Das Kunstforum Wien muss bleiben – auch aus feministischer Sicht!

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Beinahe wäre ich in Tränen ausgebrochen, als ich am Montag davon erfuhr: Das Kunstforum Wien soll schließen. Die Blutspur des René Benko zieht sich bis in die Kunst, und außerdem hat der neue CEO der Unicredit Bank Austria keinen Sinn für die Kunst, die Direktorin Ingried Brugger hier zeigt. Von ihr wissen wir auch, dass er noch nie in dem wunderschönen, etablierten und wichtigen Haus war.

Erst vor kurzem kritisierte dieser Blog das Kunstforum wie auch andere Institutionen für seinen geringen Anteil an Künstlerinnen. Dabei bleibe ich. Dennoch soll hier nachdrücklich an die Verdienste des Kunstforum Wien in der Präsentation von Künstlerinnen erinnert werden. Dieses Haus hat mittlerweile eine lange Geschichte, in der es immer wieder das Schaffen von Frauen in den Mittelpunkt rückte und dabei bisweilen unkonventionelle kuratorische und kunsthistorische Perspektiven einnahm. Hier sechs Beispiele dafür, in chronologischer Reihenfolge: 

Jahrhundert der Frauen, 1999-2000, Kuratorin: Ingried Brugger

Mit dieser Ausstellung läutete das Kunstforum Wien die zahlreichen (historischen) Ausstellungen zur Kunst von Frauen ein, die wir im 21. Jahrhundert sehen. Natürlich war sie nicht die erste, doch irgendwie war zu diesem Zeitpunkt die Beschäftigung mit dieser Materie allgemein ein wenig ins Hintertreffen geraten. So machte Ingried Brugger damit einen neuen Auftakt. Damals betrachtete ich die Ausstellung kritisch, als „Ghettoausstellung“. Sie erschien mir zu beliebig, zu kursorisch, waren doch Künstlerinnen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zusammengemischt. Doch im Rückblick zeigt sich: Hier präsentierte eine ambitionierte Kuratorin dem Wiener Publikum zahlreiche Künstlerinnen der Moderne, die heute langsam in den Kanon eingehen: Broncia Koller-Pinell, deren Werk am Katalog prangte, Helene Funke, Helene Taussig, die gesamten Wiener Kinetistinnen. So präparierte „Jahrhundert der Frauen“ einen Weg, der mittlerweile lebhaft frequentiert wird.

Nachdrücklicher Einfluss: "Jahrhundert der Frauen" (c) Kunstforum Bank Austria Wien
Nachdrücklich: „Jahrhundert der Frauen“ (c) Kunstforum Bank Austria Wien

Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde (2015-2016), Kuratorin und Kurator: Heike Eipeldauer, Florian Steininger

Diese Ausstellung zeigte, wie gerechte Rollenaufteilung funktionieren kann: Anhand der Biografien und Kunst von Paaren der russischen Avantgarde – darunter Warwara Stepanowa und Alexander Rodtschenko, Ljubow Popowa und Alexander Wesnin, Natalja Gontscharowa und Michail Larionow – zeichnete die Schau ein Bild davon, wie es sein kann, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt und kollaborativ in und an der Kunst arbeiten. Für die Zeit von 1907 bis 1924 beobachtete Kuratorin Heike Eipeldauer eine „beispiellos gebliebene Häufung an Künstlerpaaren“, wie sie im substanziellen Katalog schrieb. Die fantastischen Arbeiten der Künstler*innen überzeugten. Wie viel Mühe dafür nötig war, sie zusammenzutragen, kann erahnt werden.

Rege besucht: Die Ausstellung "Liebe in Zeiten der Revolution"
Rege besucht: Die Ausstellung „Liebe in Zeiten der Revolution“ (c) Kunstforum Wien

Flying High. Künstlerinnen der Art Brut (2019), Kuratorinnen: Ingried Brugger, Hannah Rieger

Das war eine Schau voller Überraschungen, mir sind die Augen übergegangen. Nur wenige der Künstlerinnen kannte ich vorher, beispielsweise Aloïse Corbaz. Der überwiegende Teil war kaum je in größeren Rahmen gezeigt worden, schließlich war die Art Brut noch mehr von Männern dominiert als die Kunst sowieso schon – bekanntlich hatte beispielsweise Leo Navratil, der die Patienten in der Nervenheilanstalt Maria Gugging zur Kunstproduktion anregte, dort die Männerabteilung geleitet. Die Arbeiten von Künstlerinnen wie Madame Favre, Helene Wilms, Marie Liebs, Gabriele Urbach und Johanna Wintsch lernten wir in dieser großartigen Schau kennen, die meine frühere Kollegin Anne Katrin Feßler im „Standard“ zu Recht als „schimmernde und funkelnde Schatzkammer“ bezeichnete. Als Co-Kuratorin stand Brugger die Kunstsammlerin Hannah Rieger zur Seite – nicht nur mit Leihgaben, sondern auch mit ihrer enormen Expertise. 

