Nennt es déformation professionelle oder Leidenschaft: Wenn ich auf Urlaub fahre, dann am liebsten irgendwohin, wo es auch Kunst gibt. Dieses Jahr zum Beispiel nach Polen. Dass es dort tolle Museen und Galerien gibt, war mir bewusst (demnächst eröffnet übrigens das neue Muzeum Sztuki Nowoczesnej in Warschau). Dass die feministische Kunst dort so präsent ist, weniger – bis ich tolle Museen in Krakau, Warschau und Katowice besuchte. Es lohnt sich, in die feministische Kunstgeschichte dieses Landes einzutauchen.
Die Autorin Izabela Kowalczyk schreibt in einer Publikation der Erste Foundation: „Feminist interventions in the Polish art of the 1970s appeared in the specific political context of a communist system, complete with all its attendant poverty and desire for luxury, its lack of a sexual revolution and an absence of feminist theories and discussions.“ Sowohl die Kunst als auch der Feminismus standen in einem kommunistischen Land unter anderer Prämisse als in Westeuropa. Wobei sich die Diskurse und Themenlagen ähneln. Hier einige Highlights feministischer polnischer Kunst, die aktuell ausgestellt sind.

Maria Pinińska-Bereś (1931–1999): „Gorset – sztandar“ („Korsett – Fahne“), 1967, Muzeum Śląskie, Katowice
Ein monumentales rosa Korsett aus Pappmachée baumelt lasch von einer Stange, wie eine Fahne im Wind. „Gorset – sztandar“ ist Teil eines größeren Werkkomplexes über jenes Kleidungsstück – oder besser Folterinstrument? –, das zu einem beliebten Symbol für weibliche Unterdrückung wurde. Die Künstlerin wuchs selbst unter traumatisierenden und patriarchalischen Umständen auf.
„They were designed to shape the body as well as the soul, making women obedient, making them behave characteristically, damaging them both physically and mentally”, sagte sie über das Korsett. „And there was something else I perceived about the Corsets: entire generations of women […] were fading into oblivion, leaving those shells, which had been very close to these bodies, and at the same time a torment to the victims.“ Wie „abgeschnittene Stäbe eines Gefängnisses“ hingen die Schnürsenkel herunter, beobachtete die Kuratorin Joanna Szeligowska-Farquhar treffend.*Dass „Korsett – Fahne“ bereits im Jahr 1967 entstand, weist Pinińska-Bereś als Pionierin feministischer Kunst aus. Die Arbeit zeigt das Muzeum Śląskie in Katowice in einer von Joanna Szeligowska-Farquhar und Michał Burdziński kuratierten Sammlungsausstellung.

