Sexy Bier und nackte Jünglinge

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Ein Bild wie dieses sieht man momentan nicht: Menschenmassen, die sich durch Ausstellungshallen drängen. Momentan schaut es wahrscheinlich auch in der Frankfurter Schirn Kunsthalle anders aus (merkwürdigerweise scheinen die Museen und Ausstellungshäuser in Deutschland bisher nicht wie bei uns flächendeckend zugesperrt zu sein EDIT 14.3.: Jetzt hat die Schirn auch geschlossen). Ende Februar jedenfalls musste man Schlange stehen, um den jüngsten Coup der Kuratorin Ingrid Pfeiffer sehen zu können. „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ heißt ihre Ausstellung, die erstmals einen breiten Überblick über Surrealistinnen gibt. 

Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz
Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz

Überraschungen

260 Werke von 36 Künstlerinnen hat Ingrid Pfeiffer, die schon in der Vergangenheit mit Ausstellungen zu weiblichem Kunstschaffen auffiel, versammelt. Es klingt jetzt vielleicht vermessen, aber: Es waren sogar für mich noch viele Neuentdeckungen dabei. Und selbst bei jenen Surrealistinnen, die ich zu kennen glaubte, wartete die Schirn Kunsthalle mit der einen oder anderen Überraschung auf. Zum Beispiel bei Leonor Fini: Diese hingegossenen Männerakte kannte ich noch nicht. In einem Gemälde führt eine schwarz gekleidete Frau einen Jüngling, dessen begehrenswerten, nackten Körper ein rotes Tuch mehr enthüllt als bedeckt, in einen hellen Raum, in einem anderen bewacht eine Sphinx einen Schlafenden. Das übliche Verhältnis – Mann ist aktiv, Frau ist passiv – ist hier umgekehrt.

Leonor Fini, Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht, 1946, Öl auf Leinwand, 27,9 x 41,3 cm, © Weinstein Gallery, San Francisco and Francis Naumann Gallery, New York / VG Bild- Kunst, Bonn 2020

Auch diese unglaublich witzige, freilich sehr spät entstandene, Soft Sculpture von Dorothea Tanning: Ein Bierkrug in einer Hülle, die in der Mitte zusammengeknöpft wird, wodurch sexy Lücken entstehen – „Don Juan’s Birthday“ heißt das Objekt. Bier und Erotik, das muss man einmal zusammenbekommen, jenseits bescheuerter Werbeplakate. Natürlich sind auch ihre Gemälde der Wahnsinn, wie sich die Malerin in ihrem Atelier auflöst etwa, einfach großartig. 

Dorothea Tanning, Don Juan's Breakfast, 1972 (Foto: NiS)
Surrealistinnen
Dorothea Tanning, Don Juan’s Breakfast, 1972 (Foto: NiS)

Louise Bourgois ist mit einer Art Mini-Ausstellung vertreten; ihre Skulpturen wie die „Fillettes“ und Zeichnungen wie die „Femme  maison“ kennt man zwar längst, doch natürlich gehören sie hierher. Dasselbe gilt für Meret Oppenheim, von der die Kuratorin auch weniger Bekanntes auftrieb. Auch andere, mittlerweile halbwegs prominente, Surrealistinnen – Claude Cahun, Dora Maar, Lee Miller, Remedios Varo, Kay Sage und viele andere mehr – sind hier vertreten.

Kay Sage, Zum vereinbarten
Kay Sage, Zum vereinbarten Zeitpunkt, 1942, Newark Museum of Art, Bequest of Kay Sage Tanguy, 1964 © Estate of Kay Sage/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Penis-Felsen

Für mich persönlich die wahre Sensation waren aber die vielen, vielen Künstlerinnen, von denen ich noch nie gehört habe. Zum Beispiel Jane Graverol, die Malerei und Fotografie kombinierte, zu sphingenartigen technoiden Wesen und Raubvögeln aus Panzern. Ebenso Emila Medkova, in deren Fotografien Beine vor einem Fenster emporragen und eine Materialassemblage zu einem „Inquisitor mit Klingel“ wird. Valentine Penrose mit ihren schrägen Collagen, wo Scheren, Soldaten und Oberlehrer sich versammeln! Lola Álvarez Bravo, in deren Fotografie eine Statue im Badeanzug einen Autoreifen zu wechseln scheint! Ithell Colquhoun, in deren Gemälde zwei penisartige Felsen, die aber auch Frauenbeine sein könnten, sich einander zuneigen! Bridget Tichenor, deren Malerei mit ihren geheimnisvollen Wesen erst gerade jetzt entstanden sein könnte! Und, bitte, Sheila Legge, die bereits 1936 am Trafalgar Square, den Kopf mit Rosen verhüllt, auftrat – mit einer Performance namens „Surrealist Phantom of Sex Appeal“! 

