„Sehr interessant, aber wen interessiert das?“ So schildert VALIE EXPORT die Reaktion von Institutionen, denen sie in den 1970er-Jahren eine Ausstellung über feministische Kunst vorschlug. Ähnliche Reaktionen erntete die Regisseurin und ORF-Journalistin Susanne Riegler: Für ihren Film „Verwegen. Mutig. Radikal. Künstlerinnen der Feministischen Avantgarde“ erhielt sie keinerlei öffentliche Förderung. So startete sie ihr Werk auf eigene Kosten, führte zahlreiche Interviews, reiste nach Novi Sad, Berlin, Schaffhausen, tauchte in Ateliers ab, besuchte Ausstellungseröffnungen. Als am Ende hunderte Stunden Drehmaterial auf den Schnitt warteten, sprang die Sammlung Verbund ein, sind doch die von Susanne Riegler porträtierten Künstlerinnen darin vertreten.

Der Film erzählt nicht nur über die Kunst selbst, sondern vor allem auch über Hindernisse und Erfolge der Protagonistinnen. Vieles von dem, was sie erlebten, ist heute kaum mehr vorstellbar. Dass in Museen etwa die Arbeiten von Annegret Soltau, wie diese in ihrem Atelier erzählt, als „etwas Ekliges“ galt. Dass Anita Münz Zeichnungen abhängen musste, weil die darauf zu sehenden Geschlechtsorgane als Pornografie betrachtet wurden. Dass ein Galerist Martha Wilson anblaffte, ihre Kunst sei schrecklich, nie würde er sie zeigen.

Gegen derlei Ignoranz und Diskriminierung wirkte die Bandenbildung, zum Beispiel in der IntAkt, dieser so wichtigen und schlagkräftigen Künstlerinnengruppe. Auch Margot Pilz, über die ich eine Biografie schrieb, gehörte ihr an; sie resümiert, dass sie „wirklich viel erreicht haben“. So fruchteten etwa Beschwerden der IntAkt über eine miserable Frauenquote in ORF-Diskussionssendungen. Ein weiteres Verdienst von Susanne Riegler ist, wie sie internationale Parallelen aufzeigt, aber auch gegenläufige Tendenzen: So wird sichtbar wie sich der Feminismus in Österreich und der Schweiz unterschied zu dem in der DDR und Ex-Jugoslawien.

Gabriele Stötzer, die das Künstlerinnenkollektiv Erfurt gründete, darbte etwa als aufmüpfige DDR-Bürgerin ein Jahr im Gefängnis. Anhand einer Arbeit, bei der sie nackt auf der Erde saß, erfährt die Betrachterin, wie sich die Künstlerin ihren Körper neu aneignete, wenn auch auf völlig andere Art als ihre westlichen Kolleginnen: Sie verarbeitete mit Werken wie diesem, dass im Knast immer „in Körperöffnungen geguckt“ worden sei, wie sie sagt. Von feministischen Strömungen in Ex-Jugoslawien erzählt Sanja Iveković, deren Oeuvre glücklicherweise 2022 auch das Wiener Publikum in der Kunsthalle kennenlernen konnte. Und Katalin Ladik, die sich in ihrem „Antistriptease“ ankleidete, führt in ihrer Geburtsstadt Novi Sad zu einer 16 Quadratmeter großen ehemaligen Waschküche, die ihre Wohnung war.

„Verwegen. Mutig. Radikal“ birgt so viele Momente voller Poesie, Kraft und Witz. Zum Beispiel: Wie Renate Eisenegger, diese vornehme, zurückhaltende Frau, sagt: „Ich will einfach verärgern.“ Und dies mit eleganten Gesten untermalt. Wie Florentina Pakosta erzählt, dass sie sich die Haare wachsen ließ, „damit ich schön bin und mich ein Mann heiratet“. Bei den letzten Worten ihre Stimme hebt, verärgert und amüsiert gleichzeitig. Als wäre sie noch immer erstaunt über ihre jugendliche Torheit. Wie Gerda Fassel, diese gestandene Bildhauerin, in wunderschönster Wiener Mundart ihre Nachkriegs-Kindheit beschreibt: „Bei uns woa a Frauenregiment, die Männer woan de Bremsen.“

Wie Margot Pilz den faulen Protagonisten und seine tüchtige Frau in ihrer Fotoarbeit „Der Hausmeister und sein Schatten“ beschreibt – „Er steht da, grantig, und sie rennt“ – und ihn dabei mit heruntergezogenen Mundwinkeln imitiert. Wie Renate Bertlmann ihre Doppelpenis-Schleuder anspannt, dabei Geräusche macht wie „zjummm“ und lacht. Ein weiteres Highlight ist eine Aufnahme der viel zu früh verstorbenen Birgit Jürgenssen aus dem Archiv des Süddeutschen Rundfunks (im ORF-Archiv fand Susanne Riegler übrigens kein Material). Darin spricht sie über die katholische Erziehung und deren Zementierung von Geschlechterrollen.

Zusätzlich zu den Künstlerinnen kommt vor allem Gabriele Schor, die als Leiterin der Sammlung Verbund feministische Kunstgeschichte schrieb, zu Wort, kurz auch Lentos-Direktorin Hemma Schmutz. Gerne hätte man noch weitere, am besten internationale, Kunsthistorikerinnen über feministische Kunst sprechen gehört. Angesichts der Produktionsbedingungen ist freilich verständlich, dass die ohnehin sehr ausgiebigen Recherchen, Reisen, Interviews irgendwann zu einem Schluss kommen mussten. In Summe ist der Film eine Titaninnenarbeit von Susanne Riegler, die seit langem feministische Themen beleuchtet und dafür unter anderem den Frauenring- und den Dohnal-Preis erhalten hat. Auch ihre Regiearbeit über Renate Bertlmann ist sehr zu empfehlen.

Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Backlashs. Wenn Reproduktionsrechte auf dem Spiel stehen, die Aufteilung der Care-Arbeit noch immer nicht gelöst ist, der Gender Pay Gap so weit aufklafft wie die Vagina bei der Spontangeburt, wenn Social Media unseren Teenagermädchen einreden, dass sie unbedingt bescheuerte Duckface-Lippen brauchen und ihr Geld sowie Aufmerksamkeit auf ihren Körper lenken sollen, wenn Trump den Frauenanliegen den Kampf ansagt: Dann brauchen wir den kämpferischen Spirit, den die Künstlerinnen der Seventies hatten, umso mehr.
Bald läuft er, in Wien und anderswo (Termine siehe unten) – schaut ihn euch an!
Stadtkino
Freitag, 7. März – 17:00 Uhr
Sonntag, 9. März – 13:00 Uhr mit anschließendem Künstlerinnengespräch
Montag, 10. März – 17:30 Uhr
Admiralkino
Mittwoch, 19. März – 19:30 Uhr (Reihe „Pionierinnen“): Film & Gespräch mit Regisseurin Susanne Riegler und Gabriele Schor, Leiterin der Sammlung Verbund
Weitere Termine werden bekannt gegeben.
Danke für diesen tollen Beitrag!
Feminismus braucht Solidarität!