Zwar hat die Ausstellung „Radical Software. Women, Art & Computing 1960-1991“ in der Kunsthalle Wien schon vor über zwei Monaten eröffnet. Dennoch komme ich erst jetzt dazu, hier darüber zu schreiben (für das Kunstmagazin Parnass war ich flotter). Doch vielleicht erinnert dieser Beitrag die/den eine*n von euch daran, die Schau noch zu besuchen. Sie läuft nur mehr wenige Wochen (bis 25. Mai). Sie ist ein großer Wurf von Michelle Cotton, die sie kuratiert hat und seit dem Vorjahr die Kunsthalle Wien leitet. Jene Institution übrigens, das in Wien oder vielleicht Österreich als erstes ein (halbwegs) ausgeglichenes Geschlechterverhältnis aufzuweisen hatte, etwas, das bis heute so manchem Haus noch immer nicht gelingt.
Pionierinnen der Digitalkunst
„Radical Software“ versammelt Pionierinnen der Digitalkunst und ist die erste Schau dieser Art, die je international zu sehen war. Schon damit schreibt sie Kunstgeschichte.

Nun halten manche frühe Digitalkunst für angejahrt. Schaut euch „Radical Software“ trotzdem an! Lasst euch in den Bann ziehen von den Digitalfilmen von Samia Halaby, Lillian W. Schwartz, Gretchen Bender, Dana Birnbaum sowie dem Duo Gudrun Bielz und Ruth Schnell. Lasst euch entzücken von der wunderschönen Wand mit Computerzeichnungen der von mir schon lange verehrten Vera Molnár, von Sylvia Roubaud sowie Monique Nahas und Hervé Hitric. Lasst euch in Staunen versetzen von den tollen „Homecomputer Graphics“ Lily Greenhams – und empören von der Tatsache, dass die gebürtige Wienerin, die als jüdisches Kind vertrieben wurde, hier völlig unbekannt ist (wenn ihr spontan seid, lasst euch den Abend für sie morgen Mittwoch nicht entgehen). Und lasst euch bezaubern von den feinen Zeichnungen der Inge Borchardt: Linienbündel, die sich an einem Strahl entlang formieren, Spiralen, die sich zu Schnecken drehen. 1966 konstruierte sie diese am Computer auf Basis von Differenzialgleichungen.

„Süße“ Chefin
Inge Borchardts Berufsalltag erzählt übrigens einiges über die Konstellation Feminismus, Informatik und Kunst. Diese beeindruckende Frau, die ihre 90 Lebensjahre nicht an der Teilnahme an der Pressekonferenz hinderten, arbeitete schon 1961 in einem führenden Informatiklabor Deutschlands, dem DESY. Dort nahm sie bald eine Führungsposition ein. Das erinnert daran, dass in der Frühzeit der Informatik Frauen durchaus gut repräsentiert waren und hinausgedrängt wurden, als das große Geld kam. Als Inge Borchardt jedenfalls einmal einen Kollegen einstellte, bedachte sie dieser aufgrund ihrer kleinen Körpergröße mit dem Adjektiv „süß“ – seine künftige Chefin! Dennoch machte Borchardt Karriere, und sie stellte auch bald ihrer computergenerierten Zeichnungen im Kunstkontext aus. Doch als sie nach ihrer Pensionierung in ihrem ehemaligen Büro danach suchte, waren alle Arbeiten verschwunden – offenbar entsorgt von Leuten, die deren künstlerischen Charakter nicht erkannten oder zu schätzen wussten.
Das zeigt einerseits, wie eine Informatikerin/Künstlerin sich gegen Unverständnis auf mehreren Seiten durchsetzen musste – gleichzeitig aber, wie eng Informatik und Kunst miteinander verwoben waren. So manche Schöpferin der Exponate kam aus der Technik. Apropos verwoben: Die Zusammenhänge zwischen dem Weben – der Jacquard-Webstuhl war bekanntlich ein Gegenstand am Weg zur Entwicklung von Computern – zeigen Werke von Charlotte Johannesson und Beryl Korot auf. Frauen, so schrieb übrigens Sadie Plant in ihrem Klassiker „nullen und Einsen“, hätten viel mehr als kleine Beiträge geleistet: „Denn ihre Mikroprozesse lagen allem zugrunde: Spindel und Spinnrad, die zum Garnspinnen verwendet wurden, sind die Grundlagen aller späteren Achsen, Räder und Rotationen; in den verschlungenen Fäden des Webstuhls zeigt sich einer der abstraktesten Herstellungsprozesse. Textilien selbst sind buchstäblich das Software-Unterfutter aller Technologie.“

