Schräg: Feministische Lippenbekenntnisse, blamable Frauenquote

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Meine Verspießerung greift um sich. Eingeleitet wurde sie wahrscheinlich mit dem Kauf eines Burgtheater-Abos bereits vor gefühlt Jahrzehnten, weitergeführt nun durch den Erwerb eines solchen fürs Konzerthaus, „Orchester international“. Ich liebe es, im Großen Saal den tollsten Musiker*innen der Welt zu lauschen. Doch zu meinem Leidwesen spielen sie an den neun Abenden bloß ein einziges Mal das Stück einer Komponistin: Das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra gibt Andrea Tarrodis „Liguria“ zum Besten. Und keines der neun Orchester hat eine Dirigentin.

Hürdenreich

Der Klassikbetrieb, denke ich manchmal, steckt halt noch tiefer in der misogynen Vergangenheit fest als die bildende Kunst. Schließlich entdecken die Museen und Ausstellungshäuser seit Jahren die Bedeutung von Künstlerinnen und beseitigen die himmelschreienden Gender-Ungleichheiten der Vergangenheit. Wenn die Albertina die fantastische Sammlung Verbund ausstellt, streut ihr Direktor Klaus Albrecht Schröder Asche auf sein Haupt, weil er die Verdienste von Künstlerinnen einst übersah. Ja, man lernt halt dazu, ist doch gut! Wenn das Kunstforum Kiki Kogelnik ausstellt, schildert dessen Direktorin Ingried Brugger bei der Eröffnung den hürdenreichen Durchsetzungskampf der Frauen in der Kunst und lobt Anstrengungen der Museen, ihre Werke endlich aufzuarbeiten. Das Leopold Museum hat sogar eine Diversity-Kampagne gestartet.

Diversity à la Leopold Museum. Aus Werken von Christian Schad, Anton Romako, Egon Schiele, Otto Rudolf Schatz – und einem von Kate Diehn-Bitt (Foto: NiS)
Diversity à la Leopold Museum. Aus Werken von Christian Schad, Anton Romako, Egon Schiele, Otto Rudolf Schatz – und einem von Kate Diehn-Bitt (Foto: NiS)

Harte Zahlen

Sind wir längst im Paradies gelandet, wo Eva und Adam endlich ebenbürtig sind, in dieser Blase der Wiener Kunstszene? Die feministisch floriert – wie ein Kontrapunkt zum Siegeszug der Rechtsextremen in Österreich, die die weibliche Bevölkerungshälfte am liebsten hinter den Herd verbannen würden, zu den Erfolgen eines sexistischen Psychopathen in den USA, den die Leute dort lieber wählen als eine kompetente Frau, deren Fehler offenbar vor allem darin besteht, eine solche zu sein?
Gehen wir es mal prosaischer an und werden dem Ruf gerecht, eine Erbsenzählerin zu sein. Schauen wir einmal, wie viele weibliche Solos diese Häuser in der jüngeren Vergangenheit so zeigten (Gruppenausstellungen, in denen auch Künstlerinnen vertreten sind, lasse ich hier außen vor. Die sind wichtig. Aber um ein Gesamtwerk anständig zu präsentieren, braucht es Soloshows). Da landen wir rasch auf dem Boden der Tatsachen.

Eins zu 5,6 periodisch

Das Kunstforum präsentiert aktuell Malerei und Grafik von Paul Gauguin in einer Schau, die ein bisschen langweilig ist. Kein Wunder: Die Highlights dieses Kunstmarkt-Stars werden kaum verliehen und wenn, dann verschlingen die Versicherungen budgetsprengende Summen. Über Gauguins 13-jährige „Gefährtinnen“ und seine Darstellung von Frauen wurden schon zahlreiche intelligente Texte verfasst, zum Beispiel von Griselda Pollock. Doch diese Diskurse ignoriert die Ausstellung weitgehend und erwähnt sie nur zart am Rande, wie meine Kollegin Nicole Scheyerer in einem brillanten Essay schrieb.

"Unexpected" wäre hier eine höhere Künstlerinnenquote. Ausstellungsansicht Kunstforum Bank Austria (C) leisure Communications, Christian Jobst
„Unexpected“ wäre hier eine höhere Künstlerinnenquote. Ausstellungsansicht Kunstforum Bank Austria (C) leisure Communications, Christian Jobst

Die Gauguin-Schau ist eine von sechs Einzelausstellungen im Hauptraum des Kunstforums (Einmietungen nicht mitgerechnet) in zwei Jahren: 2023 und 2024 zeigte das Haus fünf Soloshows von Künstlern, eine von einer Künstlerin, eben Kiki Kogelnik. Das Verhältnis eins zu fünf ist hier fix verankert: Von 2013 bis 2024 waren es 20 Männer und vier Frauen. Alle zwei Jahre mal eine Künstlerin, das muss offenbar reichen. Wie sieht es in der Albertina aus, deren Direktor es so bedauert, dass er die Künstlerinnen lange Zeit nicht ausreichend am Schirm hatte? Er hat auch in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit wenig daran geändert. 2023 und 2024 waren es insgesamt drei Frauen und 17 Männer, denen das Haus Einzelausstellungen widmete. Eins zu 5,6 periodisch.

