Coronavirus-Denkmäler: Wir sind die Gelackmeierten

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Eigentlich wollte ich gerade einen Beitrag über die kleine, feine – und vor allem erste – Ausstellung zu Elena Luksch-Makowsky im Belvedere bloggen (kommt später). Doch beim Prokrastinieren schaute ich, ja, schwach, auf Facebook herum. Dort stieß ich (danke an Siggi Hofer) auf die Meldung, dass in der Steiermark bis Frühjahr 2021 drei Coronavirus-Denkmäler errichtet werden. Das Kulturressort des Landes und das Institut für Kunst im öffentlichen Raum schrieb – auf Initiative der Kronen Zeitung – einen Wettbewerb dafür aus. Gewonnen haben, tata: drei Männer. Den Entwurf von Werner Reiterer, der eine versinkende Kugel vorsieht, finde ich großartig, die anderen beiden (Wolfgang Beckmann, Michael Schuster) erscheinen mir formal und inhaltlich, sagen wir, eher einfach gedacht. Aber gut, es kommt auch auf die Umsetzung an. 

Werner Reiterer, Coronadenkmal, Entwurf,© Werner Reiterer

Coronakönige

Diese Entwürfe thematisieren alles Mögliche: das dereinstige Vergessen der Pandemie, die Einsamkeit, die gesellschaftlichen Unterschiede. Nur eine Sache, die wir jetzt die ganze Zeit live beobachten, bleibt völlig ausgeblendet: Dass die Frauen in dieser Coronakrise echt die Gelackmeierten sind! Der Anstieg der Arbeitslosigkeit betraf in Österreich zu 85 weibliche AngestellteHomeoffice und Homeschooling beamten Mütter um Jahrzehnte in die VergangenheitWissenschaftlerinnen reichten weitaus weniger Papers für Forschungsprojekte ein als zuvor, wohingegen die Ansuchen ihrer männlichen Kollegen anstiegen, und in Österreich waren nicht nur Wissenschaftlerinnen, sondern auch Politikerinnen total unterrepräsentiert – ich sag nur: die vier Coronakönige. 

Künstlerinnenanteil: null Prozent

Und dann gibt es einen Wettbewerb für Coronavirus-Denkmäler mit 300 Einreichungen von 220 Künstlerinnen und Künstlern – und keine einzige Künstlerin macht das Rennen, geschweige denn, dass irgendwo die spezifische Situation von Frauen thematisiert würde. Wenn die Entscheidung, wie es heißt, „aufgrund der hoch- und annähernd gleichwertigen Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler“ schon „sehr schwierig“ war. Wieso erfüllt die Auswahl nicht wenigstens eine 33-prozentige Frauenquote? Vielleicht aufgrund des Geschlechterverhältnisses der Jury? Fünf von sieben Mitgliedern waren Männer. Zwei davon entsandte die Kronen Zeitung (Steiermark-Chefredakteur Oliver Pokorny sowie Redakteur und „Ideengeber“ Jörg Schwaiger). Damit saßen in der Jury genauso viel Vertreter der Boulevardzeitung wie Frauen.

Michael Schuster, Coronadenkmal, Entwurf,© Michael Schuster

Kein weibliches Personal?

Offenbar hat die Grazer Kunstszene so wenig weibliches Personal….oh wait, gibt es da nicht eine coole und kluge Frau, die das Kunsthaus Graz leitet? Eine andere, die den „Rotor“ gegründet hat? Eine weitere, die den Kunstverein schupft? Es hätte wahrhaft kein Mangel geherrscht an kompetenten weiblichen Jurymitgliedern neben Elisabeth Fiedler, der Leiterin des Instituts für Kunst im Öffentlichen Raum und Henriette Gallus, der stellvertretenden Intendantin des Steirischen Herbsts.

Dieses Virus werden wir nicht los

In der Aussendung wird Oliver Pokorny, Chef der Steiermark-Krone, folgendermaßen zitiert: „ (Es) war uns klar, dass Corona so sehr in unser aller Leben und in die gesellschaftliche Ordnung insgesamt eingreift, dass es ein Mahnmal für diese Katastrophe braucht.“ Nun ja. In die gesellschaftliche Ordnung, die einen gewaltigen Gender-Pay-Gap erlaubt, Fälle von häuslicher Gewalt ansteigen lässt, Geschlechterrollen weiter zementiert (schaut ihr manchmal in die Kinderabteilungen von Bekleidungsgeschäften?) und immer noch den Großteil der Care-Arbeit den Frauen zuschanzt: In DIESE gesellschaftliche Ordnung hat die Pandemie ja nicht wirklich eingegriffen. Es wäre schön, wenn da endlich mal wer eingreifen würde. Die Jury für dieses Denkmal tut es sichtlich nicht. Und somit sind die Frauen in dieser Coronakrise einmal mehr die Gelackmeierten. Nämlich die Künstlerinnen. Das Prozedere rund um die Coronavirus-Denkmäler setzt so jene Benachteiligung von Frauen fort, die SARS-CoV-2 antrieb. Nur werden wir dieses Virus wohl noch schwerer los.

6 comments

  1. Danke sehr. Berührt mich, stimmt mich denkend. Bin eine Frau, Künstlerin, Mutter, Alleinerzieherin. Hadere in diesen Zeiten. Erst Einsatz fürs Kind, dann Überleben sichern, dann sich selbst… sind wir Frauen zu sehr bei unserem Balancieren? Mir verschlägt es die Sprache sehr gern in diesen Zeiten. Obwohl das nicht so mein Problem ist sonst. Wie eine Lähmung würd ich es beschreiben. Kurz mit dem Elektroschocker … Nix neues … ich weiß, diese Lähmung. Fehlende Möglichkeiten und die männliche Welt, die größer wirkt wie eh… dominanter. Übermannend. Wir können nur einen Teil verändern. Wir können die Veränderung sein. Mit eigener gebündelter Energie. Raus aus dem Opferkleid. Heilsam wären SupporterInnen, die den Rücken freihalten. Die Geld einfach so verteilen, damit wir wachsen können. Die Hände hinter uns halten, falls wir fallen.
    Es ist viel im Kopf, viele Emotionen, viel Trauer bei mir. Woher weiß ich nicht. Es ist in Bewegung definitiv. Zu wenig schnell, definitiv. Und jetzt: Weitermachen!

    1. Ja – es geht schon seit ein paar Jahren nix mehr weiter, kommt mir vor. Vielleicht nimmt man es aber ab einem bestimmten Alter auch anders wahr, wenn sich der Blick auf Themen wie Kinderaufzucht etc. richtet. Wünsche dir jedenfalls alles Gute – und dass die Trauer bald in Wut umschlägt – definitiv das bessere Gefühl!

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