Natalia LL (1937-2022): „Sztuka postkonsumpcynjna” („Postkonsumenten-Kunst“), 1975, Muzeum Śląskie, Katowice
Die 2022 verstorbene Künstlerin Natalia LL gehört aus meiner Sicht zu den wichtigsten internationalen feministischen Positionen. Sie hat einiges vorweggenommen, womit andere reüssiert haben. So zeigte sie sich in Videos und Fotografien beim Sex mit ihrem Mann – und das in den frühen Seventies, lange bevor 2003 Sam Taylor-Johnson mit ihrem „Passion Cycle“ meiner Kollegin Almuth Spiegler herrlich spitze Kommentare entlockte. Wie polnische Künstlerinnen generell so manche Ideen vorwegnahmen, ließe sich übrigens auch anhand des Beispiels von Katarzyna Kozyra und Maurizio Cattelan zeigen. Natalia LL jedenfalls wurde 2019, wie auch Kozyra, Opfer der Zensur in Polen. Ihre „Consumer Art“ war dem damaligen Direktor des Nationalmuseums in Warschau zu hot, angeblich hatte sie ein Kind traumatisiert – übrigens eine beliebte Argumentation –, infolgedessen hängte er es ab, ein kreativer zivilgesellschaftlicher Protest folgte.
Die kunst- und demokratiefeindliche PIS-Partei wurde bekanntlich abgewählt (was übrigens nichts daran ändert, dass Abtreibung weiterhin verboten bleibt), und Natalia LLs Consumer-Art-Arbeiten nun gleich neben Kollegin Pinińska-Bereś im Muzeum Śląskie ausgestellt. In dem hier gezeigten Beispiel mit („Sztuka postkonsumpcynjna”) lutscht Natalia LL an einer Banane wie eine Pornodarstellerin am Gemächt ihres Kollegen, blickt dabei dem Betrachter, der Betrachterin, stur in die Augen, tut dabei ein bisschen unschuldig. Kritik am Konsum, an der Werbung? Ein Fehlschluss! Der Kunsthistoriker und Kurator Piotr Piotrowski stellte einst fest, dass die Produkte, die hier konsumiert wurden, schwierig zu bekommen waren und Natalia LLs Arbeit tatsächlich „den Konsum promote“, wie ihn Izabela Kowalczyk zitierte. Was in diesem gesellschaftspolitischen Kontext eine völlig andere Bedeutung hat.
Zudem unterwanderte Natalia LL die Konstellation des „male gaze“ (Laura Mulvey). Kowalczyk: „Natalia LL initiates a game with a male viewer: the subject portrayed is always the woman, who, directing her look at the viewer, is at the same time controlling her own pleasure.“

Krzysztof Wodiczko (geb. 1943): „Projekcja na fasadę Zachęty Narodowej Galerii Sztuki, 14.11.2005” („Projektion auf die Fassade der nationalen Kunstgalerie Zachęta, 14.11.2005“), Zachęta Galerie
Es kommt selten vor, aber: Auch Männer machen feministische Kunst. Zum Beispiel Krzysztof Wodiczko, der 2005 anlässlich seiner Ausstellung in der legendären Warschauer Galeria Zachęta auf deren Fassade Filmausschnitte projizierte, in denen Frauen über ihre Gewalt- und Missbrauchserfahrungen sprechen. Es sind schockierende Einblicke in einen Alltag, der von psychischer und physischer Unterdrückung geprägt sind.
Die Galeria Zachęta zeigt derzeit in einer Sammlungsausstellung ein Video von der Projektion. Es lässt sich nur ungefähr ahnen, wie eindrücklich die großflächig projizierten Figuren in der Dunkelheit gewirkt haben müssen. Mit der formalen Umsetzung bezog sich der Künstler auch auf die Karyatiden. Die ansonsten still und bescheiden ihre Last tragenden Figuren haben sich hier in Fleisch und Blut verwandelt, Frauen, deren Sehnsüchte in Alpträume verwandelt wurden. Wodiczko begriff diese Arbeit, wie er sagte, auch als „Ermutigung, für den gleichberechtigten Zugang zu allen Künsten und Fertigkeiten zu kämpfen. Für die gleichberechtigte und freie Ausübung der Künste. Für die Fähigkeit, für die eigenen Menschen- und Bürgerrechte zu kämpfen.“

