Die Universalgelehrte

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Alle anderen haben jetzt in Venedig wahrscheinlich schon die Ausstellung „The Parents Bedroom Show“ von Elisabeth von Samsonow und Juergen Teller gesehen. Die läuft noch bis Ende Juli. Ich werde erst im Herbst nach Venedig kommen, und dann ist’s zu spät, Mist. Dafür traf ich Elisabeth von Samsonow unlängst in ihrer Ausstellung bei Andrea Jünger. Intensive, farbkräftige Malerei empfängt das Publikum im Erdgeschoss der Galerie. Die Motive sind meist einfach, manchmal leicht surreal angehaucht: eine große Kykladenfigur vor weiter Landschaft, eine nackte sitzende Frau mit Pferdekopf, speiende Vulkane. „Ich habe in der Malerei nach einer Form gesucht, wie das Verhältnis zwischen Innen und Außen aussehen könnte“, sagt die Künstlerin vor dem Gemälde mit den Vulkanen.

"Elisabeth von Samsonow. She's got it!", Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)
„Elisabeth von Samsonow. She’s got it!“, Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)

Das Archaische und Mythologische interessiert sie, und vieles davon betrachtet sie aus einem feministischen Blickwinkel. So ist sie überzeugt davon, dass eine Frau die Venus von Willendorf geschaffen hat. Und es stört sie wahnsinnig, dass die Kykladenfiguren, die so oft in ihren Werken auftauchen, oft keinen Mund haben.

Proliferationswelt

Im Keller der Galerie – spektakulär! – erzählt sie dann von ihrer Theorie, in der sie Kapitalismus und Fortpflanzung verbindet. „Die Münze ist der Körper der jungen Frau“, sagt sie, als wäre es das Logischste auf der Welt. Wie bitte, noch einmal langsam? Na, das Geld solle sich im Kapitalismus ja ebenso vermehren wie die Tochter, die eines Tages Kinder auf die Welt bringen soll, sagt Elisabeth. In dieser „Proliferationswelt“ stehe die Tochter für „die Potenz“. Diese symbolisieren in der Schau die großen Brezen, auf denen kleinere sitzen. Und in Elisabeths Text „The Song oft he Money Girl“ heißt es: „Ein Mädchen=zehn Menschen / Ein Territorium=zehnmal sein eigener Körper / Ein Mädchen ist Territorialgeld, admonitio, monete, money, gibt acht, Vorsicht!!“

"Elisabeth von Samsonow. She's got it!", Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)
„Elisabeth von Samsonow. She’s got it!“, Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)

Im verfliesten Keller baute sie auch eine Bühnensituation auf, in der bewegliche Statuen platziert sind: Holzobjekte, die Röckchen tragen wie Balletttänzerinnen und auf Rollen fahren können. Vor dieser Arbeit erzählt die Künstlerin dann über Daedalos, der erste anthropoide Automaten konstruiert hat, unter anderem weibliche. Diese seien vor seinem Labyrinth auf- und abgegangen, um den Eingang zu schützen. Und er habe sie sogar angekettet, damit sie nicht fliehen könnten. Hier wird die Kette zu einem tüllumwickelten Strang. Starr stehen die hölzernen Figuren, die Füße zusammengewachsen, die Arme um den Oberkörper verknotet, statt eines Gesichts tragen sie eine Platte. Sie können rollen und bleiben doch immobil. 

"Elisabeth von Samsonow. She's got it!", Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)
„Elisabeth von Samsonow. She’s got it!“, Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)

Steinzeit ahoi

Oft haben sich jene, die Frauen auf ihre tradierten Rollenbilder festlegen wollten, auf die Urgeschichte berufen. In der populistischen Ausformung kamen so intelligente Publikationen heraus wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (wieso nur verhält es sich bei meinem Mann und mir genau umgekehrt?). Ist es von einem feministischen Standpunkt aus betrachtet also problematisch, sich auf Steinzeitvorstellungen zu berufen, auf das Archaische? Etwa essenzialistisch? Nein. Nicht, wenn man die Frühgeschichte zurückerobert. Im Ausstellungskatalog der Künstlerin, den die Zeitkunst Niederösterreich 2016 herausbrachte, schreibt Suzana Milevska, die Künstlerin überwinde „die binäre Gegenüberstellung von essenzialistischem und materiellen/kulturellen Raum.“

Samsonow
„Elisabeth von Samsonow. She’s got it!“, Galerie Andrea Jünger (Foto: NiS)

Eco, weiblich

Hinter ihren Arbeiten steht ein gewaltiges Gedankengebäude, besser in einer dieser Publikationen nachzulesen. Elisabeth von Samsonow weiß die unwahrscheinlichsten und verblüffendsten Geschichten aus Mythologie und Prähistorie zu erzählen. Kein Wunder, sie hat alles mögliche studiert und beforscht, ist Philosophin und Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Erst unlängst sprach sie äußerst kurzfristig und kundig im ORF Kulturmontag über Notre Dame. Wie so viel Wissen und Kunst in ein einziges Leben hineinpasst? Keine Ahnung.

Als Umberto Eco starb, hieß es mancherorts, der „letzte Universalgelehrte“ sei nun dahingeschieden. So etwas können nur Leute schreiben, die Elisabeth von Samsonow nicht kennen. 

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