in der Hand, er wird ihn mir stutzen, meinen mentalen Schwanz.“ 

Virginie Despentes
Virginie Despentes, 2012, Foto: Georges Biard

Es braucht die Vernichtung

Und noch ein Gedanke: Wenn es für bestimmte Kommentatoren nicht mehr reicht, eine Schriftstellerin zu kritisieren, wenn selbst die üblichen Waffen der Beleidigung nicht mehr genügen, dann braucht es ein härteres Vorgehen. Wenn eine Jelinek schon vor 15 Jahren den Nobelpreis bekommen hat – und mehr kann man in der Welt der Literatur nicht erreichen –, dann muss man schärfere Geschütze auffahren. Wenn eine Künstlerin nicht die Gosch’n halten will, wenn sie erfolgreich und berühmt ist, wenn Leserinnen und Leser rund um den Globus ihre Literatur rezipieren: Dann braucht es die Vernichtung ihrer Werke. 

Die Krone Bunt, die so lieb und familienfreundlich daherkommt, mit einem glücklichen (natürlich heterosexuellen) Paar am Cover, wird angeblich von drei Millionen Menschen gelesen. Das ist etwas ganz, ganz anderes als irgendwelche Pöbeleien in einer Twitter-Blase. Da haben wir echt ein Riesenproblem.

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