Der Fotokünstler Robert Fleischanderl kombiniert in seinem Projekt „14 Geschichten über häusliche Gewalt“ Bilder von Wohnungen, in denen Opfer häuslicher Gewalt lebten, mit deren Aussagen aus Polizeiprotokollen. Diese Arbeiten erschienen in einem Buch; zudem präsentiert Robert Fleischanderl sie auf großen Tafeln beim Burgtor und beim Museumsquartier. Da ich für dieses Projekt einen Text beisteuern durfte, unterhielt ich mich darüber mehrmals länger mit Robert Fleischanderl.* Bei einem Gespräch im Sommer befürchtete er schon, dass diese Arbeiten im öffentlichen Raum zerstört würden.
Und leider: Er hat recht behalten. Bereits in der ersten Nacht, als sie hingen, hat jemand vier davon zerstört, im Laufe der Zeit folgten weitere. Mittlerweile sind 26 Tafeln zerstört.

Tatorte, aber keine Tatortfotografien
Für seine Foto-Text-Paare besuchte Robert Fleischanderl Klientinnen, die das Gewaltschutzzentrum Niederösterreich betreut. Manche leben in den Wohnungen, wo sie Gewalt durchlitten. Es sind Tatorte, doch die Fotos sind keine Tatortfotografien. Sie entziehen sich, und darin besteht eine der Qualitäten dieser Arbeit, dem Spektakulären. Robert Fleischanderl macht damit bewusst, dass die Wohnung – jener Raum, der traditionsgemäß der Frau zugewiesen wurde – der für Frauen in Österreich gefährlichste Ort ist. Es bleibt verborgen, was tagtäglich hinter den Mauern von Einfamilienhäusern und Siedlungen, Zinshäusern und Villen geschieht. Eine Mauer des Schweigens, dessen Geschichte „für die Geschichte der Frauen eine ganz zentrale“ ist, wie Rebecca Solnit schrieb. Dass er nicht eine, sondern 14 Geschichten erzählt, verdeutlicht: Gewalt ist kein Einzelfall, sondern Alltag.

Mutige Frauen
Den Fotos gegenüber stehen Zitate der Frauen, zumeist aus den Polizeiprotokollen (die Dramaturgin Lisa Kärcher hat sie kongenial ausgewählt und bearbeitet). Die Frauen sprechen also selbst. Sie haben das Schweigen gebrochen, und zwar doppelt: Einmal, indem sie sich an das Gewaltschutzzentrum wandten, und ein zweites Mal, indem sie sich damit einverstanden erklärten, ihre Geschichte öffentlich durch Fotos aus ihren Wohnungen sowie ihre Aussagen zu teilen. Diese Frauen haben extrem viel Mut, ich bewundere sie dafür unendlich. Noch mehr dazu, auch über die Arbeit der Gewaltschutzzentren und die Allgegenwart des Frauenhasses, könnt ihr in dem Buch lesen.
Doch es gibt offenbar Personen, denen das nicht passt. Die diese Frauen wieder zum Schweigen bringen wollen. Schon hört man, im Leser*innenforum des „Standard“ beispielsweise, beschwichtigende Stimmen: Geh bitte, das ist doch nur Vandalismus, das machen ein paar angesoffene Jugendliche! Außerdem muss man doch mit sowas rechnen! Robert Fleischanderl hat die Zerstörung seines Werks angezeigt. Interessanterweise stufte sie die Polizei, übertriebener „Wokeness“ unverdächtig, ungefragt als Hate Crime ein. Nicht als Vandalismus.

Wie Männer Frauen den Mund verbieten
Die Historikerin Mary Beard analysierte in ihrem Klassiker „Frauen & Macht“, wie Männer Frauen seit der Antike den Mund verbieten. Wie schon Telemachos seine eigene Mutter Penelope ins Haus verweist, als diese einmal öffentlich sprechen möchte: „Die Rede ist Sache der Männer / Aller, vor allem die meine!“ Das sei, so Beard, „nur das erste Beispiel in einer endlosen Reihe von weitgehend erfolgreichen Versuchen, die Frauen nicht nur von der öffentlichen Rede auszuschließen, sondern diesen Ausschluss auch zur Schau zu stellen.“
Genau das ist hier geschehen. Die Frau hat sich getraut zu sprechen. Jetzt muss man ihr zeigen, dass sie das nicht darf. Schlimmer noch in diesem Fall: Auf die ohnehin schon Verletzten, Traumatisierten tritt man – indirekt – noch einmal hin.

Der Hass auf feministische Anliegen
Kunst fällt besonders oft Zerstörung zum Opfer, wenn sie feministische Anliegen artikuliert, wie auch die Künstlerin Esther Strauß im Sommer erfahren musste. Und wenn es um Erinnerungskultur geht. Als der Fotograf Luigi Toscani 2019 am Burgring – an derselben Stelle, wo jetzt die Arbeiten von Robert Fleischanderl hängen – Porträts von Holocaust-Überlebenden ausstellte, zerschnitten Unbekannte deren Gesichter und beschmierten sie mit Hakenkreuzen. Es war schockierend. Prompt formierten sich zivilgesellschaftliche Initiativen, die Mahnwachen und Kundgebungen organisierten.
Erhebt eure Stimme!
Das brauchen wir auch jetzt. Vereine, Schriftsteller*innen, Musiker*innen, Journalist*innen, Politiker*innen, Museumsdirektor*innen, alle, die gehört werden können, alle, denen gewaltfreie Frauenleben ein Anliegen ist: Erhebt eure Stimme, lasst nicht zu, dass Frauen schon wieder zum Schweigen gebracht werden! Die Opfer häuslicher Gewalt müssen Bestätigung erfahren – für ihre Courage, die sie für sich, für ihre Kinder, letztlich für alle Frauen aufgebracht haben.
Am 25. November, am Montag, beginnen übrigens die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Dann präsentiert Robert Fleischanderl sein Buch im Museumsquartier. Vielleicht sehen wir uns ja dort.

*Disclaimer: Natürlich erhält man als Autorin ein Honorar für Katalogbeiträge.
Wer sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt, muss dies wahrscheinlich auch in Bezug auf Gewalt gegen Kinder tun. Der Wiener Friedensforscher Franz Jedlicka erklärt diese „Intersektionalität“ in seiner neuen Podcast Episode – und weist auf den Verein White Ribbon (Männer gegen Gewalt an Frauen) hin.
Vielen Dank für den Kommentar, dem ich nur zustimmen kann. Das Projekt thematisiert Gewalt gegen Kinder auch, die von prügelnden und missbrauchenden Vätern betroffen sind. Danke auch für den Hinweis auf den Verein, wir brauchen Männer als Verbündete sehr dringend.
Danke Nina!
Ich wünschte, ich müsste nicht darüber schreiben. Und vor allem, dass diese Zerstörungswut auch anderswo breiter thematisiert würde als in einer kleinen Meldung.