Margot Pilz, Künstlerin, Feministin, Pionierin: eine Biografie

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Wie ihr wisst, ist dieser Blog ja anzeigenfrei, ein Freizeit- und Liebhaberinnenprojekt sozusagen. Doch heute gibt es ausnahmsweise eine echte Werbeeinschaltung. Ich habe ein Buch geschrieben, nämlich über die großartige, hochaktive, lustige, progressive, wandelbare, aufrührerische, Margot Pilz, die so viel erlebt und getan hat wie andere in mehreren Leben, oder so. Sie hat mir ein Jahr lang ihr Leben erzählt, was unglaublich toll war für mich. Dazu hab ich über Sachen recherchiert, manchmal über solche, von denen ich das nie gedacht hätte: zum Beispiel über den Lebenszyklus von Hühnern.

Das Buch heißt „Art Biography. Margot Pilz. Leben. Kunst“ und erscheint im Leykam Verlag. Ich freue mich wie eine Schneekönigin, dass die das gemacht haben, dank dem Rainer Höltschl, meinem Lektor (es ist ja so wahnwitzig super, „mein Lektor“ sagen zu können). Und es ist so super, dass die grandiose Gertraud Klemm, die mich bei ihrer Bachmannpreislesung 2014 so hinriss, ein sogenanntes „Blurb“ für das Buch schrieb (das sind diese Empfehlungen, die am Cover hinten draufstehen). Darin sagt sie über Margot: „Was ist uns da bis jetzt entgangen!“ Das Cover ist, find ich, auch einfach der Hammer. Margot hat das Bild in ihrer „Weissen Zelle“ aufgenommen, es ist Teil einer Serie. Die viel mit Befreiung zu tun hat, find ich.

Also folgt hier eine sehr unverblümte Empfehlung, dieses Buch zu kaufen, eine Präsentation wird’s auch geben. Ich sag Bescheid, wenn es soweit ist. Hier könnt ihr einen Auszug daraus lesen. Es geht darin um diese ganze Mutter-Künstlerin-Kiste und darüber, wie Margot und andere Künstlerinnen darüber reflektierten, im Leben und in der Kunst. Der Text ist etwas gekürzt.

„Als Margot zur IntAkt stößt, ist ihr Sohn bereits 18 Jahre alt. Ist es ein Zufall, dass sie erst jetzt tatsächlich den Schri in die Kunst macht? Viele Künstlerinnen halten Mu erscha und Kunstproduktion für unvereinbar. »Mit Kindern, ich weiß nicht, wie unser Leben abgelaufen wäre, ob ich dann Künstlerin geblieben wäre«, sagte Renate Bertlmann. Marina Abramović meinte einmal: „Man hat nur so und so viel Energie in seinem Körper, und die hätte ich teilen müssen. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum Frauen in der Kunstwelt nicht so erfolgreich sind wie Männer. Es gibt jede Menge talentierter Frauen. Warum übernehmen die Männer die wichtigen Positionen? Ganz einfach: Liebe, Familie, Kinder – all das will eine Frau nicht opfern.“ Maria Lassnig erklärte: „Kinder und Malerei, das wäre – für mich jedenfalls – unmöglich gewesen.“ In den 1970er-Jahren war es kaum zu vermeiden, dass die Mutterschaft Frauen in ihrer Kreativität hinderte. „Die ‚Ehe und das Kinderkriegen sind eine Falle‘, so lautete in der Bewegung ein geflügelter Satz von Simone de Beauvoir. Für das Selbstverständnis der Top-Aktivistinnen der ersten Stunde war klar, dass Feminismus und Mutterschaft einen Antagonismus darstellen“, erinnern sich österreichische Feministinnen der Zweiten Welle. 

Auch in der IntAkt diskutieren die Frauen – manche haben Kinder, manche nicht – das Thema. Man gibt einander Ratschläge und berichtet von der Erschöpfung, die Doppel- und Dreifachbelastung mit sich bringen. Die Entscheidung für ein Kind ist schwierig – jene dagegen aber auch. Eine Freundin, 39 Jahre alt, berichtet Margot davon, dass sie abtreiben möchte, um weiter künstlerisch arbeiten zu können. Margot fragt: „Bist du wahnsinnig, weißt du, wie schön es ist, ein Kind zu haben?“ Einer anderen, die unbedingt ein Kind möchte, sagt sie dagegen: „Pass auf, es ist ein Irrsinn, ein Kind zu haben. Das nimmt drei Viertel deiner Zeit in Anspruch.“ In ihrer Widersprüchlichkeit illustrieren diese beiden Aussagen die Zerrissenheit zwischen der künst- lerischen Ambition einerseits und dem Kinderwunsch andererseits. Ein Dilemma, das bis heute besteht und erst gelöst sein wird, wenn Männer in gleichem Maß wie Frauen Verantwortung übernehmen. 

