Eine lässige Sünderin

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Wenn man einen Blog dieses Namens betreibt, kann man es, wie ihr vielleicht schon beobachtet habt, nicht ignorieren, wenn eine Artemisia Gentileschi in town ist. Sehr, sehr spät besuchte ich kürzlich also endlich die Ausstellung „Caravaggio & Bernini. Entdeckung der Gefühle“ im Kunsthistorischen Museum. Natürlich nicht nur wegen der Artemisia, obwohl die allein schon Grund genug dafür gewesen wäre.

Die Kuratorin, Gudrun Swoboda, stellt in dieser Schau sehr sophisticated und schön inszeniert Gemälde und Skulpturen aus dem Rom des 17. Jahrhunderts einander gegenüber. Als Leitfaden dienen dabei die Affekte: Unter Begriffen wie „meraviglia & stupore“, „moto & azione“ oder „amore“ fächert sich hier das ganze Spektrum teils widersprüchlicher Gefühlslagen auf. Und natürlich ist das ein bisschen eine Mogelpackung mit Caravaggio und Bernini. Bitte erwartet also nicht, dass der Großteil der Ausstellung aus Werken der beiden besteht, das ist nicht so. Doch der Besuch lohnt sich. Letztens war am späten Nachmittag kaum was los (also dieses Time-Slot-Ding scheint in dem Fall genauso ein Marketingschmäh zu sein wie der Titel). Läuft leider nur mehr drei Tage, bis 19. Jänner. Sorry for the delay!

Gentileschi
Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena in Ekstase 1620/25 oder 1630/35, Privatsammlung © Foto: Dominique Provost

Selbstporträt?

Das Werk von Artemisia Gentileschi (Rom 1593 – um 1654 Neapel), das Gudrun Swoboda aufgetrieben hat, hängt im zweiten Saal, unter „visione“. Es ist eine „Maria Magdalena in Ekstase“, 2011 in einer Privatsammlung aufgetaucht, 2014 bei Sotheby’s in Paris versteigert, kannte man lange Zeit nur vom Foto. Der Eintrag im Ausstellungskatalog datiert das Bild auf die Zeit zwischen 1620 und 1625 oder aber 1630 und 1635. Laut Sothebys ist sie möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin,  Zur Erinnerung: Maria Magdalena ist die „Sünderin“ (ist gleich Ehebrecherin oder Prostituierte, eh klar), die Jesus im Haus von Simon, dem Aussätzigen trifft, diesem die Füße wäscht, salbt und mit den Haaren abtrocknet. Nach dieser Action beschließt sie, ihm zu folgen. Dazwischen: Ekstase! Beliebt war es natürlich, sie in genau diesem Moment darzustellen. Wen wundert’s, das kann ja recht sexy werden, so eine Ekstase, wie schon der Film mit Hedy Lamarr zeigte.

Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena in Ekstase 1620/25 oder 1630/35, Louis Finson, Maria Magdalena in Ekstase, 1613, Foto: NiS
Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena in Ekstase 1620/25 oder 1630/35, Louis Finson, Maria Magdalena in Ekstase, 1613, Foto: NiS

Frei von Last

Was die Gentileschi-Magdalena so grandios macht, sieht man sehr gut im Vergleich mit dem Gemälde, das ihr im KHM gegenüber hängt, ein Werk desselben Sujets. Es wurde gemalt von Louis Finson, datiert auf 1613, nach einem verschollenen Caravaggio. Und während die Magdalena bei Finson erotisch hingegossen die Augen überdreht und sich ganz offensichtlich ihrer Ekstase hingibt, die Hände brav gefaltet, erscheint sie bei Artemisia Gentileschi ganz anders. In sich versunken, mit sich zufrieden, auch frei von jeglicher Last, gefallen und schön sein zu müssen. Betende Hände? Vergiss es! Außerdem ist dieser Magdalena völlig blunzen, dass sich ihr Krägelchen am Ausschnitt so ein bisschen schlampig dahinkräuselt – übrigens ist das alles so fein und toll gemalt, das muss man einfach im Original sehen.

Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena in Ekstase 1620/25 oder 1630/35, Privatsammlung, Detail, Foto: NiS
Artemisia Gentileschi, Maria Magdalena in Ekstase 1620/25 oder 1630/35, Detail, Foto: NiS

Feministische Ikone

Im Katalog heißt es, die Figur gebe sich „ganz Gott hin“. Weiß nicht. Vielleicht kann man diesen Gott auch betrachten als etwas, das einen mit der Welt im Reinen sein lässt. Meiner Meinung nach hat dieses Bild noch eine andere Dimension: Diese Frau strahlt Zufriedenheit mit sich und der Welt aus, ohne dafür einen Mann zu brauchen. Die FAZ sah in ihr damals, als sie versteigert wurde, eine „frühe Schwester jener Hysterikerinnen in ihren überspannten Leibern, die um die vorletzte Jahrhundertwende Karriere machten“. Mir kommt diese Frau überhaupt nicht hysterisch vor, im Gegenteil. Das ist die coolste Maria Magdalena der Welt. Wenn die mal nicht das Zeug zur feministischen Ikone hat!

5 Kommentare

  1. ganz, ganz tolles Bild! Es kann sich hier allerdings nur um ein Selbstporträt im weitesten Sinne handeln… wie soll sich Artemisia im Spiegel – mit geschlossenen Augen und in dieser entspannten Pose – selbst gesehen haben?

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