Feministischer Spirit

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Niederösterreich ist mein neues Terrain. Da tut sich was. Vorigen Samstag zum Beispiel, lud die Landesgalerie in Krems, Wochen vor ihrer Eröffnung, zu einem „Mini-Symposium“, wie sie es nannte. „Cross Over. Women’s Art in Time“ hieß es. Anlass war die Ausstellung von Renate Bertlmann dort, die zwei Wochen nach der Biennale, wo sie ja den Ö-Pavillon bespielt, eröffnet („Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit“). Eingeladen waren Brigitte Borchhardt-Birbaumer, die schon vor Jahrzehnten über Renates Arbeiten schrieb. Und Stefania Pitscheider Soraperra vom Frauenmuseum Hittisau, die zeigte, wie feministische Arbeit im ländlichen Raum (mit leider immer zu wenig Geld) gehen kann. „Man gibt uns zwar Preise, aber die Finanzierung ist immer knapp“, sagte sie. Nach ihrem Vortrag meinte Katharina Brandl, Leiterin des Kunstraum Niederösterreich, das jetzt alle im Saal nach Hittisau wollten. Damit hatte sie völlig recht.

Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Brigitte Borchhardt-Birbaumer © Landesgalerie Niederösterreich/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl

Wenig bis belanglos

Brigitte Borchhardt-Birbaumer rollte in ihrem Vortrag die zähe Rezeption von Renate Bertlmanns Arbeit auf und zeigte, wie skeptisch und zurückhaltend diese in Österreich aufgenommen wurde im Vergleich zu anderswo. Schließlich stellte die Künstlerin schon früh an so großartigen Orten wie Franklin Furnace, der De Appel Stichting oder der Villa Stuck in München aus.

Für Brigitte stellte sich angesichts dessen „die unangenehme Frage, warum 47 Jahre lang, ab 1969 mit der inszenierten Fotoserie ‚Verwandlungen‘ bis zur ersten Personale von Gabriele Schor in der Sammlung Verbund 2016 nur wenige Werke der Künstlerin in Wiener Museen und Galerien zu sehen waren, von den Institutionen noch weniger angekauft wurden, die Vergabe des Preises der Stadt Wien an sie in Fachjurys Jahrzehnte zur Diskussion stand, Theoretiker_innen sich mit einer frühen Ausnahme (Peter Gorsen) nicht mit ihrem Werk befassten und Kunstkritiker_innen wenig und meist belanglos berichteten.“ In der ersten Reihe saß der frühere Mumok-Chef Edelbert Köb und lauschte. Ob er sich wohl betroffen fühlte?

Wo bleibt die hehre Theorie?

Renate Bertlmann, Viagra, 1998 © Künstlerin/Bildrecht, Wien, 2019
Renate Bertlmann, Viagra, 1998 © Künstlerin/Bildrecht, Wien, 2019

Jedenfalls hatten die Herren so ihre Probleme mit der Kunst von Renate Bertlmann. Wie Brigitte zeigte, sprach ihr zum Beispiel Kristian Sotriffer, Kunstkritiker der Presse, die Ironie ab. Ausgerechnet dieser Künstlerin! Das kann man wohl selbst nur als Treppenwitz betrachten. Die Kunsthistorikerin erinnerte sich an weitere Gründe für die Ignoranz: „Fragte man damals nach, wieso sich keiner für die subversiven Konzepte Bertlmanns interessiere, kam schnell die Keule fehlender hehrer Theorie, aber auch Qualitätskriterien wurden fallbeilartig nachgeschickt.“ Auch die Tatsache, dass Renate Bertlmann in „Neuen Medien“ machte, wurde kritisiert: „Ein Video galt als unklar in der Haltbarkeit und daher nicht ankaufswürdig. Fotografie als reine Doku war noch nicht von künstlerischem Wert.“

Interessante Zeiten

"El-Ella", 1986, © Renate Bertlmann / Bildrecht, Wien, 2019
„El-Ella“, 1986, © Künstlerin/Bildrecht, Wien, 2019

Nach den Vorträgen moderierte Katharina Brandl eine etwas zu kurze – Diskussion, bei der auch die Künstlerin selbst aufs Podium trat. Sie erzählte davon, wie sie einmal in der Fotogalerie Wien auf Studentinnen getroffen sei und diese begierig ihre Erinnerungen aufgesogen hätten. „Sie waren ganz aufgeregt darüber, was für eine interessante Zeit das war im Vergleich zu ihrer Zeit“, sagte sie. 

Paradox, eigentlich: In den Siebzigern wurde eine junge Künstlerin wie Bertlmann ignoriert. Heute werden gerade Nachwuchskünstlerinnen gefördert. Bei Preisen und Stipendien für Unter-Vierzigjährigen ist höchstwahrscheinlich Parität erreicht – später schaut es dann leider eh wieder ganz anders aus. Doch gleichzeitig fehlt offenbar manchen der feministische Spirit damaliger Zeiten. Man sollte diese allerdings auch nicht glorifizieren. Diesen angeblichen chinesischen Fluch mit den „interessanten Zeiten“, den kennen wir ja.

Renate Bertlmann
Renate Bertlmann © Landesgalerie Niederösterreich/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl

Ein Kommentar

  1. Kenne das. Bin JG 54…, könnte hier jetzt xxx Sie-fahrungen zum Thema bringen. Samt Ignoranz & Verrats-storys von Künstlerinnen-Kolleginnen dazu, die damit meist ihre eigenen Mini-Chancerln auf Mini-Karriererln zu wahren dachten….und den vielfältigen Versuchen von ???, mich als relativ hübsche Person real zu ***VERHURISIEREN***. Nun ja. Bei uns ist`s zur Zeit ständig wo Thema, was *auch* ich damals schon künstlerisch bearbeitet habe, und was inzwischen offiziell(er) werden DARF. 😉 Offenbar muss frau als Kunst-schaffende MenschIN nur alt genug werden, um´s zu SIEleben, dass sich sogar PatriARSCHen-Zeiten etwas ändern… Mit Femi-Gruss, Bri L-R (PS; Gorsen sass mal auf dem Podium, um AUCH meine Arbeiten als `Pornografie`zu ERläutern, ich durfte da nur im Publikum sitzen und mir nur mühsam SELBST Gehör verschaffen…etcetc..)

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