Seltenheitswert: Werk aus der Einzelausstellung einer Frau in der Albertina (Eva Beresin, „The Joys of Physical and Mental Pain“, 2022; Albertina Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Eva Beresin
Foto: Peter M. Mayr)

Und im Leopold Museum? Das Haus zeigt eher Privatsammlungen oder thematische Präsentationen (sie haben fast immer einen enormen Überhang an männlichen Künstlern). Berücksichtigen wir die Einzelpräsentationen in einem größeren Zeitrahmen, nämlich seit 2020, zählen wir acht Männer und zwei Frauen. Immerhin: eins zu vier. Auch kein großer Beleg für Diversität. Die Plakate der Kampagne bestehen übrigens fast ausschließlich aus Figuren aus Bildern, die von Männern gemalt sind – ach, ein Selbstporträt von Kate Diehn-Bitt ist auch dabei. Die nicht existierende Diversity wird aber toll vermarktet.

Bessere Frauenquote im Parlament als in der Kunst

Offenbar muss man sich bei manchen großen Wiener Häusern schon für einen Frauenanteil von 25 Prozent bedanken. Dabei reden wir hier nicht einmal vom Kunsthistorischen Museum, das natürlich historisch bedingt kaum Werke von Künstlerinnen in der Sammlung hat – und aus den wenigen, die es besitzt, kaum etwas macht. Die große Rachel-Ruysch-Ausstellung zeigt jedenfalls demnächst die Alte Pinakothek in München, nicht das KHM. Selbst das österreichische Parlament ist weiter als so manches Museum, obwohl hier seit neuestem wieder weniger Frauen sitzen. Dass blamable Künstlerinnenquoten von feministischen Lippenbekenntnissen und einem scheinbaren Engagement für mehr Diversity in den Museen begleitet werden: Das ist Pinkwashing – und ein bisschen bizarr.

Eins zu fünf: Programm des Kunstforums (Screenshot)

6 comments

  1. Es hat sich auch, seit ich in meiner Jugend zu zählen begonnen habe, bei Gruppenaustellungen großteils international nichts geändert. Ein Viertel Künstlerinnen ist „normal“, über ein Drittel geht es selten, und das bei immer mehr Kuratorinnen. Hin und wieder sieht man ein Bewusstsein aufflackern. Bei meiner Arbeit zur Eröffnung der Biennale in Berlin 2010 hat eine warten müssende reifere Dame meine Arbeit als „richtig blöd!“ beschimpft. Heute wie damals ist die Antwort „Ja, es ist eben richtig blöd!“

    1. Danke für den Kommentar – ja, teilweise ist es wirklich ein Jammer. Ausschließlich negativ würde ich es nicht sehen – manche Häuser, auch in Wien zB Mumok und Kunsthalle, sind hier durchaus weiter. Zwei Schritte vor, einer zurück, so kommt es mir vor. Und ja, das ist richtig blöd.

      1. Ja, sehr langsam tut sich was.
        Ob sich bei zeitgenössischen Künstlerinnen das große Vorurteil der Mutterschaft gegenüber auch ändern wird? Bei einer Ateliervergabe sagte das männliche Jurymitglied auf meinen schwangeren Bauch schauend, da werden’s aber nicht viel Zeit haben. Selbst Kuratorinnrn gaben nach zwei Jahren zu, sie dachten ich wäre noch in der Babypause. Ich habe nie eine gemacht, mein Kind aber an mir getragen. Nur bei den abendlichen Spektakeln habe ich im rauchigen Wien immer weniger mitgemacht, denn meine Arbeitszeit wurde kostbar. Austellungseinladungen gingen um 80% zurück. Das ist nicht bei allen so, aber bei vielen. Ich habe das Land verlassen, denn unsichtbar war ich lieber woanders.
        Danke für dein Schreiben!

      2. Das ist natürlich das Irre: Mütter – oder solche, die es gerade werden – bekommen weniger Einladungen; und dann sagt man Künstlerinnen, dass sich Kunst und Mutterschaft nicht so gut vereinen ließen. Das ist wirklich der reinste Zynismus. Ich habe das schon von so vielen Frauen gehört, und es müsste viel mehr thematisiert werden. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal dazu eine größere Publikation machen kann. Danke jedenfalls für deine Kommentare!

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