Warum das KHM feministische Nachhilfe braucht

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Unlängst recherchierte meine Kollegin Olga Kronsteiner für den „Standard“ die Besetzungspolitik im Kunsthistorischen Museum (KHM). Wie sie berichtete, herrscht in den Sammlungen auf Führungsebene eklatanter Frauenmangel: „Unter zehn amtierenden Sammlungsdirektoren sind nur drei Frauen. Zwei davon waren schon im Amt, bevor Sabine Haag 2009 die Generaldirektion übernahm“, schreibt Olga. „Tatsächlich wurden in den vergangenen zehn Jahren, inklusive diverser Nachbesetzungen, ausnahmslos Männer mit Leitungsfunktionen betraut und keine einzige Sammlungsdirektorin bestellt.“

Komisch. Gibt es echt so wenige Kunsthistorikerinnen? Ich kann mich an Exkursionen erinnern, an der 20 Frauen und drei Männer teilnahmen: der Professor, der Student, der Busfahrer. Oder trauen sich Frauen die Leitungsfunktion nicht zu? Da fänden sie doch ein tolles role model gleich im Haus selbst: KHM-Direktorin Sabine Haag. 

Kunsthistorisches Museum (c) KHM-Museumsverband
Kunsthistorisches Museum (c) KHM-Museumsverband

Inklusivere Haltung

Der Artikel im Standard, unter dem übrigens mittlerweile 615 hauptsächlich misogyn geifernde Postings stehen, führte mich zu folgender Frage: Wie hat sich das Kunsthistorische Museum in Sachen Gleichstellung positioniert, auch im Umgang mit der Kunst, den Werken selbst? Wie reagiert dieser Tanker mit seinen vielen Sammlungen und Posten darauf, dass Frauen einst systematisch der Zugang zur Kunst verwehrt wurde? Allerorten wird über die Zukunft der Museen diskutiert, darüber, dass diese nicht einfach weitertun könnten wie bisher, dass eine inklusivere Haltung nötig sei – aber hat dieser Ansatz das KHM bereits erreicht? 

Möglichkeiten gibt es genug

Was Künstlerinnen betrifft, kann man Sammlungen von Barock- und Renaissancekunst nur schwer vergleichen mit Museen der Moderne und Gegenwart. Eh klar! In den Beständen des KHM sind wenige Künstlerinnen vertreten, hört man immer. Wobei: Man könnte ja dennoch auch mit den wenigen Werken etwas anfangen. Oder: Man könnte mit einem strengen und kritischen Blick die Bilder der vielen nackten (oder auch bekleideten) Frauen, die in der Gemäldegalerie so rumhängen, betrachten. Man könnte auch zum Beispiel zeitgenössische Künstlerinnen einladen, in der Sammlung zu intervenieren. Möglichkeiten gibt es also genug. Es müsste sie halt jemand nutzen.

Kaum Künstlerinnen: Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie
Kaum Künstlerinnen vorhanden: Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie

Nichts, nothing, nada

Obwohl ich sehr viel im KHM gesehen habe, erinnerte ich mich an nichts dergleichen. Also sah ich auf der Website nach. Dort sind die Ausstellungen des Hauses, zurück bis ins Jahr 1998, publiziert. Und hier ist das – Spoiler: erschütternde – Ergebnis: Wenige Male bespielten Künstlerinnen den Theseustempel, eine hübsche, aber kleine Außenstelle des KHM. 2003 zeigte der damalige Direktor Wilfried Seipel die zeitgenössische Malerin Maria Moser im Palais Harrach, das damals vom KHM bespielt wurde. Ansonsten: Nichts, nothing, nada! Es gab Ausstellungen von Zeitgenossen wie Lucian Freud, Massimo Listri, Jan Fabre und vielen, vielen anderen; Künstler wie Edmund de Waal und Ed Ruscha durften die Sammlung durchforsten und zu eigenen Ausstellungen arrangieren. Künstlerinnen blieben auch dabei außen vor – bis auf Juman Malouf, die aber vor allem als Partnerin von Wes Anderson eingeladen wurde.

