Jetzt ist es ein Fordern!

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Christiane Krejs leitet den Kunstraum Niederösterreich. Geschätzte Künstlerinnenquote: 70 Prozent. Hier erzählt sie, wie es dazu kam.

Christiane Krejs kenne ich seit 2001. Damals war sie meine Chefin. Wir arbeiteten in der Artothek Niederösterreich. Es waren Zeiten, in denen es gern hieß, dass Frauen schlechte Teamspielerinnen seien („Zickenkrieg“, so nannte man das gern). Darüber konnten wir nur lachen. 2005 eröffnete Christiane den Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse. Bald initiierte sie den Performancepreis H13, mit dem früh Künstler_innen wie Jakob Lena Knebl, Roberta Lima oder Kozek Hörlonski ausgezeichnet wurden. Mit der Zeit war auch immer mehr feministische Kunst hier zu sehen. Dieser Tage etwa ein Projekt von Tatiana Lecomte zum Frauenwahlrecht in Zusammenarbeit mit der Abteilung Kunst im öffentlichen Raum des Landes Niederösterreich. Auch eine Soloshow von Performance-Pionierin Martha Wilson sowie eine witzige und kluge Ausstellung über Hexenmagie zeigte der Kunstraum heuer schon. Ende 2018 geht Christiane, kaum zu glauben, in Pension. Anlass genug, sie über 13 Jahre Kunstraum und feministische Kunst zu interviewen.

 

Christiane Krejs
Christiane Krejs, Foto: Wolfgang Wössner

 

artemisia.blog: Ihr hattet dieses Jahr die Soloshow von Martha Wilson, die Hexen-Ausstellung und jetzt gerade ein Projekt von Tatiana Lecomte zum Frauenwahlrecht. Wie kam es zu diesem Feminismus-Schwerpunkt im Kunstraum?

Christiane Krejs: Ich stellte fest, dass das mit der Vergabe des Performance-Preises losging, den viele Frauen bekommen haben. Das hat sich in der Ausstellungsprogrammatik niedergeschlagen. Mir ist aber zusätzlich aufgefallen, dass Frauen in den großen Häusern nicht gut vertreten sind. Und es gibt sehr viel weibliche Kunst, die gut ist und Plattformen braucht! Das war ein Anliegen. Im Fall von Martha Wilson hat mich Felicitas Thun-Hohenstein gefragt, ob der Kunstraum eine Ausstellung von ihr zeigen wolle. Da habe ich sofort zugesagt, auch, weil sich viele junge Künstlerinnen auf die 70er-Jahre beziehen. Martha Wilson hatte übrigens noch nie zuvor eine Einzelausstellung in Österreich gehabt, nicht einmal in Europa! In ihrer Arbeit gibt es viele Bezüge zur Idee des Kunstraums, in dem auch Experimente passieren sollen.

artemisia.blog: Hast du mal eure Frauenquote durchgezählt?

Krejs: Wir haben sicher mehr Künstlerinnen, ich schätze 70 Prozent.

Tatiana Lecomte
Tatiana Lecomte: „Frauen und Mädchen!“, Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, 1010 Wien © Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich.

 

 

artemisia.blog: Einerseits sehen wir, dass wir in vielen Bereichen weiter gekommen sind. Andererseits droht ein politischer Rückschritt. Wie siehst du das?

Krejs: Es stimmt, dass es zum Beispiel kritischer beurteilt wird, wenn kaum Frauen an einer Ausstellung beteiligt sind. Es gibt auch mittlerweile Häuser, die in genau diesen Bereichen Schwerpunkte setzen. Man wird generell aufmerksamer, hört weibliche oder feministische Positionen eher. Und die machen sich auch bemerkbar: Früher war es eher ein Klagen, jetzt ist es ein Fordern. Ein selbstbewusstes Fordern!

artemisia.blog: Wie äußert sich das?

Krejs: Das habe ich in Gesprächen mit Künstlerinnen festgestellt. Das Sich-Positionieren in der Performancekunst betrifft ja alle. Trotzdem sieht man, dass Frauen sehr stark auftreten, politisch werden, auch neue Mittel dafür einsetzen. Auch in der digitalen Kunst, die sehr stark alle Sinne anspricht, werden feministische Themen aufgenommen. Man vergisst ja auch oft, dass Frauen schon früh das Medium Video entdeckt haben. Künstlerinnen haben Performances aufgenommen, oft haben die männlichen Kollegen das Medium dann erst später entdeckt. Da wurde aber viel nicht wahrgenommen.

Martha Wilson
Martha Wilson, „Beauty is in the eye“, 2014. Foto: Michael Katchen, Makeup: Melissa Roth

 

artemisia.blog: Wie hat sich deine Haltung gegenüber dem Feminismus entwickelt? Gab es irgendwann einen ausschlaggebenden Moment, an dem dich das Thema zu ineressieren begann?

Krejs: Feminismus hat mich schon immer interessiert. Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen, anscheinend war ich immer aufmüpfig, wie mir erst jetzt mal gesagt wurde. Dass Frauen schlechter bezahlt werden, auch oft im Kulturbetrieb: Das war schon immer ein Thema. Hier habe ich eben entdeckt, dass es eine Lücke gibt in Sachen Performancekunst.  Was mir ein Anliegen ist: Feministische Kunst soll ein Thema wie alle anderen werden, rauskommen aus der Nische.

 

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