Dicker-Brandeis statt Stelzhamer!

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Unlängst, am Weg auf die Bibliothek der Angewandten, stolperte ich über den Namen Franz Stelzhamer. Nach dem Herrn ist eine Gasse benannt, zwischen der Vorderen Zollamtsstraße und der Gigergasse. Unter dem Straßenschild erläutert eine Zusatztafel: „Franz Stelzhamer (1802–1874), Mundartdichter, Lyriker und Autor von Novellen. Verfasser der oberösterreichischen Landeshymne. Viele seiner Texte sind geprägt von antisemitischen Stereotypen.“ Der Name kam mir noch woanders her bekannt vor. Daheim am Computer sah ich dann in dem Ordner zu meiner Dissertation über die Zeitschrift „Kunst dem Volk“ nach, die Adolf Hitlers Fotograf Heinrich Hoffmann von 1939 bis 1944 herausgab. In einer Ausgabe des Jahres 1943 besingt jemand Stelzhamer unter dem Titel „Künstler sehen die Heimat des Führers“. Der Autor zitiert dafür aus dem Gedicht „Hoamatgsang“: „‚Dahoam is dahoam, wannst nöt furt muaßt, so bleibt, die Hoamat is deanta der zweit‘ Muadaleib!‘“ Seit 1952 sind diese Zeilen Teil der oberösterreichischen Landeshymne. 

Unsichtbares Taferl

Denen, die das entschieden haben, störte es wohl nicht, dass Franz Stelzhamer antisemitische Gedichte schrieb. In einem Text mit dem Titel „Jude“ bezeichnet er „den“ Juden als „Riesenbandwurm“, der sich „um die Ernährungsorgane eines jeden kultivirten Staatskörpers“ winde. Dieser sei „zufrieden, daß er heute oder morgen, da oder dort seinen Bandwurmrüssel, gleichviel, an die offene Wunde, oder an die Errungenschaft anlegen kann und – saugen.“ Die IG Autorinnen Autoren forderte im Februar, die Landeshymne neu auszuschreiben. Daraufhin antwortete der Landeshauptmann, man müsse „Franz Stelzhamer im gesamten Kontext des 19. Jahrhunderts betrachten. Er war leider wie viele andere seiner Zeit auch vom Antisemitismus geprägt.“ 

Antisemitische Avantgarde

Tatsächlich? Der Schriftsteller Ludwig Laher hat sich intensiv mit Stelzhamer und der Forschung über ihn auseinandergesetzt. Er kommt zu einem anderen Schluss: „Der Dichter war nicht Nachbeter von Vorurteilen, sondern Avantgarde.“ Warum muss eine Straße in Wien nach Stelzhamer benannt sein? Die Stadt Wien ließ ihre Straßennamen vor einigen Jahren sogar auf problematische Persönlichkeiten untersuchen – das Ergebnis war in diesem Fall eben: das Taferl. Doch das Taferl sieht man auf Stadtplänen halt nicht. Die Lösung ist keine. Darauf haben schon, wie Kollege Thomas Trenkler berichtete, auch andere schon reagiert.

Wer Straßenumbenennungen fordert, setzt sich dem Vorwurf aus, Geschichte ausradieren zu wollen; erst heute äußerte sich der Historiker Oliver Rathkolb im „Standard“ entsprechend.

Doch wie steht es um all jene, die schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten einfach ignoriert wurden von der Manifestation der Geschichte via Straßennamen? Die großartige Schriftstellerin Gertraud Klemm erzählt in der Reihe „Gedanken“ auf Ö1 (bitte unbedingt nachhören, noch bis 17. Oktober) über die Frauenspaziergänge von Petra Unger. Hier zeige sich, so Gertraud Klemm, „wer Platz kriegt, wer die Denkmäler kriegt, wer die Unsterblichkeit bekommt, und das sind halt immer nur Männer.“ 

Friedl Dicker-Brandeis
Friedl Dicker-Brandeis, Foto: Wikimedia Commons

Wieso nicht den Namen eines Antisemiten ersetzen durch den von einer, die dem Antisemitismus zum Opfer fiel? Wieso nicht einen, der Avantgarde des Antisemitismus war, weichen lassen zugunsten einer, die Avantgarde der Kunst war? Das wäre mal was.

Ich schlage die 1898 geborene Friedl Dicker-Brandeis vor. Ihre tollen Arbeiten waren in der so wichtigen Ausstellung „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnnen bis 1938“ im Jüdischen Museum zu sehen, sie lebte lang in Wien und erfuhr hier prägende Jahre. Bis heute ist keine Gasse, kein Platz, geschweige denn eine Straße nach ihr benannt, nur ein schiacher Gemeindebau.

Friedl Dicker-Brandeis ins Zentrum

Friedl Dicker-Brandeis gehörte zu den wenigen Kunstschaffenden in Österreich, die der historischen Avantgarde zuzurechnen sind. Sie ging ans Bauhaus, schuf schon früh Fotocollagen, arbeitete auch als Designerin und Bühnenbildnerin. Viele ihrer Arbeiten waren hochpolitisch, vor allem die Collagen.

1942 wurde sie ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort gab sie Kindern Zeichenunterricht – das muss man sich mal vorstellen! In der Monografie über Dicker-Brandeis, verfasst von Elena Makarova, sind die Werke der von ihr Unterrichteten abgedruckt. Es schnürt einem das Herz zusammen. Zehnjährige, die SS-Schergen zeichnen. Das vergisst man nicht.

1944 ermordeten Friedl Dicker-Brandeis jene, deren Ideologie der Antisemitismus war, in Auschwitz. 

Friedl Dicker-Brandeis
Friedl Dicker-Brandeis, So sieht sie aus, mein Kind, diese Welt, 1933, Foto © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Oswald Oberhuber

Ist so eine Künstlerin nicht viel würdiger, einen Straßennamen zu erhalten als ein Heimatdichter, der Menschen als Bandwürmer und Blutsauger bezeichnete? 

In Wien trugen 2015 von 4269 Straßen, die nach Personen benannt sind, nur 356 weibliche Namen. Mittlerweile sind etwas mehr hinzugekommen, in der Seestadt Aspern nämlich. Es ist zwar nett, wenn Straßen an der Peripherie nach Frauen benannt werden, doch verdienstvolle Persönlichkeiten wie Friedl Dicker-Brandeis gehören ins Zentrum. Benennt die Stelzhamergasse um! 

Die Website des Landes Oberösterreich verschweigt den Antisemitismus des Franz Stelzhamer übrigens noch immer. 

Friedl Dicker-Brandeis
Friedl Dicker-Brandeis, Gegenwart und Zukunft des Kindes, 1932, Foto © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Oswald Oberhuber

Die schon wieder verschobene Elena Luksch-Makowsky dann aber echt und fix beim nächsten Mal.

2 comments

  1. Liebe Nina, danke für deinen Artikel. Kennst du Ruth Maier? https://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Maier
    Mein Kollege Georg Rigele, Historiker, hat mich auf diese Autorin aufmerksam gemacht. Ich fände es sehr wichtig, auch ihr Werk bekannter zu machen. Es gibt auch eine Grabstätte/Gedenkstätte von ihrer Familie am Währinger Friedhof. Sie ist Wienerin und emigrierte nach Norwegen (verfasste dort Tagebücher) und wurde von dort nach Ausschwitz gebracht und ermordet. Meiner Meinung nach ist sie in Österreich viel zu wenig bekannt.
    Lg, heike

    1. Danke, Heike, für den Hinweis! Kannte ich nicht, dabei bin ich Währingerin. Es gibt noch genug Straßen, die man umbenennen sollte!

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