Ananda spricht

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Als diese Epidemie Österreich überfiel, dachte man anfänglich, dass man viel mehr zum Lesen kommen würde als sonst. Schließlich würden sämtliche Veranstaltungen und sonstiges Amüsement ausfallen, anstatt drei bis vier Mal die Woche wäre man am Abend nie unterwegs. Doch dann musste man bis tief in die Nacht alle möglichen Corona-Sondersendungen im Fernsehen anschauen und sinnentleert auf Social Media herumhängen. Es folgte der erste Zoom-Party-Kater, und natürlich geht auch das Kind nicht mehr um acht ins Bett, sondern eher um elf. So dauerte die Lektüre der Biografie von Hilma af Klint, verfasst von Julia Voss, dann nicht eine, sondern zwei Wochen. Und das lag nicht nur an Corona.

Buchcover, S. Fischer Verlag

Posthumer Siegeszug

Ich gestehe: Besonders viel wusste ich nicht über die schwedische Malerin, die von 1862 bis 1944 lebte. Natürlich faszinierten mich ihre Gemälde auf der Biennale Venedig, die Massimiliano Gioni 2013 exzeptionell kuratierte. Doch eine große Ausstellung sah ich noch nicht. Umso fiebriger wartete ich auf die Biografie, vor allem, da ich die Autorin über alle Maße schätze. Ihr Artikel über af Klints Ausstellung in Stockholm, den sie 2013 in der FAZ geschrieben hatte, war für mich wie eine Offenbarung gewesen. Seither hat die Künstlerin einen außerordentlichen posthumen Siegeszug durch die Kunstwelt angetreten. Die 600.000 Gäste, die das Guggenheim stürmten, alle Rekorde brechend, beeindrucken mich noch immer – auch wenn Besucherzahlen nicht das ultimative Kriterium sind. 

„Weltempfänger“

Für ihre Biografie – voller Titel: „Hilma af Klint. ‚Die Menschheit in Erstaunen versetzen‘“ (S. Fischer Verlag) – lernte Julia Voss Schwedisch und las sich durch immense Mengen von Aufzeichnungen, Notizbüchern und Literatur, alleine das eine beeindruckende Leistung. Hilma af Klints Kunst speiste sich im Wesentlichen aus überirdischen Stimmen, aus Okkultismus, Theosophie und Anthroposophie. In allem Detailreichtum skizziert die Autorin, wie die Höheren Wesen zu af Klint sprachen und wie sich das in ihren Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen niederschlug. Es wird klar, dass die Künstlerin nicht die einzige und nicht die erste war, die Spiritismus in Abstraktion übersetzte – eine Tatsache, der übrigens 2018 auch das Münchner Lenbachhaus Rechnung trug, als es drei Künstlerinnen, neben af Klint waren auch Georgiana Houghton und Emma Kunz vertreten, unter dem  schönen Titel „Weltempfänger“ zeigte.

Hilma af Klint: Die zehn Größten, Nr. 2, Kindheit, Gruppe IV, 1907, Moderna Museet , Stockholm. Quelle: http://www.hilmaafklintinberlin.de/index.php?id=1472

Kein Schmafu

Der große Einfluss des Übersinnlichen auf die Abstraktion ist ein Kapitel, das in der Kunstgeschichte weitgehend vergessen ist, auch wenn das LACMA 1986 der spirituellen Kunst eine große Ausstellung widmete. Insofern ist es völlig nachvollziehbar, dass die Autorin all das in aller Ausführlichkeit erzählt. Am Ende des Buchs schreibt sie in Hinblick auf andere Kolleginnen und Kollegen, die derartige Phänomene eher mit dem Werkzeug soziologischer Theorien betrachtet hätten: „Im Fall von Hilma af Klint scheint es mir übergriffig, sich über die Lebenswirklichkeit der Malerin hinwegzusetzen und ausgerechnet das, was sie als Schlüssel betrachtete, zum Notbehelf herabzustufen.“ Es wäre falsch, diese Gedankenwelt als Schmafu abzutun. Denn schließlich entstand daraus große Kunst!

Standpunkt Buddhas auf der Erde, Serie II, Nr. 3a, 1920, Moderna Museet, Stockholm. Quelle: http://www.hilmaafklintinberlin.de/index.php?id=1472

Ananda spricht!

Das Problem damit ist nur: Erstens fehlt jegliche Distanz. Man liest ständig Sätze wie diesen: „Ananda […], der nicht zögert, Wasser von einer Person anzunehmen, die von der Mehrheit als unrein verachtet wird, wendet sich mit der gleichen Vorurteilslosigkeit an Vertreterinnen des Geschlechts, dem pauschal das Genie abgesprochen wurde.“ Freilich: Ananda ist keine reale Person, sondern eines der höheren Wesen. In dieser Art der Erzählung erscheinen diese als Teil der realen Welt, mir persönlich ist das etwas too much. Und zweitens lesen sich die langen Ausführungen über unendlich viele Séancen in unterschiedlicher personeller Zusammensetung ziemlich zäh – zumindest für bodenständige Gemüter. Wahrscheinlich haben Menschen mit einer Affinität zu überirdischen Kosmen mehr Freude daran. 

Hilma af Klint „Svanen, nr 17, grupp IX/SUW, serie SUW/UW“, 1915, Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Foto: Moderna Museet/Albin Dahlström. Quelle: www.wikipedia.org

Genderfluide

Spannend wurde es für mich dort, wo Hilma af Klint geistig Geschlechtergrenzen sprengt. Mit ihren wechselnden Freundinnen – leider wird kaum auf den Umstand eingegangen, wie sich diese Beziehungen gegenüber einer Gesellschaft positionierten, die dafür noch nicht reif ist – spielte die Künstlerin genderfluide Rollen durch. Voss bringt dies schlüssig in Zusammenhänge mit Platons Kugelmenschen und Virginia Woolfes Orlando. Die Vorstellung, dass man ein anderes Geschlecht annehmen kann, findet sich aber auch in den spiritistischen Kosmen, die af Klint mit ihren Gefährtinnen erforscht. Diese Konzepte schlagen sich auch in ihrer Kunst nieder, wie hier sichtbar wird. Damit war af Klint ihrer Zeit weit voraus.

Nachhaltige Grundlagenforschung

Insofern lohnt sich die Lektüre dieser mit 467 Seiten netto doch recht umfangreichen Biographie. Lesevergnügen, wie es etwa die Biografien von Ingrid Wiener (Carolin Würfel) oder Maria Lassnig (Natalie Lettner) bieten, sollte man sich nicht erwarten. Als Standardwerk, mit dem die Autorin enorme Grundlagenforschung über Hilma af Klint leistete, wird es dennoch nachhaltige Wirkung haben. 

Porträt von Hilma af Klint, anonym. Quelle: www.wikipedia.org

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