Dabei ist die Kunstgeschichte voll mit großen Künstlerinnen, die auch Mütter waren: Artemisia Gentileschi beispielsweise, jene Barockmalerin, die als Ikone weiblichen Kunstschaffens gilt, brachte mehrere Kinder zur Welt. Dennoch war sie schon zu Lebzeiten erfolgreicher und besser honoriert als die meisten ihrer männlichen Kollegen. Andere Kolleginnen starteten wie Margot ihre künstlerische Karriere erst in einem Alter, da die Sprösslinge den Kinderschuhen entwachsen waren. Die große Bildhauerin Louise Bourgeois wurde erst dann einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als ihre Söhne die Volljährigkeit erreicht hatten. Ebenso die britische Künstlerin Phyllida Barlow, die 2017 den britischen Pavillon auf der Biennale Venedig bespielte und die berichtete, dass sie Jahrzehnte lang wegen ihrer fünf Kinder nur nachts zum Arbeiten gekommen sei. Doch woher sollten Künstlerinnen wie Margot Pilz damals über Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi Bescheid wissen, wenn diese in Ausstellungen, Büchern und Filmen nicht existierten? 

Die Doppelbelastung ist ein großes Thema der feministischen Kunst. Auch die IntAkt-Frauen prangern sie an: „Haushalt und Familie […] sind aber auch kein Betätigungsfeld für ein Eigenleben der Frau. Außer man hält Windelwaschen, Kochen, Wohnungputzen für eine kreative Tätigkeit“, schreibt Eva-Elisabeth Atschko. Die Erfahrung und Würdigung dieser unsichtbaren, repetitiven Arbeit, die Tag für Tag verrichtet werden muss, für die es weder Geld noch Lob gibt, die so mühsam und kräfteraubend ist, findet verstärkt Eingang in die Kunstwelt, je mehr Künstlerinnen auf den Plan treten. Ignorierte die männlich dominierte Kunst den Alltag von Frauen weitgehend, drehen Künstlerinnen in aller Welt plötzlich Videos über Küchenarbeit, zeichnen Hausfrauen in ihrer Isolation, collagieren Bilder von Essen mit spitzzüngigen Texten, in denen sie die Doppelbö- digkeit des Patriarchats bloßstellen. Herde, Kochlöffel und Windeln finden Eingang in Installationen, Zeichnungen und Fotomontagen. 

Margot Pilz, Hausfrauendenkmal, 1979

Als die IntAkt 1979 eingeladen wird, im Grazer Stadtpark einen Beitrag zum steirischen herbst zu liefern, entscheiden ihre Mitglieder, mit Leintüchern zu arbeiten. Während die meisten Kolleginnen diese bemalen und besticken, wählt Margot eine andere Technik. Sie arrangiert die Textilien zu einer Skulptur, einem zeltartigen Gebilde, das an einem Gerüst montiert ist. Darauf steht mehrmals der Schriftzug „Hausfrauendenkmal“. Margot dokumentiert die Aktion in einer Fotoserie, Untertitel: „Errichtet der ungewürdigten Leistung der unbekannten Hausfrau“. Drei Wochen lang bleibt das Hausfrauendenkmal stehen. Die Grazerinnen bringen ihm Opfergaben, legen Blumen und Tücher dazu. Ein ephemeres Monument für die unsichtbare Arbeit der vielen Millionen Frauen dieses Planeten. Es ist an- gefertigt aus einem Material, das nicht nur für die weibliche Reproduktionsarbeit steht, sondern auch für einen Abschnitt in Margots Leben, den sie scheinbar so erfolgreich verdrängt hat – die Kindheit im Internierungslager, als sie für ihre Mutter die Leintücher waschen musste, als sie sich, wie sie es ausdrückte, mit ihren kleinen Händen „durch den Stoff wühlte.“ Nach der Laufzeit des Projekts in Graz entsorgt Margot in einer Prozession die Textilien und das Gerüst: Man trägt es gemeinsam zum nächsten Mistkübel.

Margot Pilz, Hausfrauendenkmal, 2020, KISS, Kunsthalle Wien (c) Helmut Prochart

An einem Spätnachmittag Ende Juli 2020, im Corona-Sommer, steht Margot in einem roten Kleid, eine auffällige Kette um den Hals, im Resselpark am Wiener Karlsplatz. Kuratorinnen, Journalistinnen und Künstlerinnen, alle viel jünger als sie, umschwirren sie. Hier, an diesem Ort, der für Margot, wie sich in einem späteren Kapitel dieses Buchs zeigen wird, eine besondere Bedeutung hat, errichtet sie ein Remake der Textilskulptur.“

Ab sofort in der Buchhandlung eures Vertrauens zu beziehen – notfalls auch online, am besten gleich beim Verlag.

Foto: Rainer Höltschl

5 comments

  1. Ein tolles Buch Nina und ganz wichtig! Die Gertraud Klemm kenn ich auch. Sie hat mich vor ca. einem Jahr in Tirol besucht. Richt ihr bitte schöne Grüße aus. Bin nächste Woche in Wien, ich melde mich, vielleicht hast du Zeit auf einen Treff mit Buch.

    1. Oh, vielen Dank! Gertraud richte ich die Grüße sehr gern aus. Und sag Bescheid, wann du kommst, vielleicht geht sich ein Treffen aus!

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