Zwölf Männer, eine Frau

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Auf der Namensliste einer Ausstellung mit Gegenwartskunst scheint eine einzige Frau auf. Das wäre vor zwanzig Jahren noch normal gewesen.

Ein paar Feministinnen und, wie man das damals am Land mit leicht abfälligen Unterton nannte, „Emanzen“ wie ich hätten im Anzengruber oder im Futuregarden darüber geschimpft. Andererseits war es völlig üblich, dass Ausstellungen mehr oder weniger ohne weibliche Beteiligung stattfanden. Trotz damals eh auch schon unermüdlicher Arbeit der Guerilla Girls.

Einladungskarte NRW-Forum
Einladungskarte NRW-Forum (c) Verena Kaspar-Eisert

Homöopathische Quote

Aber heute geht so etwas nicht mehr einfach so durch. Das NRW-Forum Düsseldorf kündigte eine Ausstellung zum Thema Weltverschwörung an („Im Zweifel für den Zweifel“). Es nehmen teil: zwölf Männer, eine Frau, drei Künstlergruppen (eine davon exklusiv männlich). Und das ging nicht einfach so durch. Verena Kaspar-Eisert vom Kunsthaus Wien postete die Einladungskarte zur Eröffnung auf Facebook und Instagram und sprach dabei direkt die Kuratoren Alain Bieber und Florian Waldvogel an: „Keeping the percentage of women in an exhibition so low must be a challenge. Alain Bieber and Florian Waldvogel have managed. Please guys explain yourself.“ Candice Breitz, die ja jetzt auch nicht irgendwer ist, forderte auf Facebook ebenfalls Erklärungen für die homöopathische Frauenquote ein. Leider begegnete man beiden nicht besonders entgegenkommend. Ein Post von Verena auf der Facebook-Seite des NRW-Forums wurde ignoriert (irgendwer beschuldigte sie nur, völlig abstrus, „Fake News“ zu verbreiten). Candice Breitz wurde überhaupt gleich blockiert, auch von der Pressestelle bekam sie keine Antwort.

Der Kurator, dem Breitz dann ein Email schrieb, warf ihr vieles an den Kopf, unter anderem, sie habe zu wenig „recherchiert“. Keine Ahnung, was es da groß zu „recherchieren“ gibt, die Fakten liegen auf dem Tisch: Zwölf Männer, eine Frau.

„Weibliche Künstler“

Am Donnerstag hat das NRW-Forum die Strategie dann geändert. Via Facebook beschied man uns nachfragenden Frauen: „Wir haben uns beim Kuratieren der Ausstellung an dem Thema abgearbeitet und an einem Diskurs orientiert, der scheinbar überwiegend männlich dominiert ist. Das wird auch an der Künstlerliste sichtbar.“ (Der Kuratorin und Kritikerin Eva Scharrer waren übrigens schon tags zuvor einige Künstlerinnen dazu eingefallen). Aber man antwortete, dass es ganz sicher nicht beabsichtigt gewesen sei „weibliche Positionen von der Ausstellung auszuschließen“. Vielen Dank aber auch! Und man diskutiere bereits intensiv, was man in Zukunft ändern könne.

Ganz neu dürfte das Thema freilich in dieser Institution nicht sein, wie Candice Breitz hier erzählt. Denn der Künstler Oliver Laric hat sich schon vor zwei Jahren geweigert, an einer Ausstellung des NRW-Forums teilzunehmen – weil so wenige Künstlerinnen auf der Liste standen. Die generöse Antwort des Chefs Alain Bieber damals: Wenn Laric ihm „weibliche Künstler“ nennen könne, die „bessere Arbeiten als ihre männlichen Pendants“ realisiert haben, dann mache er gerne eine Ausstellung „exklusiv mit Frauen“. Also: prinzipiell eh gern mit Künstlerinnen, aber sie müssen besser sein! Zur Erinnerung: Man schrieb das Jahr 2016.

Wenn ihr das Recht habt, uns zu marginalisieren, dann haben wir das Recht, euch zu kritisieren!

Unlängst stand im Spiegel eine große Reportage über Österreich. Es kam darin eine einzige Frau als Interviewpartnerin vor. Der Verfasser wurde dafür heftig kritisiert, zu Recht. Zu seiner Verteidigung pochte er auf die Pressefreiheit. Niemand dürfe ihm vorschreiben, wen er in seinem Text zitiere. Eh nicht. Niemand schreibt irgendwem irgendwas vor. Doch wenn Journalisten Artikel schreiben und Frauen kaum vorkommen lassen, wenn Kuratoren Ausstellungen mit einer Frauenquote im einstelligen Prozentbereich zeigen, dann müssen sie eben mit Kritik rechnen.

Wenn ihr das Recht habt, uns zu marginalisieren, haben wir das Recht, euch zu kritisieren!

 

 

Nachtrag 1:

Ich habe gelernt: Kritik an einem Künstlerinnenanteil im einstelligen Prozentbereich bedeutet, dass man intellektuell verwahrlost, eine Krämerseele und außerdem Hashtag-Feministin ist. Immerhin tut Florian Waldvogel nicht so, als hätte es diese ganze Geschichte nicht gegeben. Hier seine Rede: https://www.facebook.com/florian.waldvogel.7/posts/1837064659675941?__tn__=K-R

Nachtrag 2:

Am 24. September wurde ein Offener Brief publiziert, in dem es unter anderem heißt:  „Wie kann es sein, dass im Jahr 2018 in einem von öffentlichen Geldern finanzierten Ausstellungshaus erneut eine Ausstellung mit einer derartigen Quote zustande kommt? Wie kann es sein, dass eine internationale Ausstellung über globale Phänomene beinahe ausschließlich mit Werken von weißen, männlichen Künstlern konzipiert wird?“ Und: „Wir wünschen uns, dass wir mit diesem Brief zu einem überfälligen Umdenken beitragen, das allen Akteur*innen im Kulturbetrieb unabhängig von Geschlecht und Herkunft gleichwertig gute Arbeit und damit dasselbe Recht auf Öffentlichkeit zugesteht.“ 1119 Personen haben ihn schon unterschrieben (Stand 1. Oktober).

4 Kommentare

  1. „Geschlechtergerechtigkeit“

    WO DER PROZENTE-FEMINISMUS SCHON ÜBER DAS PATRIARCHAT GESIEGT HAT:

    Sprechstundenhelfer – Frauenanteil 99,2 %
    Raumreiniger – Frauenanteil 87,5 %
    Verkäufer – Frauenanteil 75,9 %
    Bürohilfskräfte – Frauenanteil 75,4 %
    Kellner – Frauenanteil 68,6 %
    Postboten – Frauenanteil 57,1 %
    Gebäudereiniger – Frauenanteil 50,8 %

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