Bridget Tichenor, Die Surrealisten/Die Spezialisten, 1956, Oil on Mazonite, 40 x 30,2 cm, Privatsammlung Mexico, © Bridget Tichenor Surrealistinnen
Bridget Tichenor, Die Surrealisten/Die Spezialisten, 1956, Oil on Mazonite, 40 x 30,2 cm, Privatsammlung Mexico, © Bridget Tichenor

Muse und Geliebte

Dort, wo Legges Arbeiten präsentiert wurden, ergriff mich kurz einmal die Wut. Denn dort sieht man auch ein Foto der Internationalen Surrealisten-Ausstellung, 1936 in London. Ein Gruppenporträt von Surrealisten – und eben Surrealistinnen! Im Vordergrund sitzen fünf Frauen, darunter Sheila Legge und Eileen Agar. Dieses Foto illustriert, was sich auch durch die Saaltexte zieht: Wie aktiv und vernetzt die Künstlerinnen waren, wie sehr sie am Ausstellungsgeschehen teilgenommen haben. Doch wie konnte es kommen, dass wir von so vielen erstmals hier etwas zu Gesicht bekommen? Und wie kann es sein, dass Lee Miller so lange als hauptsächlich als Muse von Man Ray, Dora Maar als die Geliebte von Picasso galt?

Surrealistinnen, Meret Oppenheim, Urzeit-Venus, 1962 (1933), bemalte Terracotta, glasiertes Stroh, 64 x 26,5 x 20 cm, © Kunstmuseum Solothurn / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Meret Oppenheim, Urzeit-Venus, 1962 (1933), bemalte Terracotta, glasiertes Stroh, 64 x 26,5 x 20 cm, © Kunstmuseum Solothurn / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Revolutionärinnen

Im Katalog schreibt Ingrid Pfeiffer, dass das MoMA in seiner Surrealismus-Ausstellung 1967 bloß eine einzige Arbeit von einer Künstlerin – Oppenheims Pelztasse – zeigte, dass noch immer in vielen Überblicksausstellungen die Namen der bekannten Surrealistinnen fehlen. Sie zitiert auch Whitney Chadwick, die so viel für die feministische Kunstgeschichte geleistet hat, und schon 1985 feststellte, dass „in keiner anderen Bewegung […] Frauen eine solch revolutionäre Rolle gespielt hätten und dass auch quantitativ besonders viele Künstlerinnen aktiv beteiligt gewesen seien.“ 

The Estate of the late Dr. Jeffrey Sherwin and the Sherwin Family, © Samaritans, Noise Abatement Society & Spire Healthcare, Surrealistinnen
Ithell Colquhoun, Anatomie des Baumes, 1942, The Estate of the late Dr. Jeffrey Sherwin and the Sherwin Family, © Samaritans, Noise Abatement Society & Spire Healthcare

Der Publikumsansturm zeigt, welch großes Interesse besteht an dem Schaffen der Surrealistinnen, die so lange von der Kunstgeschichte ignoriert wurden. In den 1990er-Jahren sagte ein Professor am Kunstgeschichte-Institut der Universität Wien, wo ich studierte, zu mir, dass ihm keine Künstlerinnen des Surrealismus einfielen. Ab sofort demaskiert eine solche Aussage jede und jeden als hoffnungslos ignorant. Hoffentlich wird die Ausstellung verlängert, sodass sie, wenn dieser Corona-Wahnsinn abflaut, noch möglichst viele Menschen sehen. Ich jedenfalls bin extra nach Frankfurt gereist deswegen. Hat sich ausgezahlt.

Surrealistinnen

9 comments

    1. Ansonsten online bestellen – am besten in der Buchhandlung ums Eck, wenn diese das anbietet. In Österreich schon seit heute die einzige Möglichkeit…

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