Es regnet Porzellan

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Was für eine Erscheinung! Sneakers, bauschiger Rock in Metallic-Streifen, wirre Perücke, goldene Maske, umgeschnallte Brüste, Leoprintbluse: Derart ausgestattet, hüpft und tanzt eine Gestalt, Geschlecht ungewiss, durch Naomi Rincón Gallardos Video „Heavy Blood“ (hier kann man Ausschnitte daraus ansehen). Sie vollführt ein mysteriöses Ritual, gemeinsam mit anderen. Sie schlürfen rote Flüssigkeit aus einem Schlauch, grunzen animalische Laute in ein Mikrofon, schreien und kreischen. Dazu spielt eine, ebenso flamboyant ausstaffierte, Brassband. All das findet in einer kargen Landschaft statt. Die Figuren sind Geister, die sich für den Kolonialismus in Lateinamerika rächen und dafür ihre eigene Ausbeutung überwinden. „In meinen Organen fühle ich die Körper, die verschwunden sind“, heißt es an einer Stelle. Und: „Meine Zähne sind verschwunden, doch ich werde weiter beißen.“ 

Gillian Dykeman, Dispatches from the Feminist Utopia 2016  (c) Gillian Dykeman, Stone Telling
Gillian Dykeman, Dispatches from the Feminist Utopia 2016  (c) Gillian Dykeman

Tragetaschen-Theorie

Die Arbeit ist eines der Werke in der Ausstellung „Stone Telling“, die Daniela Hahn und Andrea Lehsiak für den Kunstraum Niederösterreich kuratiert haben. Aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Blogs erinnern sich vielleicht an die Empfehlung bereits zu Anfang des Jahres. Und tatsächlich gelang den Kuratorinnen hier die gute Aufarbeitung eines ziemlichen Nischenthemas: Es geht um feministische Science Fiction und deren Reflexion in der Kunst. Sowohl das eine wie auch das andere war mir bisher völlig unbekannt. Ebenso wie die sogenannte „Tragetaschen-Theorie“, vertreten von der Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin, nach einer These von Elizabeth Fischer.

Ausstellungsansicht Stone Telling
Ausstellungsansicht „Stone Telling“ (im Vordergrund: Zsófia Keresztes, Totem of Hidden Accounts“, 2018) Foto (c) Eva Würdinger

Gemäß Fischers Überlegung wurde nämlich die Tasche vor jeder Waffe erfunden – womit hätte man sonst Nahrungsmittel transportieren sollen? K. Le Guin legte das auf das Erzählen um: Die richtige Form eines Romans „könnte die eines Sacks, einer Tasche sein“, im Gegensatz zur üblichen Heldenerzählung. Die Narration nach K. Le Guin stelle, wie die Kuratorinnen im Katalog schreiben, idealerweise „kontinuierliche Prozesse“ dar. Die Ausstellung wurde benannt nach einer Heldin in einem Roman von K. Le Guin namens Stone Telling. 

Echt spooky

Wahrscheinlich muss man all das nicht unbedingt wissen, um sie mit Gewinn besichtigen zu können. Die Kunst gibt genug her, und die Dichte an Neuentdeckungen ist hoch, zumindest für mich. Neben Naomi Rincón Gallardo war mir auch Zsófia Keresztes unbekannt, deren monströse Skulptur „Totem of Hidden Accounts“ aus amorphen Formen besteht, teils von Speeren durchbohrt, und in deren Mitte ein aufgerissenes Maul erscheint. Eine Figur, die „als Feind_in wie als Verbündete_r interpretiert werden“ könne, wie es im Katalog heißt. Ebenfalls noch nie gehört hatte ich von Larissa Sansour, die mit Søren Lind einen echt spooky Film gemacht hat, angesiedelt in einer Wüstenlandschaft. Darin regnet es Porzellan, und seltsame Gemeinschaften – es handelt sich offenbar um Widerstandsgruppen – werden begleitet von Off-Stimmen, die über politische Utopien räsonieren. 

Larissa Sansour und Søren Lind, In the Future They Ate From the Finest Porcelain, Film (c) Larissa Sansour and Søren Lind, 2016, Stone Telling
Larissa Sansour und Søren Lind, In the Future They Ate From the Finest Porcelain, Film (c) Larissa Sansour and Søren Lind, 2016

Marianne Vlaschits und Isolde Joham kennt man in Wien natürlich – erstere schickt ihr Publikum in ein softes Raumschiff, wo man sich wie in einer gemütlichen Höhle fühlt, umgeben von leuchtenden Eiern und Textilwürsten, die an Stillkissen erinnern. Und die große alte Dame der fantastischen Malerei, deren Werk auch mal eine Neubetrachtung wert wäre, lässt bunte Formen durch kubische Landschaften wabern. 

Marianne Vlaschits
Marianne Vlaschits, Falte Falte Tier schlucken, 2019 (Foto: NiS)

Feministische Utopien?

Nicht in allen – bei näherem Überlegen sogar in wenigen – Arbeiten äußert sich eine ausgesprochen feministische Haltung. Zwar ist ständig von feministischen Utopien die Rede. Diese bilden sich aber in den Kunstwerken nur sehr bedingt ab, unter anderem in den recht witzigen Aquarellen von Gillian Dykeman: Sie interpretiert Klassiker der Land Art zu archäologischen Gegenständen einer feministischen Zukunft um.

So erscheint mir manchmal die Theorie zur Ausstellung etwas zu forciert. Das macht die Werke aber keinen Deut weniger interessant. Und die Zusammenstellung funktioniert sehr gut. Insofern: absolute Empfehlung für „Stone Telling“. 

Isolde Joham, Ausgetrocknetes Flußbett – Tagliamento (aus der UFO-Serie), 1976 (c) Gottfried Höllwarth
Isolde Joham, Ausgetrocknetes Flußbett – Tagliamento (aus der UFO-Serie), 1976 (c) Gottfried Höllwarth

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