Małgorzata Markiewicz (geb. 1979), „Kuchnia oporu“ (“Widerstandsküche”), 2018, Mocak Krakau
Gewalt gegen Frauen – gibt es ein Land, wo das kein brennendes Thema ist? In Polen verhängte die PIS-Partei ein drakonisches Abtreibungsverbot, und einer Untersuchung von 2019 zufolge schlugen zum damaligen Zeitpunkt 12 Prozent der Ehemänner ihre Frauen. Małgorzata Markiewicz bietet in ihrer „Kuchnia oporu“ („Widerstandsküche”) ironisch Abhilfe: Wenn keine Gesetze gegen Gewalt an Frauen verabschiedet würden, dann müssten diese eben zur Selbsthilfe greifen. In ihrem Video bereitet sie, adrett lächelnd wie eine Tradwife auf Instagram, ein Mahl für den gewalttätigen Ehemann zu. Es gibt Schierlingssuppe, einem Dessert mit Tollkirsche – „the most mysterious and legendary plants of the Carpathians“ – und einen Maiglöckerl-Drink. Einmal sagt sie in bester Hausfrauentradition: „Der Weg zum Herz eines Mannes führt durch den Magen“.
Die Arbeit hat noch eine weitere Dimension, wie Kunstkritikerin und Kuratorin Magdalena Ujma schreibt: „ Daran gehindert, sich im Leben zu verwirklichen, zu studieren, frei zu reisen oder auch nur das Haus zu verlassen, haben Frauen gelernt, ihre eigenen Ziele mit verdrehten Mitteln zu erreichen – durch Verrenkungen, Lügen und sogar durch Kriminalität.“ Małgorzata Markiewicz knüpfe zudem „an die Tradition der weisen Vertreterinnen der weiblichen Hälfte der Menschheit an – Hexen, die Kräuterkunde und Volksmedizin praktizierten, bevor sie von Männern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.“ Übrigens wurde die Künstlerin selbst bestraft für ihr Werk. Wie sie mir schrieb, war „Kuchnia Oporu“ Teil ihres Habilitationsprojekts. Weil man sie beschuldigte, zu einem Verbrechen aufzurufen (kein Scherz!), wurde ihr der Abschluss verweigert. Sie hat also umsonst studiert – weil irgendwer den Unterschied zwischen Kunst und Realität nicht kennt oder nicht kennen will, wenn es um feministische Kunst geht. Hier könnt ihr diese auch wahnsinnig witzige Videoarbeit, auf die ich in einer sehenswerten Ausstellung über Essen in der Kunst im Mocak Krakau aufmerksam wurde, übrigens selbst ansehen.

Elżbieta Jabłońska: „Gry Domowe“, „Heimspiele“ (2002), Muzeum Śląskie, Katowice
Elżbieta Jabłońskas Fotoarbeit „Heimspiele“ sah ich ebenfalls im Muzeum Śląskie. Mit entschlossenem Blick posiert die Künstlerin in Gestalt von Superwoman vor ihrer Küchenzeile. Am Schoß hält sie mit sicherer Hand ihren Sohn. Gleich heben die beiden ab, so scheint’s. Um die Szenerie schwirren Begriffe wie „gotowanie“ („kochen“) und „zmywanie“ („abwaschen“). Die Arbeit ist Teil einer größeren Serie, in der Jabłońska die nervenzehrende und unbeachtete – Care-Arbeit von Müttern in eine Sphäre zeitgenössischer Heldenikonografie katapultiert.
„Ihre Heldentaten bestehen darin, gleichzeitig einen Haushalt zu führen, Kinder zu erziehen und beruflich tätig zu sein. Die Vielzahl dieser oft widersprüchlichen und schwer zu vereinbarenden Rollen, die die moderne Frau spielt, erfordert also übermenschliche Fähigkeiten“, schreibt Autorin Katarzyna Nowacka. „Obwohl die Welt dank der Supermums und nicht der Supermen läuft, werden die Handlungen der Supermums kulturell nicht besonders gewürdigt oder bewundert. Eine solche globale Abwertung von als weiblich empfundenen Handlungen und die positive Bewertung heroischer, aber gelegentlicher Taten von Männern resultiert aus etablierten und allgemeingültigen Wertehierarchien […] und wird tagtäglich reproduziert.“ Jabłońska setzt dem ein einprägsames und im besten Sinn plakatives Statement entgegen.
Also, auf nach Polen! Nach Katowice kommt ihr übrigens von Wien aus dreimal täglich mit der ÖBB, in nicht einmal fünf Stunden.
*Dieses und alle weitere Zitate aus dem Polnischen wurden von DeepL übersetzt – ich vertraue auf die Qualität dieser KI und hoffe auf Korrektheit. Sollte jemand von euch des Polnischen kundig sein und Fehler entdecken: bitte unbedingt um Mitteilung.