Ebenso wenig beleuchtete das Kunsthistorische Museum Werke von Alten Meisterinnen zum Beispiel in der Serie „Ansichtssache“ – das sind diese kleinen Ausstellungen, die einzelne Objekte genau unter die Lupe nehmen. Eine Schau widmete sich unter dem Titel „Sinnlich, weiblich, flämisch“ den Frauendarstellungen von Rubens. Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern; der Text dazu jedenfalls spricht nicht unbedingt dafür, dass hier ein sonderlich kritischer Blick auf Frauenrollen und Stereotype eingenommen wurde. 

Zu trendy für das KHM?

Als ich im Vorjahr, noch während des ersten Lockdowns, Sabine Haag in einem Interview für „Parnass“ darauf ansprach, ob das KHM nicht zum Beispiel Michaelina Woutiers, von der das Museum ein wichtiges Werk besitzt, oder Rachel Ruysch ausstellen wolle, meinte sie, dass das schon zu überlegen wäre, aber nicht „top of the list“ und gerade in der gegenwärtigen Situation schwierig. Ausstellungen kosten schließlich Geld und sollen Leute anziehen, so die Argumentation. Sie wolle außerdem nicht auf einen Trend aufspringen.

Wieso, frage ich mich, schafft es zum Beispiel ein Museum aan den Strom in Antwerpen, eine Schau von Michaelina Woutiers auf die Beine zu stellen? Der Prado zeigt Clara Peeters, die National Gallery Artemisia Gentileschi, und die (von dem an dieser Stelle schon mal stark kritisierten Eike Schmidt geführten) Uffizien eine ganze Riege an Altmeisterinnen-Ausstellungen, von Plautilla Nelli über Elisabetta Sirani bis zu einer Schau über Künstlerinnen im 18. und 19. Jahrhundert. 

© The National Gallery, London
Leider nicht in Wien: Ausstellung „Artemisia“, National Gallery London © The National Gallery, London

Fast hundertprozentige Männerquote

Diese Ignoranz weiblichem Kunstschaffen gegenüber fällt übrigens auch schon anderswo auf. Der Kunst- und Kulturbericht der Republik weist seit einigen Jahren die Geschlechterquoten bei Ausstellungen aus. Die neue SPÖ-Kultursprecherin Gabriele Heinisch-Hosek, früher bekanntlich Frauenministerin, schickte Olga Kronsteiner für ihren Beitrag im „Standard“ ein Statement. Olga leitete es mir nach Rücksprache mit der Pressesprecherin von Heinisch-Hosek freundlicherweise weiter. Die Kultursprecherin schreibt darin über ihre Erkenntnisse bezüglich der Genderverhältnisse in den Ausstellungen der Bundesmuseen: „Die schlechteste Quote hatte dabei das KHM mit 1:13. Gerade von einem Bundesmuseum erwarte ich mir hier mehr Engagement und keine fast hundertprozentigen Männerquoten.“ Wie gesagt: Aus der Sammlung heraus ergeben sich nicht die besten Voraussetzungen. Doch wer Lucian Freud und Mark Rothko ausstellen kann, könnte auch, sagen wir mal, Louise Bourgeois und Cindy Sherman präsentieren. Wenn man schon auf dieser Starschiene fahren möchte.

Vielleicht wäre es darüber hinaus interessant, sich kritisch Frauen- und Männerbildern Alter Meister zu widmen. Es gibt schließlich eine feministische Kunstgeschichte, die das seit Jahrzehnten macht. Anstatt das delikate Inkarnat dieser oder jener Aktdarstellung zu preisen, könnte man ein bisschen die Brille der Stilkritik ab- und die der Kultur- und Gendergeschichte aufzusetzen. Wie zum Beispiel Elisabeth Priedl in einem Vortrag, den sie sogar im KHM hielt

„Schönheit – Liebe – Poesie“: echt jetzt?

