Wir Hauptstadtmenschen übersehen oft das Geschehen in den Bundesländern außerhalb Wiens. Als bestens verwurzelter Stadtpflanze geht es mir so, als Kind der Provinz ist es mir immerhin bewusst. Aber was für Pionierinnentaten entgehen einer, die nur zwischen Wien und anderen Großstädten herumspringt! Zum Beispiel die Serie an Künstlerinnen-Erstausstellungen, die Sabine Breitwieser als Direktorin des Museums der Moderne Salzburg präsentierte, oder die Sammlungsausstellung von Künstlerinnen im Lentos Kunstmuseum Linz, eine der ersten dieser Art, 2004 unter dem Titel „Paula’s Home“ von der damaligen Direktorin Stella Rollig angestoßen. Im Süden Österreichs setzt nun das Museum moderner Kunst Kärnten (MMKK) einen feministischen Schwerpunkt mit der Ausstellung „Subjekt. Frau. Objekt“.* Direktorin Christine Wetzlinger-Grundig und Theaterregisseurin Ute Liepold werfen damit einen feministischen Blick auf eine Kunstsammlung, die dafür niemals angelegt war.

Chronologie klappte nicht – zum Glück!
So trocken der Titel, so lebhaft die Dramaturgie dieser Ausstellung, die in elf thematischen Kapiteln aufgebaut ist. Ursprünglich planten die beiden Kuratorinnen, eine Chronologie der weiblichen Kärntner Kunst der vergangenen 200 Jahre zu erzählen. Das klappte nicht, was ein Glücksfall ist. Die Sammlung, so steht es im einführenden Wandtext, habe dafür zu viel Lücken, zudem sei das Vorhandene „nicht immer von bester Güte“. Das als Institution öffentlich einzugestehen, erfordert einen gewissen Mut. So erarbeiteten die Kuratorinnen stattdessen entlang der Sammlungsbestände feministische Fragestellungen. Dass dabei da und dort auch männliche Positionen vorkommen, schadet dabei nicht. Im Gegenteil: Gerade an diesen offenbart sich, was die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey einst mit dem längst gängigen Begriff „male gaze“ bezeichnete.

Ornamente, Idyllen und Verstrickungen
Gleich im ersten Saal zeigen die Kuratorinnen Grundlegendes auf, nämlich die Konstruiertheit der Kategorie Frau – etwa mit der über und über mit ornamentiertem Textil bedeckten Figur („Aus Jemen – alt“) von Alina Kunitsyna, treffend platziert neben Kiki Kogelniks „Lady with Triangles“, die ebenfalls ein heftig gemusterter Stoff überwuchert. Weiter geht es mit dem Kapitel „die Rolle“ und durchaus kritischen Blicken auf Exponate des Hauses, etwa Robert Streits idyllisierende „Mutter mit Kind“, ein krasser Gegensatz zu Maria Lassnigs schlichtweg göttlichem Gemälde „Die große Mutter“ (1964). So wie sich hier diverse Figuren ineinander schieben, wie Mutter und Kind in einem komplexen, komplizierten Gemenge verstrickt sind, wie in einem Vexierbild: Ewig hätte ich das Bild anschauen können. Gelungen sind auch jene Räume, die sich um Handarbeit drehen, unter anderem mit einer feinen Wandarbeit aus Papier von Birgit Knoechl, und um die Stereotypisierung von Frauen. Dort hängt auch ein Gemälde eines meiner männlichen Lieblingskünstler, nämlich von Werner Berg – vier uniforme Bauernfrauen, alle mit Kopftuch, in einer Kirche.

Frei von Unterhosen
Durchgängig öffnen tolle Gegenüberstellungen neue Denkräume. Etwa die von zwei semi-abstrakter Body-Awareness-Bildern Lassnigs mit einer von der Decke baumelnden, extremitätenlosen Stofffigur der 1982 geborenen Andrea Vilhena. Ihr Name war mir neu, im Gegensatz zu dem von Ines Doujak. Sie ist hier mehrfach vertreten, unter anderem mit der Serie „Brechlerinnen“ (2008/09) – benannt nach Frauen, die Flachs verarbeitet haben und aus deren Handwerk ein Brauchtum mit Tänzen und Festen entstand. Hier heben sie, von unten fotografiert, ihre Röcke und tanzen, befreit von ihren Unterhosen. Jede von ihnen ist nach einer Nymphe benannt, zudem spielen indigene Völker in Lateinamerika eine Rolle – ein komplexes System an intelligenten Verweisen, das aber auch Leichtigkeit, Spaß und Freude vermittelt.

In jedem Raum steht ein signifikantes Zitat an der Wand; für ein erstes Verständnis reicht es oft schon, nur dieses zu lesen. Zum Beispiel: „Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet“ von Laurie Penny. Oder: „We are two-legged wombs, that’s all: sacred vessels, ambulatory chalices“ von Margaret Atwood.
Weite und Tiefe
Eines der Ausstellungshighlights dieses Jahres war „Radikal. Künstlerinnen* und Moderne 1910–1950“ im Belvedere. „Subjekt. Frau. Objekt“ entstand unter ganz anderen Voraussetzungen, war budgetär und geografisch von vornherein weitaus begrenzter, ist jedoch nicht weniger sehenswert. Wenn die Belvedere-Schau in die Weite arbeitete, so blickt diese hier in die Tiefe, ins Innere der eigenen Museumsbestände. Beiden gelang ein originärer Zugang, der weitaus mehr zeigte als einfach nur Kunst von Frauen. Sollte es euch also demnächst nach Kärnten verschlagen, schaut euch die Ausstellung an. Oder fahrt hin, die ÖBB braucht von Wien aus bald nur mehr gute drei Stunden. Und dann besucht auch das im Herbst eröffnete Maria Lassnig Atelier. Dank der Expertise von Natalie Lettner, Lassnigs Biografin, warten Videos und Diashows dort mit neuen Perspektiven auf die Malerin auf und entwickeln dabei eine ungemeine Sogkraft. Wie auch die Ausstellung „Subjekt. Frau. Objekt“.
*Transparenzhinweis: Das Museum lud mich im November 2025 zu einem Vortrag über Kunst und Feminismus ein.
Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, der mich sehr neugierig auf die Ausstellung „Subjekt.Frau.Objekt“ macht und auf jeden Fall ein Grund für eine Bahnfahrt nach Klagenfurt ist.
Danke, sehr gern – freut mich!