Sie traben, sie hüpfen, sie trippeln: Sechs junge Frauen, sie tragen kleine Schürzchen, Pferdeschwänze – nicht am Kopf, sondern über dem Hintern – und: echte Hufe. Vorsichtig steigen sie über kleine Porzellanpferdchen, die in einem Rechteck angeordnet sind, stoßen sie aber auch um. Dass es sich bei ihrer Fußbekleidung um Pferdehufe handelt, hätte ich gar nicht gleich erkannt: Die Haltung des Beins entspricht nämlich ohnehin exakt jener von High-Heel-Trägerinnen. „Quadrille“ heißt diese großartige Performance der britischen Künstlerin Rose English, die sie 1975 aufführte. Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt das Werk gerade in einer konzisen Schau mit dem schönen Übertitel „Plötzlich in Pracht beginnen“ (Kuratorin: Marijana Schneider, Gastkuratorin: Lisa Moravec). Sie ist nicht zu groß und nicht zu klein und entfaltet ein Oeuvre, das die Künstlerin seit den Seventies ausgehend von feministischen Ansätzen entwickelte.

Dressur von Pferde- und Frauenkörpern
Ihr Begriff von Performance ist einer, der die Grenzen dieses Genres in Richtung populärer Ausdrucksformen erweiterte, etwa Zirkus, Cabaret und Comedy. Wenn Rose English in hautengem glänzenden Kleid ihr Publikum zu Lachstürmen hinreißt, so ist das unbedingt sehenswert. Hier jedoch soll es stärker um ihre frühen feministischen Arbeiten gehen.

Wie eben auch „Quadrille“ eine ist: Der Tanz, gleichzeitig jährliches Highlight am Wiener Opernball, hat seine etymologischen Ursprünge im Militär und war einst mit dem Reiten eng verflochten. „Das Rossballett etablierte sich als eigenes theatrales Genre und kombiniert in ausgeklügelter Manier zwei Körpertechniken, das Reiten aus dem militärischen Kontext und das Tanzen als soziokulturelle Praxis der aristokratischen Festkultur“, schreibt die Theater- und Tanzwissenschaftlerin Nicole Haitzinger im Ausstelungskatalog. „Das Rossballett galt als Divertissement, in das die politische Rangordung auf unterhaltsame Weise choreografisch gespiegelt wurde.“ Sie beschreibt auch wie „historisch zeitgleich Pferde und Frauenkörper einer modifizierten Art der Dressur unterworfen“ wurden.
Anti-Perfektion
Die Strenge der Dressur unterwandert Rose English durch Anti-Perfektion – einige Porzellanpferdchen, die so in Reih und Glied aufgestellt sind, fallen dann eben doch um. „Die Strenge der geometischen Anordnung trifft auf eine Punk-Attitüde, in der das Umfallen der Porzellanpferdchen nicht nur nicht stört, sondern vielmehr zur Intensivierung der ästhetischen Erfahrung beiträgt“, so Haitzinger.

Auch in einer Installation reflektiert Rose English die Parallele zwischen Pferde- und Frauendressur: V-förmig aufgestellte Zeitschriftencovers mit Debütantinnen am Cover begleitet eine ebensolche Formation an Porzellanpferdchen. Ein Foto davon, das wäre mal eine gelungene Damenspende am Opernball!
Gespür für starke Bilder
Welches Gespür die 1950 geborene Künstlerin für starke Bilder hat, beweist schon der erste Raum der Ausstellung: Auf einer Schwarzweißfotografie stehen da Männer in Hemd, Hose und Gilet hüfthoch in einem Pool voll Wasser. Das Bild stammt aus der mehrtägigen Performance „Berlin“ von 1976, die English gemeinsam mit der mittlerweile weltberühmten Regisseurin Sally Potter erdachte und aufführte. Sechs Männer performten da mit ihnen, wobei diese stumm blieben, und sich durch die Räume – ein Schwimmbad, ein Wohnhaus, eine Eislaufhalle – bewegten. Die beiden Künstlerinnern bestimmten dabei die Handlung , gehüllt in ein schwarzes Kleid und einen Rock mit Blättern. „Mit den Kostümen und Figuren hinterfragen die Künstlerinnen die Rollen, die sie gleichzeitig verkörpern, um damit patriarchale Strukturen auf den Kopf zu stellen“, so heißt es im Begleittext.

Die Performance ist einerseits von der lebhaften Kultur der Weimarer Republik geprägt, andererseits von jener der Seventies in London – beides Epochen, in denen sich künstlerische Freiräume auftaten, vor allem auch für Frauen. Die Form der Zusammenarbeit von English und Potter „war auch von den Werten der zweiten Frauenbewegung der 1970er-Jahre beeinflusst. Künstlerische Kooperationen war damals eine Möglichkeit, um gesellschaftliche und (kultur)politische Veränderungen aktiv zu beeinflussen“, heißt es in der Ausstellung.

Seltsam, dass Rose English im deutschsprachigen Raum bisher kaum gezeigt wurde. Hat etwa genau das, was sie ausmacht – der Hang zum Überschreiten der Grenzen zu populäreren Genres – etwas damit zu tun? Jedenfalls eine spannende, frühe feministische Position. Der Ausstellungsbesuch lohnt sich.

Plötzlich in Pracht beginnen. Rose English: Performance, Präsenz, Spektakel. Bis 2. Februar 2025.
Museum der Moderne Salzburg
Mönchsberg
Mönchsberg 32
5020 Salzburg, Austria
Erinnert mich an diesen Spielfilm: https://kinogucker.wordpress.com/2024/03/07/piaffe/