Überraschender Erfolg für Zwinglis Zahlen

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Es sind nur ganz, ganz wenige pinke Linien, die den Bestandskatalog des Kunsthauses Zürich durchziehen. Sie markieren die Werke von Künstlerinnen, die das größte Kunstmuseum der Schweiz sammelte: insgesamt rund 13 Prozent. Kein Ruhmesblatt. Hulda Zwingli: So heißt das Künstlerinnenkollektiv das seit 2019 nicht müde wird, die drastische Benachteiligung von Künstlerinnen, vor allem in Zürich, öffentlich zu kritisieren. Anonym, in bester Guerilla-Girls-Tradition, und mit den Mitteln der Gegenwart: nämlich auf Instagram.

Hulda Zwinglis Instagram, Screenshot

Eine tolle Lassnig hat’s auch


Mirjam Varadinis, Kuratorin am Kunsthaus Zürich, lud Hulda Zwingli 2023 zur Reihe „ReCollect!“ ein, einem Projekt, bei dem Künstler*innen mit der Sammlung des Hauses arbeiten.* Hulda Zwingli begab sich dafür auf die Suche nach den Künstlerinnen des Kunsthauses Zürich und fand: eben nicht besonders viel. Und vieles von dem, was sie fand, war – immerhin das eine erfreuliche Entwicklung – andernorts, entweder im Haus selbst oder in Ausstellungen anderswo, schon ausgestellt. Doch jene Werke, die Hulda Zwingli hier (noch bis Ende September) zeigt sowie ihre Schöpferinnen haben es in sich. Zum Beispiel Irmgard Micaela Burchard-Simaika, die 1938 in London die Schau „Twentieth Century German Art“, eine Gegenausstellung zur NS-Diffamierungsschau „Entartete Kunst“, initiierte. Oder Grandma Moses, eine Autodidaktin, die erst mit 78 begann zu malen, dann aber vom US-Präsidenten Harry S. Truman zum Tee eingeladen wurde. Eine tolle Lassnig hat’s auch, wie unsere Schweizer Freundinnen sagen würden.

Fest in Männerhand


Darüber hinaus dokumentiert die Ausstellung feministisch-künstlerischen Protest – wie etwa jene Aktion, als die Künstlerinnen Elisabeth Eberle und Ruth Righetti bei der Eröffnung des Erweiterungsbaus 2021 ein „Denkmal für die unbekannte Künstlerin“ errichteten. Und damit gegen die fast vollständige Abwesenheit von Künstlerinnen dort protestierten, die auf diesem Blog auch schon mal Thema war. Dass das Kunsthaus Zürich den Protest gegen sich selbst nun ausstellt, ist wohl nur möglich wegen seiner neuen Chefin, Ann Demeester, die offensichtlich mehr Sensorium für Geschlechterparität hat als ihr Vorgänger Christoph Becker. Übrigens sind auch die Kunst im öffentlichen Raum sowie die künstlerische Ausstattung der ETH Zürich fest in Männerhand, worauf Hulda Zwingli ebenso nachdrücklich hinweist.

Diese Brille ist nicht rosa

Den Ausstellungsraum dominiert eine Wandgestaltung, in deren Zentrum die Kunstfigur Hulda Zwingli steht, ein Ausschnitt aus einem Gemälde des Schweizers Hans Asper,ein 1549 entstandenes Porträt von dessen Frau Anna Gwalther. Sie trägt eine Brille mit zwei „Venussymbolen“ (sollte man diese Bezeichnungen nicht auch hinterfragen?)


Hulda Zwinglis Name setzt sich aus jenen der Wirtin Hulda Zumsteg (1890–1984) und des Reformators Huldrych Zwingli zusammen. Die Unbekannte legte eine steile Karriere hin und zählt längst zur Prominenz des Zürcher Kunstbetriebs. Ihre Instagram-Posts – lest sie unbedingt nach! – haben einen ganz eigenen, ironisch-augenzwinkernden Sound. Damit zeigt Hulda Zwingli die Uneinsichtigkeit von Museumsdirektoren, die Doppelzüngigkeit von politisch Verantwortlichen, die Vertröstungs- und Beschwichtigungstaktik von Kuratoren auf.

Hulda Zwingli, nimmermüde

Längst berichteten nationale und internationale Medien, darunter die mittlerweile erzkonservative NZZ, das US-Onlinemagazin Hyperallergic, Monopol, Kunstforum international etc. etc. über Hulda Zwinglis nimmermüden und witzigen Protest. Mittlerweile gibt es Stadtführungen im Geiste von Hulda Zwingli, gestaltete das Junge Schauspielhaus eine Aufführung zu Hulda Zwingli, thematisieren Vorlesungen an der Uni ihren Aktionismus. Sie trifft damit eine offenbar untergründig brodelnde Unzufriedenheit mit den Geschlechterverhältnissen im Kunstbetrieb.


Die Superpower der Hulda Zwingli sind die Aussagekraft des puren Zahlenmaterials, ihr unverdrossener Schmäh – und ihre Anonymität. Ihr Erfolg zeigt, dass es sich noch längst nicht hat mit dem Feminismus im Kunstbereich. Auch wenn manche (Herren) das suggerieren. Indem sie beispielsweise darauf verweisen, dass es ja ohnehin einige Kunstwerke von Pipilotti Rist im Kunsthaus Zürich gebe. Klassischer Tokenismus, wie wir ihn auch im Wiener Kunstbetrieb erleben. Dazu bald mehr auf diesem Blog.

Die Kunstfigur Hulda Zwingli kritisiert mit Schmäh schlechte Frauenquoten im Kunstbetrieb Zürichs. Mittlerweile wurde sie zur Lokalprominenz.
Zürcher Kunstprominenz: die anonyme Figur Hulda Zwingli

*Transparenzhinweis: Das Kunsthaus Zürich lud mich ein, an einem Podiumsgespräch im Rahmenprogramm der Ausstellung teilzunehmen, natürlich wurde dafür ein Honorar bezahlt.

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