Wo es wehtut

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Wenn man um 6.30 Uhr mit dem Zug von Wien nach Bregenz fährt und um 0.30 am Hauptbahnhof wieder aussteigt: Kann schon sein, dass man in so einem Fall leicht verrückt ist. Aber es war die einzige Möglichkeit, Miriam Cahn zu treffen. Wenn man vom Kunsthaus Bregenz beauftragt wird, einen Katalogbeitrag über diese wundertolle Künstlerin zu schreiben und dann auch noch mit ihr durch die Ausstellung, gerade frisch installiert, gehen darf: Dann sagt man einfach nicht nein. Auch wenn das Leben noch so dicht ist gerade.

Miriam Cahn
Miriam Cahn, 2018. Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz © Kunsthaus Bregenz

Das zornige Schreiben

Die Anfänge dieses Unterfangens waren nicht sonderlich ermutigend. Im kürzlich erschienenen Katalog „DAS ZORNIGE SCHREIBEN“ (natürlich in Versalien!) sind viele Mails und Briefe abgedruckt, in denen die Künstlerin Leuten, darunter einigen ziemlich klugen wie Bice Curiger, ordentlich die Meinung geigt. Das ließ schon darauf schließen, dass sie ziemlich kratzbürstig sein kann.

Das genaue Hinschauen
Miriam Cahn, DAS GENAUE HINSCHAUEN, 2019, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe © Miriam Cahn, Kunsthaus Bregenz

Für meinen Text schickte ich Miriam Cahn, die im Sommer 70 wird, zunächst per Mail einige Fragen. Die fand sie offenbar ziemlich daneben. Was sie mir recht deutlich zu verstehen gab, ohne aber dabei unfreundlich zu werden. Dann schlug sie vor, doch in Bregenz gemeinsam die Ausstellung zu besichtigen. Was sich erstaunlicherweise vor meiner Deadline ausging: Miriam ist flott beim Installieren ihrer Ausstellungen. Und obwohl mir vorher etwas mulmig war: Selten hab ich so viel gelacht bei einem Ausstellungsrundgang.

Ans Eingemachte

o.t.
Miriam Cahn, o.t., 19. + 24.09.2017 Öl auf Holz, 80 x 95 cm. Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe © Miriam Cahn

Was natürlich etwas seltsam erscheint, schließlich geht es ja in Miriams Kunst echt ans Eingemachte: Kriegsschiffe, Kohle auf dünnem Papier, kreuzen durch das Kunsthaus. Serien von düsteren Zeichnungen, auf denen wie in einem Röntgenbild Eierstöcke und Gebärmutter erscheinen, reihen sich aneinander. Eine „schwarzekriegerinich“ präsentiert ihre Klitoris, offensiv, wie eine Waffe. Ein Entblößter mit Erektion taumelt verloren über die Bildfläche. Eine nackte Frau schlägt einem Mann horizontal ihre Faust ins Gesicht, während beide onanieren. Was für eine Komposition!„Komposition, das ist auch schon wieder so ein Begriff, den ich nicht mag“, lacht Miriam. Wörter wie: Aggression, Subjekt, Objekt – die gehen ihr unheimlich am Hammer.

Miriam Cahn,
o.t., 27.06.2018, ca. 28 x 40 cm
Ausstellungsansicht EG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter. Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe 
© Miriam Cahn, Kunsthaus Bregenz

Burka im Tessin

Jedenfalls: Miriam Cahns Bilder gehen zielsicher dorthin, wo die Konfliktlinien im Feminismus verlaufen, wo es ganz besonders wehtut. In einem Fernsehfilm sah man die Künstlerin, kleine Zeichnungen präsentierend, die sie schlicht „Pornos“ nennt. Die zeichnete sie schon als Teenager, erzählte sie, quasi als Wichsvorlagen. In der uralten Kontroverse zwischen PorNO-Kampagne und Sex-Positivismus positionierte sie sich dementsprechend eindeutig (wobei sie das Wort „positionieren“ sicher auch nicht mag). Ebenso lehnt sie die Vorstellung ab, dass Frauen sanftere Wesen seien. Zorn findet sie ganz gut. Schließlich mache man sich ja sonst wieder nur klein als Frau, wenn man diesen Aspekt verleugne. Und auch die leidige Verschleierungsdebatte gerät ins Blickfeld: In einem der Bilder ist eine verhüllte Frau zu sehen, nur ihre Augen und ihre Vagina sind gut sichtbar. Das zeigt ganz genau, worum es in diesen Diskussionen wirklich geht: nämlich darum, dass wieder einmal irgendwelche weißen Männer den Frauen sagen wollen, wo’s lang geht, perfiderweise unter dem scheinheiligen Argument der Emanzipation. Im Tessin, sagt Miriam, ist die Burka verboten, und lacht schon wieder schallend: Wie viele Burkaträgerinnen gibt es denn da? Vier?

überlebende
Miriam Cahn, überlebende (undarstellbar), 1998 Öl, 90 x 130 cm Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz Courtesy of the artist © Miriam Cahn

Die Frau trifft den Nagel auf den Kopf. Ihre Kunst ist deswegen so gut, weil sie so radikal und so kompromisslos ist, so kämpferisch und dabei auch wieder gewitzt. 15 Stunden im Zug sind übrigens nicht sooo anstrengend. Das nur zur Info für die Wiener Leserinnen und Leser dieses Blogs. Weil, so ein Tagestrip ins Ländle, der lohnt sich schon.

Miriam Cahn
Miriam Cahn, DAS GENAUE HINSCHAUEN, Ausstellungsansicht, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe © Miriam Cahn, Kunsthaus Bregenz

2 Kommentare

  1. Das KUB hatte mir diesen Eintrag empfohlen. Ich hatte gehofft, er könnte mir Miriam Cahn etwas näherbrinhen – konnte er nicht. Ein Blog Eintrag leider wie jeder andere…

    1. Es freut mich sehr, dass das KUB meinen Beitrag empfohlen hat. Es ist aber schleierhaft, in welche Richtung Ihre Kritik geht. Einfach zu sagen: schlecht gemacht – das ist halt etwas wenig.

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