Vor den Vorhang!

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Die Idee, die Kuratorin Sabine Fellner hatte, ist eigentlich naheliegend, und man fragt sich, wieso vorher noch nie ein Museum drauf gekommen ist: Für ihre Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Unteren Belvedere arbeitete sie die weibliche Wiener Kunstgeschichte von 1900 bis 1938 auf. Wie viel da verräumt wurde! Man kann sich nur wundern. Das Projekt wurde zu Recht sehr positiv besprochen, zum Beispiel von Anne Katrin Feßler, Michael Huber und Almuth Spiegler. Daher soll auf diesem Blog keine weitere Rezension folgen. Stattdessen werden fünf besonders bemerkenswerte Gemälde beleuchtet, von Künstlerinnen, die teilweise nicht ganz so bekannt sind wie zum Beispiel das Dreigestirn des Stimmungsimpressionismus, Tina Blau, Marie Egner und Olga Wisinger-Florian oder die Kinetistinnen um Erika Giovanna Klien. 

Franziska Zach: Paris Belleville, 1930 

Franziska Zach, Paris Belleville, 1930 (Foto: NiS)
Franziska Zach, Paris Belleville, 1930 (Foto: NiS)

Eine Gegend, die heute als „Szeneviertel“ in Reiseführern angepriesen wird, damals, als die Künstlerin nach Paris zog, noch Industriegegend war: Ein wenig erinnert dieses Bild an die ungefähr zeitgleich entstandenen Industriebilder von Charles Sheeler. Keine Menschenseele ist unterwegs, die Sonne scheint nur für die Fabrik, der blaue Himmel und das heitere Kolorit verleihen dem scheinbar wenig bildwürdigen Sujet eine gewisse Freundlichkeit. Von der Sheelerschen Lebensfeindlichkeit: keine Spur. Leider starb Franziska Zach im selben Jahr, als dieses Bild entstand, mit 30 Jahren. 

Lilly Steiner: Pflanze im Winter, ca. 1930

Stadt der Frauen, Lilly Steiner, Pflanze im Winter, um 1930 (Foto: NiS)
Lilly Steiner, Pflanze im Winter, um 1930 (Foto: NiS)

Lilly Steiner ist keine Unbekannte mehr, ihre Arbeiten zeigte Sabine Fellner schon in der Ausstellung, die sie gemeinsam mit Andrea Winklbauer im Jüdischen Museum kuratierte („Die bessere Hälfte“). Diese Komposition könnte man als Vorwegnahme der Pflanzenstillleben von Lucian Freud sehen – so, wie die Pflanze sich da an den Rand drängt, vor einem unspektakulären Hinterhof. Man könnte es auch mit denen von Alice Neel in Verbindung bringen. Die Pflanze steht in der Kälte vor dem Fenster, wartet darauf, dass wir sie hereinlassen und schlingt sich bibbernd ihren Papiermantel um die Taille.  

Broncia Koller-Pinell: Frühmarkt, 1907

Stadt der Frauen, Broncia Koller-Pinell, Frühmarkt, 1910 (Foto: NiS)
Broncia Koller-Pinell, Frühmarkt, 1910 (Foto: NiS)

Wie Lilly Steiner zählt auch Broncia Koller-Pinell mittlerweile zu den bekannteren Exponentinnen der Wiener Moderne. In der Ausstellung nimmt sie zu Recht breiten Raum ein, bekannt ist das Porträt ihrer Tochter Silvia, die in einen Vogelkäfig blickt. Der „Frühmarkt“ dagegen ist bevölkert von gesichtslosen Frauen und Kindern. Die meisten Marketenderinnen tragen weiße Kopftücher, eine Art Uniform offenbar. Das Bild ist streng komponiert, in Horizontalen, wie Zeilen. Es ist eine reine Frauengesellschaft (bloß eine Figur, ganz im Vordergrund, könnte ein Mann sein). Koller-Pinell, Angehörige des Großbürgertums, blickt auf ihre Geschlechtsgenossinnen, die ein hartes Leben haben und in der Kunst ihrer Zeit sonst kaum vorkommen (wobei in „Stadt der Frauen“ zum Beispiel auch der Bettler-Zyklus von Hermine Heller-Ostersetzer zu sehen ist). Da erweist sie sich als weitaus offener als viele ihrer männlichen Zeitgenossen. 

Mariette Lydis: La Partie de dames, 1937

Stadt der Frauen, Mariette Lydis, La Partie de dames, 1937, Privatsammlung (Foto: NiS)
Mariette Lydis, La Partie de dames, 1937, Privatsammlung (Foto: NiS)

Dieses Bild ist besonders interessant. Dass da ein schwarzes und ein weißes Mädchen an einem Tisch sitzen und miteinander Dame spielen, scheint für das Entstehungsjahr sehr außergewöhnlich. Und dann trägt das schwarze Mädchen noch ein Dirndl. Damals muss das ein Affront gewesen sein. Die andere hat ihr Kleid hochgeschoben, sodass eine spitzenbesetzte Unterhose sichtbar wird, die Knie überkreuzen ein Stuhlbein. Ich finde, das Bild strahlt eine subtile Erotik aus, die über das unschuldige Brettspiel hinausgeht. Ziemlich verstörend.

Stephanie Hollenstein: Bildnis eines Soldaten (Selbstporträt), 1917

Stadt der Frauen, Stephanie Hollenstein, Bildnis eines Soldaten (Selbstporträt), 1917 (Foto: NiS)
Stephanie Hollenstein, Bildnis eines Soldaten (Selbstporträt), 1917 (Foto: NiS)

Zu diesem Gemälde sollte man wissen, dass die Künstlerin im Ersten Weltkrieg als Soldat eingerückt war. Sie hatte sich als Mann ausgegeben. Später war sie überzeugte Nationalsozialistin und als Präsidentin der Vereinigung Bildender Künstlerinnen für den Rauswurf von deren jüdischer Mitglieder verantwortlich. In dem Bild stellt sie sich androgyn dar. Der Titel deutet darauf hin, dass sie sich weder als Mann noch als Frau präsentiert: zum einen spricht sie von „einem Soldaten“, als handle es sich um einen Fremden, zum anderen bezeichnet sie das Werk doch als „Selbstporträt“. Zehn Jahre später überschritt Claude Cahun in ihren fotografischen Selbstinszenierungen die Grenzen des biologischen Geschlechts, noch später lösten Künstlerinnen und Künstler von Urs Lüthi über Jürgen Klauke bis Renate Bertlmann die binären Geschlechtercodes auf. Das ambivalente Porträt der Stephanie Hollenstein ist allerdings eine Ausnahme: Ansonsten blieb die Künstlerin, wie sich in „Stadt der Frauen“ zeigt, ihrem spätexpressionistischem Stil treu, malte von Farben glühende, aber ansonsten eher unspektakuläre Landschaften. 

Natürlich gibt’s in „Stadt der Frauen“ jede Menge anderer, unglaublich spannender Bilder. Go for it!

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