Best of feminist art 2019

Gepostet von

Nachdem uns die Süddeutsche die besten Bücher 2019, der Standard die besten Alben 2019 und der Falter das Beste von allem möglichen 2019 ans Herz legt, kann auch dieser Blog in Sachen Jahreshitliste nicht untätig bleiben. Voriges Jahr gab’s ein Best of feministischer Ausstellungen, diesmal: fünf feministisch arbeitende Künstlerinnen, die artemisia.blog aufgefallen sind. Reihung nach Zufallsprinzip.

1. Zanele Muholi

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Da die angeblich so wunderbare documenta 2012 wegen Geburt leider ausfiel, stieß ich erst dieses Jahr bei der Biennale Venedig auf diese großartige Fotokünstlerin: Zanele Muholi, die in Johannesburg lebt und die LGBQT-Szene in Südafrika porträtiert. Die großformatigen Fotoarbeiten, die in Venedig verstreut übers Arsenale und im Hauptpavillon präsentiert wurden, strahlten eine unglaubliche Kraft, Ruhe und Coolness aus.

Zanele Muholi, Phaphama, at Cassilhaus, North Carolina, 2016, Biennale Venedig (Foto: NiS)

2. Shakuntala Kulkarni

Ebenfalls Biennale: Im indischen Pavillon stieß ich auf Shakuntala Kulkarni, die schon seit 80er-Jahren Genderthemen beleuchtet. Sie zeigte eine Arbeit aus dem Jahr 2012. Dafür stellte sie gemeinsam mit Handwerkern aus Assam eine Rüstung aus Schilf her, in der sie durch ihre Heimatstadt Mumbai spazierte: eine eindringliche Erinnerung daran, wie unsicher sich Passantinnen im öffentlichen, aber auch im privaten Raum bewegen. Während Männer sich rüsten, um in den Krieg zu ziehen, litten Frauen schon im Alltag unter massiven Bedrohungen, hieß es im Text dazu. In Indien vergewaltigen und ermorden Männer Frauen und Mädchen so häufig wie sonst kaum wo. Da ist diese Arbeit noch viel virulenter als in einem Land wie Österreich.

Shakuntala Kulkarni, Of Bodies, Armour and Cages, 2010-2012 (Foto: NiS), Jahreshitliste
Shakuntala Kulkarni, Of Bodies, Armour and Cages, 2010-2012 (Foto: NiS)

3. Naomi Rincón Gallardo 

Naomi Rincón Gallardos Video „Heavy Blood“ war die schrägste Arbeit in der sehenswerten Ausstellung „Stone Telling“ im Kunstraum Niederösterreich. Figuren mit goldenen Masken und umgeschnallten Brüsten vollführten darin mysteriöse Rituale. Dabei tanzten und hüpften sie durch eine kargen Landschaft. Sie stellten Geister dar, die sich für den Kolonialismus in Mittelamerika rächen. Gallardo mixt Feminismus, Sci-Fi, Archaik und Kolonialismuskritik, und das ordentlich opulent. Der Kunstraum Innsbruck zeigt gerade eine größere Ausstellung von ihr, Titel: „May your Thunder break the Sky“.

"Bety”. From Naomi Rincón Gallardo’s The Formaldehyde Trip. 2017. Photo: Fabiola Torres Alzaga
Naomi Rincón Gallardo, The Formaldehyde Trip, 2017 (Foto: Fabiola Torres Alzaga)

4. Orshi Drozdik

Nicht, dass ihr Name mir völlig unbekannt gewesen wäre. Doch erst dieses Jahr befasste ich mich intensiver mit der gebürtigen Ungarin Orshi Drozdik. Sie arbeitete in den 70e-Jahren fast klassisch feministisch-avantgardistisch: zerstückelte Selbstporträts, Augen, die über Frauenkörper wandern, Performances mit Projektionen. In ihren Arbeiten kommt eine weitere, eine politische Dimension hinzu: Sich im kommunistischen Ungarn der Kunstdoktrin zu verweigern, das bedeutete was anderes, als das im Westen zu tun. In ihrer Serie „Individual Mythology“ spielt sie mit Propagandabildern. Ob die Fidesz von Viktor Orbán sie wohl auch bald zur „Feindin des ungarischen Volkes“ kürt, so wie ihren Galeristen Hans Knoll?

Orshi Drozdik, Individual Mythology - Free Dance (#6), 1975/76-2019, Foto: Galerie Knoll
Orshi Drozdik, Individual Mythology – Free Dance (#6), 1975/76-2019, Foto: Galerie Knoll

5. Tala Madani


Zuerst sah ich einen Animationsfilm von Tala Madani, bei der mir ein Knödel im Hals steckenblieb, in der sensationell tollen Ausstellung „Princ.ess.es des villes“ im Palais de Tokyo: Menschen, die zerstückelt werden und deren amputierte Körperteile über Rolltreppen gleiten. Die Einzelausstellung von Tala Madani in der Secession zeigt neben dieser Arbeit ihre „Shit Moms“: ein umgangssprachlicher Begriff, übersetzt in monströse, bedauernswerte, aber gleichzeitig rebellische Mütterfiguren. In einem der Animationsfilme löst sich eine Frau aus einem Pornofilm und lässt Männer in ihrer Vagina verschwinden. Die Frau hat echt einen guten Schmäh.

Jahreshitliste Tala Madani
Tala Madani, Shit Mom (Disco Babies), 2019, Courtesy of the Artist und David Kordansky, Los Angeles, Foto: Lee Thompson

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.