Einblick in die Ausstellung „Flying High“ (c) Nilo Klotz

The Cindy Sherman Effect. Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst (2020), Kuratorin: Bettina M. Busse

Die Ausstellung zeigte endlich einmal eine Künstlerin in einer Vorbildfunktion und kehrte damit die übliche Erzählung um: Sonst sind Künstlerinnen ja zumeist „Schülerin von“, „Tochter von“ oder gar „Mutter von“. Es ging um Cindy Shermans Einfluss auf die Generationen nach ihr. Die Schau zeigte, wie Künstler*innen auf Geschlechterstereotype, Identitätsfragen, mediale Bilder blicken. Wichtig dabei: Kuratorin Bettina M. Busse wählte nicht nur Künstlerinnen wie Candice Breitz, Monica Bonvicini und Gillian Wearing aus, sondern auch Künstler (Julian Rosefeldt, Gavin Turk, Ryan Trecartin). Eine Frau als Säulenheilige für die Entwicklung der Gegenwartskunst zu präsentieren: Dahinter lässt sich schon ein feministischer Anspruch vermuten.

Wegweisend: "The Cindy Sherman Effect" (c) Nilo Klotz

Soli Kiani. Ossian – Rebellion (2022), Kuratorin: Lisa Ortner-Kreil

Seit Jahren arbeitet die in Shiraz (Iran) geborene Künstlerin Soli Kiani mit ausdrucksvollen Skulpturen, Installationen und Fotografien das zutiefst frauenfeindliche und mörderische Regime ihres Geburtslandes auf. Auch auf diesem Blog war schon mal die Rede von ihr. Es ist eine Kunst, die unter die Haut geht und uns zeigt, wie schlecht es um die Situation von Frauen weltweit steht. Soli Kiani ließ im Tresor des Kunstforum Wien die Bedrohung und den Kampf der Iranerinnen in beeindruckenden Wänden aus Seilen und in Fotografien, auf denen Plastiksäcke Körper verhüllen sichtbar werden: ein Monument für die iranischen Frauen und für jene, die sich auf der ganzen Welt gegen derartige unvorstellbare Ungerechtigkeiten wehren müssen, eine Anklage gegen die Unterdrücker – und eine Erinnerung daran, dass Demokratie und Frauenrechte auch in Österreich keineswegs in Stein gemeißelt sind.

Wichtige feministische Künstlerin: Soli Kiani in ihrer Ausstellung im Kunstforum tresor
Wichtige feministische Künstlerin: Soli Kiani in ihrer Ausstellung im Kunstforum tresor (c) Christian Jobst

….und Marina Abramović?

Für nächsten Sommer plant Ingried Brugger eine Ausstellung über Marina Abramović. Es wäre ihre erste große institutionelle Schau in Österreich und eine Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich, der Royal Academy of Arts in London und dem Stedelijk Museum in Amsterdam. Allein die Liste dieser Institutionen beweist den internationalen Rang des Kunstforums. Aber einen ignoranten CEO interessiert sowas nicht. Er will lieber einen André-Heller-Skulpturenpark. Wenn ihr einen winzigen Hoffnungsschimmer senden wollt, unterzeichnet diese Petition. Es kostet nichts, nur eine halbe Minute Zeit.

Vielleicht sehen wir dann doch Marina Abramović im Herbst in Wien. Ich wünsche es mir inständig – ebenso wie das Kunstforum mindestens weitere 25 Jahre kritisieren zu können, wenn es zu wenige Künstlerinnen zeigt. Seine Schließung wäre: ein unglaublicher Verlust.

Marina Abramovic
Ob beten hilft? Marina Abramović, „Artist Portrait with a Candle (A)“, 2012, Courtesy of the Marina Abramović Archives, and Galerie Krinzinger © Marina Abramović. Image courtesy of Marina Abramović Archives

4 comments

  1. Ich stimme voll und ganz zu. Eine Schließung wäre ein großer Verlust. Und um noch eine wichtige Ausstellung zu erwähnen: 2023: Kiki Kogelnik (Kuratorin Lisa Ortner-Kreil)

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