Alles gut?

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Unlängst druckte die Süddeutsche Zeitung eine Grafik mit den Redezeiten von Männern und Frauen in Oscar-Filmen der Kategorie „Bester Film“ ab (danke an die Künstlerin Sophia Süßmilch für den Hinweis!). Was soll ich sagen? Mir wurde einfach nur übel. Sehr, sehr viele Filme liegen im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Mehr schockierende Zahlen gibt es hier.

RedezeitenOscarfilme
SZ Grafik vom 4.2. 2019. Quelle: Hanah Anderson, The Pudding; via Sophia Süßmilch

Dramatische Zustände am Theater

Nächste Statistik: Die Regisseurin Bérénice Hebenstreit und der Dramaturg Michael Isenberg untersuchten die Geschlechterverhältnisse an österreichischen Theatern. Sie schreiben: „Von insgesamt 149 Inszenierungen wurden nur 44 von Frauen inszeniert. Geht man ins Theater, sieht man also zu 70 Prozent die Inszenierung eines Mannes? Fast richtig. Auf den großen Bühnen sind es sogar 78 Prozent. Frauen inszenieren vermehrt auf den Nebenspielstätten.“ Das Ungleichgewicht setzt sich fort bei den Dramatikerinnen. Und das selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der historische Kanon der Theaterliteratur (wie ja auch jener der Kunstgeschichte) aus bekannten Gründen männlich dominiert ist: „Doch auch an den Nebenspielstätten ist die Situation nicht besser, obwohl dort kaum Klassiker, sondern überwiegend zeitgenössische Texte gespielt werden. Von 88 Stücken auf den kleinen Bühnen waren in dieser Saison nur achteinhalb Texte von Frauen zu sehen.“ Zehn Prozent. Danke auch!

Literatur: 26 Prozent

Aus der Literatur ist nichts Besseres zu berichten: Die AG Diversität im Literaturbereich kam in einer Studie des breit angelegten Projekts #frauenzählen auf folgende Zahlen: Aus einem Sample von 2036 Medienbeiträgen innerhalb eines Monats stammten nur 35 Prozent der besprochenen Bücher von Schriftstellerinnen. Waren männliche Kritiker am Werk, dann überhaupt nur 26 Prozent.

Geschlechterverteilung Literatur
Geschlechterverteilung Literaturkritik

Vor diesem Hintergrund könnte man zu dem Schluss kommen, dass wir in der bildenden Kunst quotentechnisch eh nicht so schlecht unterwegs seien. Immerhin gibt’s genug anständige Galerien, die ganz ohne großen Aufsehens eine ordentliche Frauenquote bieten (wie etwa Krobath und Tappeiner), immerhin werden unbekannte Künstlerinnen früherer Jahrhunderte aufgearbeitet: Gerade in Wien laufen da aktuell viel beachtete und hochgelobte Ausstellungen im Belvedere und im Kunstforum. Und nicht nur hier.

Die Heroen der Galerie Ropac

Und dann stolpert man in der Albertina über die Ausstellung „Albertina Contemporary“, in der zeitgenössische Kunst als fast ausschließlich männliches Unterfangen verkauft wird. So richtig weiß man nicht, was diese Ausstellung sein soll; es gibt keinen Saaltext, der darüber Auskunft gibt, die Auswahl der Kunstwerke ist ein recht beliebiges Mischmasch. Laut Website möchte die Schau „die Vielfalt künstlerischer Positionen nach 1945“ darstellen: „Schlüsselwerke internationaler Strömungen illustrieren die facettenreiche künstlerische Produktion.“

Zu Beginn, okay, empfangen drei Gemälde von Xenia Hausner das Publikum. Doch gleich geht es weiter, hinein in einen fast ausschließlich männlich bespielten Parcours. Ganze Räume sind den üblichen Verdächtigen gewidmet, Malern aus der Galerie Ropac (Georg Baselitz, Alex Katz, Anselm Kiefer) bzw. der Galerie Baha, die dem Superfund-Eigentümer und Albertina-Sponsor Christian Baha gehört (Gottfried Helnwein). Dazwischen wenige weibliche Einsprengsel, Kiki Smith, Michela Ghisetti. Eine Kunstgeschichte der Nachkriegszeit wird da erzählt, die nicht nur fast alle Medien außer Malerei ignoriert, sondern auch die weibliche Hälfte. Nicht besonders „facettenreich“.

Albertina
Männliche Heroenerzählung: Ausstellung Contempory Art, Albertina (Foto: NiS)

Ich neige ja zu einem gewissen Zweckoptimismus. Aber: Erst, wenn in einer solchen Ausstellung nicht nur Victor Vasarely, sondern auch Bridget Riley, nicht nur Morris Louis, sondern auch Helen Frankenthaler, nicht nur Roy Lichtenstein, sondern auch Evelyne Axell, nicht nur Imi Knoebel, sondern auch Carmen Herrera hängt: Erst dann können wir durchatmen und uns entspannen, verdammt.

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