Die ständige Gefahr

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Unlängst war hier die Rede von Soli Kiani: Einer Künstlerin, die im Iran geboren wurde und bei Sotheby’s Wien gerade Werke zu den dortigen Menschenrechtsverletzungen zeigt, vor allem in Zusammenhang mit der extremen Frauenfeindlichkeit. Angesichts dieser Schau dachte ich wieder einmal: Trotz allem, was für ein Glück für eine Frau, in Österreich zu leben, im 21. Jahrhundert. Und das gilt im Übrigen nicht nur für Frauen, sondern auch für Transgender-Personen (dennoch: keep on fighting!).

Das scheint auch die in Wien lebende Transgender-Sexarbeiterin Mariella so zu empfinden. In einem Interview mit der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles sagt sie: „Ich persönlich fühle mich überhaupt nicht ausgegrenzt in Österreich, aber ich kann nur für mich sprechen.“ Das sehr aufschlussreiche Gespräch ist im Katalog zu Margolles‘ Ausstellung in der Kunsthalle Krems abgedruckt (die leider nur noch kurz läuft).

Immer auf der Hut

unsthalle Krems, Ausstellung "Teresa Margolles. En la Herida", im Vordergrund: Video "Póker de Damas", 2016, Foto: Christian Redtenbacher
Kunsthalle Krems, Ausstellung „Teresa Margolles. En la Herida“, im Vordergrund: Video „Póker de Damas“, 2016, Foto: Christian Redtenbacher

Dort zeigt Margolles ihre Arbeiten zu Transgender-Prostitution in Mexiko, besonders in Ciudad Juárez, jener Grenzstadt, die für ihre hohe Zahl an Frauenmorden bekannt ist. Die Räumlichkeiten erinnern an Rotlicht-Etablissements. Gleich zu Beginn sprechen Transgender-Sexarbeiterinnen in dem Video „Póker de Damas“ über die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind. Nicht nur Männer mit psychischen Problemen und toxischem Männerbild bedrohten sie, sondern auch Personen aus ihrer Community.

„Póker de Damas“, 2016 © Teresa Margolles

Eine Person namens Vivian sagt: „Wir müssen nicht nur bei unseren Kunden auf der Hut sein, sondern auch untereinander, das ist die schlimme Lage, in der wir heute sind.“ Eine der Frauen in dem Video, schlank, mit gelben Kleid und weiß lackierten überlangen Fingernägeln, fiel mir besonders auf. Wie sie gestikulierte, wie sie sprach, wie sie sich bewegte – das strahlt besondere Eleganz aus. Im Katalog erzählt die Künstlerin dann, dass sie ebenfalls ermordet wurde. Was für ein Schock! Einige Räume weiter stößt man auf ein großformatiges Foto der ermordeten Karla, begleitet von einer mit brüchiger Stimme gesprochenen Erzählung über ihren Tod.

Teresa Margolles, "Karla", 2016, Foto: Christian Redtenbacher
Teresa Margolles, „Karla“, 2016, Foto: Christian Redtenbacher

Früher fand ich die Arbeiten von Teresa Margolles oft zu extrem, zu effekthaschend – wenn sie Leichenwasser zerstäubte und Tücher, getränkt mit Blut von Toten, aufhängte. Dieser Umgang mit menschlichen Überresten erschien mir damals fast pietätlos.

Leichenteile

Auch in diese Ausstellung haben „human remains“ Einzug gehalten. Bei einer Performance am Eröffnungsabend zog oben zitierte Mariella, die als Performerin engagiert wurde, mit einem Messer einen Schnitt in die Wand und verspachtelte diesen mit menschlichem Fett – es stammt von einer ermordeten Transgender-Person. Ja, das ist ein besonders drastischer künstlerischer Zugang. Doch dahinter steckt nicht die Lust am Schockierenden, sondern enorme Empathie. In einer medial durchdrungenen Welt entfalten Arbeiten wie diese eine eigene Kraft. 

Teresa Margolles, Berenice, Pista de Baile del Bar Tlaquepaque, 2016 © Teresa Margolles
Teresa Margolles, Berenice, Pista de Baile del Bar Tlaquepaque, 2016 © Teresa Margolles

Das lässt sich auch von der Fotoserie „Pistas de Baila“ (2016) sagen: Darin posieren Transgender-Prostituierte dort, wo einst Nachtclubs waren, die abgerissen wurden. Paloma, Jacqueline, Marlene und ihre Kollegenschaft erscheinen wie Paradiesvögel inmitten von Tristesse. Die einstige Vergnügungsmeile wurde aus Spekulationsgründen abgerissen, womit man die Sex Workers ihrer materiellen Grundlage beraubte. Die Künstlerin selbst will die großformatigen Fotoarbeiten eher als Landschaftsaufnahmen begriffen wissen. Wobei, ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass das jemand tut.

Kunsthalle Krems, Ausstellung „Teresa Margolles. En la Herida“, 2016, Foto: Christian Redtenbacher

Die Videoarbeit ganz am Ende der Ausstellung bildet einen Kontrast dazu. Sie besteht aus einem schwarzen Screen, über den Namen und Daten laufen. Es sind jene der ermordeten Transgender-Personen weltweit zwischen 1970 bis 2019. Angesichts der Länge der Laufzeit wird einem trotz der nüchternen Anmutung dieser Arbeit übel: 101 Minuten. So lange dauert es, bis alle Namen aufgelistet sind. 

Disclaimer: Die Kunsthalle Krems hat mich als Kuratorin der Ausstellung von Fiona Tan im November beauftragt.

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