Chiara Varotari, Porträtistin und Krankenschwester

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Zu Neujahr nahm ich mir heuer vor, mehr Urlaub zu machen. Bisher klappt es so mittelprächtig. Aber immerhin: Vorige Woche war ich im Veneto. Als echte Kulturspießerin musste ich natürlich die Giotto-Fresken in der Cappella degli Scrovegni besichtigen. Eine echte Prozedur: Man muss Tickets für einen Time Slot vorbestellen, wirft dabei dreimal die Nerven weg und muss dann eine Stunde früher kommen.

Bereits etwas genervt betrat ich in dieser Stunde das Museo d’Arte Medievale e Moderna, dessen Besuch man quasi mit dem Ticket mitkauft. Die Wartestunde hat sich ausgezahlt, denn dieses Museum ist toll, mit großartiger Kunst. Unter anderem sah ich eine entzückende „Heilige Familie“ von Polidoro da Lanciano aus dem frühen 16. Jahrhundert, bei der Josef dem Jesuskind liebevoll ein offenbar selbstgebautes Wägelchen präsentiert. Vielleicht ist die Vorstellung, dass sich Väter um ihre Kinder kümmern, ja doch gar nicht so sehr 21. Jahrhundert?

Chiara Varotari, Porträt eines Mädchens, Museo Civico, Padua (Foto: NiS)
Chiara Varotari, Mädchenbildnis, Museo d’Arte Medievale e Moderna, Padua (Foto: NiS)

Doch die eigentliche Überraschung lauerte einige Räume weiter. Denn, ich traute meinen Augen kaum, stand da doch tatsächlich ein weiblicher Name unter vier Bildern: Von Ginevra Cantofoli, einer Bologneser Porträtistin, habe ich noch nie zuvor gehört. Zwei Räume weiter stieß ich dann auf eine meiner Meinung nach noch spannendere Künstlerin: Chiara Varotari, die in Padua von 1584 bis nach 1663 lebte. Mit zwei Künstlerinnen scheint mir dieses Museum eine höhere Frauenquote zu haben als das KHM.

Chiara Varotari, Portrait einer Dame (Pantasilea Dotto Capodilista), ca. 1630, Museo Civico, Padua, Detail (Foto: NiS)
Chiara Varotari, Portrait einer Dame (Pantasilea Dotto Capodilista), ca. 1630, Museo d’Arte Medievale e Moderna, Padua, Detail (Foto: NiS)

Ungeschönt

Varotaris Porträts jedenfalls besitzen einen Realismus, der seinerzeit teilweise verstörend gewirkt haben musste. Da ist zum Beispiel das Bildnis einer Frau namens Anzola Muneghina. Leicht melancholisch blickt diese aus einem Oval, ihr Mund wirkt verschwommen, sie hat Augenringe und eine rote Nasenspitze (Alkoholprobleme etwa?). Auch das Porträt der Pantasilea Dotto Capodilista ist alles andere als lieblich oder grazil. Mit ihrer hoch aufgetürmten Haarpracht und in ihrem reich ornamentierten Gewand nimmt sie eine etwas steife Haltung ein. Ihr Gesicht glänzt, doch der Blick richtet sich aufmerksam auf ihr Publikum. Es gibt auch zwei Kinderporträts, die einander gegenüber stehen, sich direkt anblicken. Die Bildnisse blenden jeden Hintergrund aus, sind vor einer schwarzen monochromen Fläche dargestellt, ganz direkt. Stoffe, Haare und Inkarnat sind so intensiv modelliert, dass man die Figuren direkt angreifen möchte. 

Chiara Varotari, Knabenporträt, Museo Civico, Padua (Foto: NiS)
Chiara Varotari, Knabenporträt, Museo d’Arte Medievale e Moderna, Padua (Foto: NiS)

„Treue Krankenpflegerin“

Trotz meines elenden Italienisch konnte ich noch ein bisschen etwas herausfinden über Chiara Varotari: nämlich dass sie in Padua geboren wurde, dann – eh klar – in der Werkstatt ihres Vaters Dario lernte und nach dessen Tod mit ihrem Bruder und Kollegen nach Venedig zog, wo sie lange lebte. Sie etablierte sich als Porträtistin des Großbürgertums und dürfte auch selbst Malerinnen unterrichtet haben. Im Gegensatz zu vielen Malerinnen, die sukzessive aus der Kunstgeschichte hinausgeschrieben wurde, ist sie in einigen Lexika verzeichnet, auch im 19. Jahrhundert.

Zufällig stieß ich auf ein Buch mit dem Titel „Die Frauen in der Kunstgeschichte“ 1858 von einem Ernst Guhl verfasst. Darin heißt es über Varotari: „Sie war die Schwester des […] gefeierten Malers Alessandro Varotari und hat sich vielfach an der Ausführung von dessen Werken betheiligt. Zu nicht minderer Zierde gereicht ihr der Ruhm, den sie als dessen treue Krankenpflegerin am Krankenbette errungen hat […], auf der so manches edle Frauenherz seine stillen Heldenthaten ausübt.“ Aber gut, man sollte keine Zeit damit verplempern, sich über Zeug aus dem 19. Jahrhundert zu ärgern (außerdem kann es fast als protofeministisches Signal gewertet werden, wenn sich einer überhaupt mit weiblichem Schaffen befasste). 

Chiara Varotari, Anzola Muneghina, Museo d'Arte Medievale e Moderna, Padua (Foto: NiS)
Chiara Varotari, Anzola Muneghina, Museo d’Arte Medievale e Moderna, Padua (Foto: NiS)

Varotaris Selbstbewusstsein

Bemerkenswert ist auch: Varotari scheint sich selbst sehr bewusst mit ihrer Rolle als Künstlerin auseinandergesetzt zu haben. Auf ihrem Porträt der Muneghina nimmt ihre Signatur breiten Raum ein, ebenso der Zusatz „pinxit“. Damit wird klar: Varotari ist die eigene Autorinnenschaft wichtig, sie will eben nicht bloß das Anhängsel irgendwelcher männlichen Familienmitglieder sein. Außerdem verfasste sie ein Traktat mit dem Titel „Apologia del sesso femminile“, also eine „Verteidigungsrede des weiblichen Geschlechts“. 

Jetzt muss ich nur noch endlich so gut Italienisch lernen, dass ich die eines Tages lesen kann. 

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