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„I work with my emotions“: Den Satz hätte man an der Akademie der bildenden Künste in Wien nie sagen dürfen.

Das erzählt Anna Reisenbichler, die 2009 bis 2014 dort studierte. Das Zitat stammt von Tracey Emin und imponierte der Künstlerin, die auch in Kunstgeschichte promoviert hat, sehr. Daraus entwickelte sich eine Serie, die aktuell in der Ausstellung „Carte blanche für Anna Reisenbichler. I work too much, work too little“ im Theatermuseum zu sehen ist. Reisenbichler stickte mit Seidenfaden einzelne Sätze von Künstlerinnen, darunter auch Musikerinnen und Schriftstellerinnen, auf Papiere.

Anna Reisenbichler (geb. 1978 in Wien): TE (Tracey Emin), 2018, Seidenfaden in Papier gestickt © Anna Reisenbichler
Anna Reisenbichler: TE (Tracey Emin), 2018, Seidenfaden in Papier gestickt © Anna Reisenbichler

Über die Zitate sagte sie in einem Gespräch mit Veronika Rudorfer, das im Katalog publiziert ist: „Diese Art der Verbalisierung eines Tuns und auch die darin enthaltene Offenbarung interessieren mich: Wie sprechen Frauen über ihre Praxis und die (emotionale) Verbindung zu ihrem Werk?“ Da kommt zum Beispiel Taryn Simon zu Wort: „I guess a lot of what I do is underpinned by anxiety“, ebenso Zoe Leonard: „I’m in all of my work, and there’s nowher to hide when you make work“. Oder Elfriede Jelinek: „Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man auch alles machen“ (wobei ich mich frage, ob der Nobelpreisträgerin selbst jemals nichts zugetraut wurde – oder ihre Anmerkung eher als Empowerment für andere gemeint war). 

Anna Reisenbichler (geb. 1978): EJ (Elfriede Jelinek), 2018, Seidenfaden in Papier gestickt © Anna Reisenbichler
Anna Reisenbichler, EJ (Elfriede Jelinek), 2018, Seidenfaden in Papier gestickt © Anna Reisenbichler

Die Bild- oder aber Textträger für die Stickereien stammen aus der Kupferstichsammlung der Akademie der bildenden Künste, alte Papiere, die dadurch zu zeitgenössischen Kunstwerken wurden. Über die Stickerei in der feministischen Kunst – als Aneignungsgeste dieser stets als typisch weiblich gelabelten Technik – gibt es wahrscheinlich mittlerweile Dissertationen. Auch Katharina Cibulka nutzte sie ja in ihrem aufsehenerregenden Projekt, über das Anne Katrin Feßler im Standard ausführlich berichtete. Im Katalog zur Ausstellung schreibt Elisabeth Priedl darüber, wie Künstlerinnen schon früh das Sticken nutzten als „subversive Möglichkeit, künstlerische Anliegen zu formulieren und sich eine gewisse Öffentlichkeit und Anerkennung zu erarbeiten.“

Ausstellungsansicht, Carte Blanche für Anna Reisenbichler, Foto: NiS

In der Ausstellung stellt Reisenbichler ihre Arbeiten wie Kommentare Werken aus der Sammlung gegenüber, die von Frauen produziert wurden. Es muss eine ziemliche Arbeit gewesen sein, die wenigen Blätter aus dem Kupferstichkabinett herauszufitzeln: Im Interview mit Veronika Rudorfer erzählt die Künstlerin, wie sie Zettel für Zettel im Katalog nach weiblichen Namen durchforstete. Rund 20 Zeichnungen und Drucke, die vor 1900 entstanden, förderte sie dabei zutage. Den Großteil davon präsentiert sie hier. Viele davon stammen von Erzherzoginnen, Prinzessinnen oder anderen Adeligen: Die Blätter fertigten sie an, um als Ehrenmitglieder der Akademie dienten. Doch auch ein kleines Aquarell von Maria Sybilla Merian, eine Heilige Familie von Elisabetta Siran, eine Sibylle von Angelika Kauffmann mischen sich darunter. 

Ausstellungsansicht, Carte Blanche für Anna Reisenbichler, Foto: NiS

Nun macht es natürlich einen qualitativen Unterschied, ob eine Künstlerin in vormoderner Zeit wie Merian oder Sirani ernsthaft und konsequent ihre Arbeit vorwärtstrieb, was bekanntlich unheimliche Anstrengungen erforderte. Oder ob eine Tochter aus adeligem Hause zum Zeitvertreib zeichnete. Dennoch stehen in dieser Präsentation alle auf einer Ebene. Gerade in Kombination mit den Zitaten, die auf das Dasein als Künstlerin zielen, erscheint mir das als Bruch. Nach einem sehr instruktiven Podiumsgespräch am 11. April führte die Künstlerin durch ihre Ausstellung. Ob man Künstlerinnen und dilettierende Prinzessinnen auf eine Stufe stellen könne? Auf diese Frage meinte Anna Reisenbichler, ihre Arbeit bilde eben die Klammer. Was natürlich stimmt. In einer konventionellen, kunsthistorischen Ausstellung wäre es allerdings kontraproduktiv, sie zu zeigen: Damit würden feministische Anliegen schnell verwässert. Denn der wichtigste Grund, die Kunst einer Frau zu zeigen, ist noch immer ihre Qualität. Anna Reisenbichler ist sich dieser Problematik, denke ich, durchaus bewusst.

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