Weg aus den Dualismen?
Besonders spannend wird die Ausstellung auch dort, wo sie Cyborgs und deren feministische Implikationen beleuchtet. „Der Cyborg kann einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben“, schrieb eine weitere Vordenkerin, Donna Haraway, in ihrem „Cyborg Manifesto“ 1985. Die Transhumanismus-Fantasien der Tech-Bros wie Elon Musk verkehrten diese Utopien allerdings heute in ihr Gegenteil verkehrt und verspotten emanzipatorische Anliegen jeder Art. Die Ausstellung endet freilich im Jahr 1991, gegenwärtige Übermensch-Dystopien finden hier also keinen Platz mehr. Kritische Reflexion findet sich hier dennoch, etwa in den computergenerierten Pin-Ups von Anne-Mie van Kerckhoven, die auf die Parallele zwischen Pornografie und Maschinenfetischismus anspielt, gleichzeitig das pornografische Bild der Konsumierbarkeit entzieht. Oder Lynn Hershman Leesons Roboterfrau. Diese Arbeiten erscheinen im Cyborg-Kontext sinnstiftender als beispielsweise VALIE EXPORTs großartige Digitalcollagen, in denen architektonische Elemente mit Frauenkörpern verschmelzen, die aber wenig über das Mensch-Maschinen-Hybrid aussagen. Oder als Irma Hünerfauths kinetisches Augen-Glocken-Gestell, das eher wie ein verspätetes Dada-Objekt wirkt.

„Radical Software“ ohne Margot Pilz
An dieser Stelle nun doch noch einige Kritikpunkte. Einer davon betrifft mein heimliches Lieblingsthema Saaltexte. Diese blähen sich auf, wegen überflüssig ausführlicher O-Töne der Künstlerinnen und wegen technischer Details, die kaum zum Verständnis der Kunstwerke beitragen. Am meisten stört mich jedoch die Abwesenheit von Margot Pilz (ich gestehe: als Autorin ihrer Biografie bin ich befangen). Diese Wiener Pionierin digitaler Kunst hätte man nicht vergessen dürfen. Noch mehr schmerzt es, zumal sie einst ihren künstlerischen Vorlass der Stadt Wien, von der die Kunsthalle getragen wird, geschenkt hat. Nach meiner entsprechenden Nachfrage bei der Pressekonferenz startete übrigens eine Wiener Künstlerin auf mich zu und erklärte mir, dass Margot ihre digitalen Arbeiten erst nach 1991 geschaffen habe – und wollte kaum glauben, dass dies tatsächlich bereits Mitte der 1980er der Fall gewesen war. Offenbar ist bis heute selbst in der Szene zu wenig beachtet und bekannt, was so früh direkt vor der Haustür geschah.

Wichtige Basisarbeit
Trotz dieses Wermutstropfens ist es eine umso wichtigere Basisarbeit, dass „Radical Software“ die Verdienste von Digitalkünstlerinnen ausführlich präsentiert und im Katalog festhält – und umso wichtiger wäre es, dass eine große Wiener Institution Margot Pilz eine ausführliche Personale ausrichtet. Die Häuser haben ihre Programme für 2026 wohl schon festgelegt. Dennoch, zur Erinnerung an alle Kurator*innen: Margot Pilz wird nächstes Jahr 90. Das wäre doch eine gute Gelegenheit.