Witchcraft!

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Die Kunsthalle Wien zeigt gerade die Austellung „Hysterical Mining“. Es geht um den Zusammenhang zwischen Feminismus und Technologie, was an sich ein hoch interessantes Thema wäre. Allerdings kam ein etwas verwirrendes Potpourri heraus, bei dem ich leider nicht so ganz durchgestiegen bin. Offenbar ging es nicht nur mir so, wie der Beitrag von Nicole Scheyerer im Standard zeigt.

Veronika Eberhart, 9 is one and 10 is none, 2018, Videoinstallation, 22 Min., 2018
Veronika Eberhart, 9 is one and 10 is none, 2018, Videoinstallation, 22 Min., 2018, Film Still

Aber das ändert nichts daran, dass einige tolle Arbeiten gezeigt werden. Besonders fiel mir die Videoinstallation von Veronika Eberhart auf: spacig gekleidete junge Menschen, die in einer stillgelegten Tischlerwerkstatt, einem Ort voll potenzieller Bedrohungen also, performen. Als ich um die Ecke bog und die Arbeit (Titel: „9 is one and 10 is none“) erblickte, war gerade eine Frau mit sehr, sehr langen Haaren zu sehen, deren Hände auf einer Maschine herumwanderten. Das hat mich reingezogen.

Veronika Eberhart, 9 is one and 10 is none, 2018, Videoinstallation, 22 Min., 2018, Film Still

Geisterhände

Überhaupt sind die Performerinnen ständig mit geheimnisvollen Bewegungen beschäftigt. Dazwischen passieren mysteriöse Dinge. Eine Lade geht von selbst auf, eine Mulde wandert über Stoff, wie von Geisterhand bewegt. Meistens blicken die Menschen so durch die Gegend, als wären sie weggebeamt. Dann formieren sie sich zu einer Art Tableau Vivant: Eine Person kniet am Boden und blickt unter ihren Beinen durch, die anderen beiden gruppieren sich darüber, eine greift sich zwischen die Beine. Und sachte weht die eindrucksvolle Haarpracht. 

Veronika Eberhart, 9 is one and 10 is none, 2018, Videoinstallation, 22 Min., 2018
Veronika Eberhart, 9 is one and 10 is none, 2018, Videoinstallation, 22 Min., 2018, Film Still

Hexengruß

Diese Formation ist eine Interpretation von Hans Baldung Griens „Neujahrsgruß mit drei Hexen“ aus dem Jahr 1514, wie die Künstlerin in einem Interview mit Kristina Pia Hofer erzählte. Darin schildert sie auch, dass die Kunsthistorikerin Sigrid Schade in Zusammenhang mit dem Blick auf die Verkehrte-Welt-Allegorie verwies. „Durch die Beine zu blicken, schafft eine mächtige Position, da dadurch symbolisiert wird, dass Herrschaftsverhältnisse umgekehrt werden“, sagt Veronika Eberhart. Außerdem schaue die Hexe auf ihr eigenes Geschlecht, womit sie „vielleicht auch die Machtverhältnisse auf den Kopf“ stelle. Die Künstlerin ließ diese Dreierkonstellation auch an Girl-Group-Bands denken: „Diese Dreierkonstellation, die nicht auf familiäre Reproduktion ausgerichtet ist, wie wir es von Familienporträts kennen, sondern für ein gemeinsames Kreieren steht, fand ich attraktiv.“ 

Hans Baldung Grien
Hans Baldung Grien, Neujahrsgruß mit drei Hexen,Feder in Schwarz, teilweise grau laviert, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier, 1514 © Albertina

Menschmaschinen

Dort, wo das Video entstand, nämlich an der Grenze zwischen Steiermark und Slowenien, gab es früher viele Hexenverfolgungen. Und in der Nähe bespielt das Hexenmuseum auf der Riegersburg ein konventionelles Bild von den verfemten Frauengestalten. Veronika Eberhart legt ihre Figuren anders an. In einem Essay, erschienen im selben Katalog wie das Interview, schreibt die Philosophin Siliva Federici darüber, wie der Kapitalismus den Körper der Menschen unterwarf. „Die Mechanisierung – die Verwandlung des männlichen wie weiblichen Körpers in eine Maschine – ist eine der unerbittlichsten Bestrebungen des Kapitalismus“, schreibt sie. In Veronika Eberharts Video befreien sich die Körper davon. Denn nicht die Maschinen steuern ihre Bewegungen, sondern es scheint umgekehrt zu sein. Witchcraft!

Chefinnen

Abseits dieser Hexen-Widerstand-Mechanisierungs-Kiste hat die Arbeit noch weitere Dimensionen: An einer Stelle sieht man, eingekratzt in die Wand, die Telefonnummer der „Chefin“. Doch welchen Status hatte diese „Chefin“, zu Zeiten, als die Werkstatt noch in Betrieb war? Viele von uns kennen KMUs, die von Eheleuten geführt werden, aus der eigenen Familie. Häufig haben früher die Frauen zwar volle Tube „mitgearbeitet“, nebenbei noch Kinder und Haushalt geschupft und dafür ein bisschen Haushaltsgeld bekommen. Während der Chef Anerkennung und Kohle eingesackelt hat. Auch in dieser Werkstatt war es laut Künstlerin so. Mit ihrem Hexensabbat treibt Veronika Eberhart vielleicht auch die patriarchalen Verhältnisse früherer Zeiten aus.  

Aber in Wirklichkeit ist die Arbeit noch weitaus vielschichtiger. Am besten, ihr schaut euch die Ausstellung selbst an. Läuft noch bis 6. Oktober.

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