Gut, im Oktober gibt es eine Ausstellung zu „Tizians Frauenbild“. Wobei mich der Untertitel schon schaudern lässt: „Schönheit – Liebe – Poesie“.  Über den ursprünglichen Titel „Tizian Color Femmina“ hat Alexandra Matzner bereits in ihrem Onlinemagazin artinwords geschrieben; Amalia Witt hat ebendort die (nunmehr geänderte) Ankündigung ziemlich auseinandergenommen. Der aktuelle Pressetext verlautbart, die Ausstellung konzentriere sich auf die „Darstellung der Frau im Œuvre Tizians (um 1488‒1576) und seiner Zeitgenossen Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese, Paris Bordone und Lorenzo Lotto“. Dann heißt es, dass „namhafte Poeten und Humanisten in ihren Schriften der Frau und der Liebe besondere Aufmerksamkeit schenkten.“ Überhaupt ist hier konsequent, im schönstem Altherrensprech, von „der Frau“ die Rede. Die Ausstellung werde „den Facettenreichtums des Themas“ (also offenbar des „Themas Frau“) zeigen. Alles, was hier zu lesen ist, klingt nicht nach einem feministischen Zugang, sondern einfach nur affirmativ.  

26 Jahre

Trotzdem bin ich gespannt. Don’t judge a show by its press release! Kuratorin ist Sylvia Ferino-Pagden, die Mitte der 1990er-Jahre eine Ausstellung zu Sofonisba Anguissola im KHM kuratierte. Es war die letzte Schau zu einer Altmeisterin an diesem Ort. Jemand, die damals zur Welt kam, ist heute 26 Jahre alt – ein Alter, in dem man mit dem Studium fertig ist und erste berufliche Schritte wagt.

Ich träume von einer 26-jährigen Kunsthistorikerin, die vom KHM angestellt wird und dort einmal den Laden aufmischt. Das Haus braucht offenbar dringend feministische Nachhilfe. Es kann sich nicht auf der niedrigen Künstlerinnenquote in seiner Sammlung ausruhen. 

5 comments

  1. Danke dir für diesen Beitrag! Die oben angeführte Begründung von Sabine Haag („Sie wolle außerdem nicht auf einen Trend aufspringen.“) ist ärgerlich und unverständlich. Von Trend kann hier wohl keine Rede sein – es geht schlicht um Gleichberechtigung und Vorbildwirkung, auch für heranwachsende Generationen.

  2. Ein wichtiger Beitrag, vielen Dank! Und sehr ernüchternd…

    Museen sind nicht nur Orte der Geschichtsaufbewahrung, sondern auch der Geschichtsdeutung. Wer entscheidet, was künstlerisch bedeutend ist, was gesammelt werden soll, nach welchen Kriterien Dinge erforscht werden sollen, welche Geschichten und Menschenbilder vermittelt werden, was wie und in welchem Kontext gezeigt wird, entscheidet auch, was vergessen und abgewertet werden darf, was irrelevant ist. Deswegen liegt eine große Verantwortung auf Museumsmenschen. Da bleibt echt noch viel zu tun.

    Sylvia Ferino-Pagden hat in den 1990er Jahren nicht nur einer Ausstellung über Sofonisba Anguissola kuratiert, sondern auch über die Mäzenin und Kunstsammlerin Isabella d’Este und die Dichterin Vittoria Colonna gemacht. Danach war leider Ebbe… Viele Frauen an den Wänden, aber eben nicht als handelnde Subjete…

    1. Ja, da hat Ferino-Pagden wirklich wichtige Arbeit geleistet. Leider hat das KHM kaum Mittel zu sammeln – es wäre natürlich jetzt genau der richtige Zeitpunkt, denn gerade Kunst von Alten Meisterinnen ist häufig noch günstig zu erwerben; dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen häufig unterbewertet sind, ist natürlich nicht so positiv. Aber man könnte diese Tatsache in einen Vorteil kehren.

  3. Ja, es ist wirklich krass! Als ich über Artemisia Gentileschi für orf.at geschrieben habe, bin ich auch dir Ausstellungen durchgegangen und habe so geendet: „ Dafür ist Sofonissba Anguissola bis heute die einzige Altmeisterin, der das Haus am Ring jemals eine Ausstellung gewidmet hat. Das war aber nicht unter der Ägide von Direktorin Sabine Haag seit 2009, sondern vor einem Vierteljahrhundert, nämlich im Jahr 1995.“
    https://orf.at/stories/3183699/

    1. Das war ein wichtiger Beitrag von dir, danke fürs Verlinken! Man sieht, dass es durchaus Leute im KHM gibt, denen die Thematik bewusst ist – eben die von dir zitierte Gudrun Swoboda. Aber offenbar wird dieses Wissen nicht genutzt.

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