Selma Burke, Motorrad-Mädchen und Dime-Designerin

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Die afroamerikanische Bildhauerin Selma Burke studierte in Wien und lieferte die Vorlage für den Dime. Weiß nur keiner.

Wenn Selma Burke in den 1930er-Jahren mit ihrem Gefährt durch die Gegend flitzte, sorgte sie für Aufsehen. In einem Interview erinnerte sich die Künstlerin 1979: „Auf diesem Motorrad habe ich einige Aufregung verursacht, weil ich ja nicht nur schwarz war, sondern überhaupt: Die Vorstellung, ein Mädchen auf einem Motorrad zu sehen, war schon seine Sensation.“

Ich habe bis vor wenigen Monaten noch nie von der Künstlerin, 1900 als siebtes von zehn Kindern geboren und im hohen Alter von 95 Jahren verstorben, gehört. Noch weniger davon, dass ihr Kunstwerk bereits durch Milliarden von Händen gegangen ist (dazu später). Erst Stefan Benedik, Kurator am Haus der Geschichte Österreich, erzählte mir von ihr. Die Geschichte der amerikanischen Bildhauerin ist einfach atemberaubend, in vielerlei Hinsicht. Und in Österreich kaum bekannt. Obwohl sie zwischen 1935 und 1937 die meiste Zeit in Wien verbrachte, bei Michael Powolny an der Kunstgewerbeschule (also der Vorläuferin der Angewandten) studierte, mit Kolleginnen und Kollegen der Secession unterwegs war. Als Frau war sie nicht die einzige, als Schwarze schon.

Präsentation Selma Burke, Haus der Geschichte Österreich (Foto: NiS)

„Sie war Frau, Schwarze und in Wien eine Ausländerin, wies aber alle Formen der Viktimisierung zurück und begriff sich selbst als Handelnde, Aktive“, erzählt Benedik. Er präsentiert im neuen Museum einige Kunstwerke von und Archivalien zu Burke, die der seit Jahren über die Künstlerin forschende Kunsthistoriker Christian Kravagna ausfindig gemacht hat. In der Mini-Präsentation hängt eine Zeichnung von Hans Böhler, damals Burkes Freund. Eine Frau mit wachen Augen blickt uns darauf entgegen. Ganz richtig sagt Nikolaus Thoman, kuratorischer Assistent des HdGÖ, darüber in einem Video: „Sie wird dargestellt als Intellektuelle.“

Selma Burke
Hans Böhler: Liegende, Haus der Geschichte Österreich (Foto: NiS)

Auf einem Foto erscheint Burke, gut gelaunt, im schicken Kostüm, mit Zigarette in der Hand, offenbar vor einem Heurigen – „Ausschank. Orig. österr. Land Gebirgs Weine“ steht auf einer Tafel hinter ihr. Und in der Zeitschrift „Österreichische Kunst“, hier als Faksimile dargestellt, lobt ein Autor ihre Torsi und Porträts, bisweilen zwar etwas verschwurbelt („Es ist etwas Visionäres, eminent Suggestives in ihren Gestalten und Gesichten, es ist Natur, aber gesehen durch das reinste Medium, die Seele“). Doch gleichzeitig heißt es, ihr Werk lehre „die absolute Sinnlosigkeit eines rassisch determinierten Kunstbegriffs“ – was im Wien des Jahres 1937 wahrscheinlich ein mutiges Statement war. Übrigens studierte Selma Burke auch bei Aristide Maillol, und Henri Matisse soll sich anerkennend über sie geäußert haben. Bereits vor ihren Wiener Jahren war sie Teil der Harlem Renaissance, einer kulturellen Aufbruchsbewegung Harlems in den Twenties gewesen.

Selma Burke
„Österreichische Kunst“; Zeitschrift des Zentralverbands bildender Künstler Österreichs, Oktober 1937, ÖNB

Als Burke wieder zurück in die USA kam, ging es bergauf mit ihrer Karriere. Denn dort gründete sie nicht nur eine Kunstschule, sondern wurde auch zu einer beliebten Porträtkünstlerin. Duke Ellington, Martin Luther King und viele andere skulptierte sie. Doch am berühmtesten ist jenes Relief, das gar nicht unter ihrem Namen bekannt wurde. Es ist bereits durch Milliarden von Händen gegangen: Denn es ist auf auf der Dime-Münze zu sehen, die seit 1946 im Umlauf ist. Es handelt sich um ein Porträt von Franklin D. Roosevelt, das  offiziell von einem Münzschneider namens John R. Sinnock stammt, dessen Initialen bis heute ebenfalls im Dime eingraviert sind. Doch tatsächlich kopierte ganz offensichtlich eine Plakette, die Burke gestaltet hatte! Was er selbst natürlich bestritt.

Heute sind Wissenschafterinnen und Wissenschafter weitgehend der Meinung, dass Burkes Roosevelt-Relief tatsächlich als Vorbild diente. Die Künstlerin selbst meinte irgendwann bloß abgeklärt: „Alle wissen, dass ich es gemacht habe.“ Wäre das Relief nicht von Selma Burke sondern von Erwin Wurm gewesen, hätte der gute Herr Sinnock wahrscheinlich Haus und Hof verloren.

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