Hanfseile, Burkas, nackte Beine

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Laut dem iranischen Gesetzbuch hätten die meisten Österreicher und Österreicherinnen bereits der Tod durch Steinigung erlitten. Dort steht nämlich, dass Alkoholkonsum mit 80 Peitschenhieben zu bestrafen ist. Wurde jemand bereits zweimal zu dieser Folter verurteilt und erneut beim Trinken ertappt, so folgt beim dritten Mal die Todesstrafe. Aber: Ermordet ein Mann seine Tochter oder Enkelin, so braucht er bloß „Blutgeld“ zu zahlen sowie eine Strafe, die der Richter nach Gutdünken festsetzt. 

Soli Kiani
Soli Kiani, „Erziehung / Tarbiat“, 2020 (Detail), Foto: Philipp Schuster

Soli Kiani und die „Erziehung“

Soli Kiani hat Teile aus diesem Buch des Grauens ausgedruckt, als Teil ihrer Installation „Erziehung / Tarbiat“. Diese ist gerade in einer kleinen Ausstellung der Künstlerin bei Sotheby’s Wien in der Herrengasse 5 zu sehen. In einer Ecke des Raumes hängen Seile aus Hanf von der Decke. Sie ergeben ein Gewirr, das durchaus zum Betreten gedacht ist. Bei der Eröffnung erzählte die unglaublich sympathische Künstlerin, die die 1981 in Shiraz geboren wurde: „Solche Hanfseile werden im Iran verwendet bei öffentlichen Hinrichtungen.“ Damit werde „ein Klima der Angst geschürt.“ Als Kind habe sie einmal auch gesehen, wie nach einer Hinrichtung eine Leiche an einem Kran hing. „Das macht etwas mit der Psyche eines Menschen.“ Mir wurde bereits übel, als ich nur die Auszüge aus dem Strafgesetzbuch las. Im Iran werden ganze Generationen traumatisiert. Bei einer Eröffnung warf eine Frau Soli Kiani übrigens vor, dass sie ihr Herkunftsland „schlecht mache“. Was denkt sich so jemand eigentlich?

Soli Kiani
Soli Kiani, „Erziehung / Tarbiat“, 2020, Foto: Philipp Schuster

Halb so viel wert

Angesichts der Arbeiten von Soli, die seit 2000 in Österreich lebt, erscheinen hier zu Lande geführte feministische Debatten wie Luxusprobleme (was nicht bedeutet, dass man sie deswegen ignorieren soll). Im Iran ist es von Gesetzes wegen neben so viel anderen frauenfeindlichen Regelungen festgeschrieben, dass eine Frau nur halb so viel wert ist wie ein Mann. Falls jemand „Blutgeld“ zahlen muss wegen einer Gewalttat, so kostet das nur halb so viel, wenn eine Frau das Opfer ist. In ihrer Fotoserie „2=1“ spiegelt Soli diesen Umstand – zwei weibliche Figuren stehen einer männlichen gegenüber.

Soli Kiani
Soli Kiani, aus der Serie „2=1“, 2018, Foto: Philipp Schuster

Es sind Schwarzweiß-Arbeiten, in denen Körperteile zu sehen sind, umgeben von Stoffteilen. Dabei enthüllt sich ein weiblicher Unterleib – nackt und schutzlos. Das Textil hat seine Funktion, den weiblichen Körper zu verhüllen, verloren. Die Darstellung ist scharf, fast grafisch gezeichnet; das schwarze und das weiße Tuch bilden einen Kontrast. Diese schwarze Fläche erinnert auch an die schwarzen Balken erinnert fühlen, die in einem früheren Medienzeitalter Menschen anonymisieren sollten. So anonymisiert der Tschador, die Burka, der Niqab auch die Trägerin. Das Besondere an diesen Arbeiten ist, dass auch ein männlicher Körper existiert. Wie wäre es, wenn dieser seinen Körper ebenfalls verstecken müsste, vor den begierigen Blicken von Frauen? 

Soli Kiani
Soli Kiani, „Crease“, 2018, Foto: Philipp Schuster

Eine weitere Arbeit hängt in einem hübsch umrahmten Feld – eine völlig schwarze Draperie aus Stoff, Acryl und Leim. Fast ornamental breitet sie sich als Relief an der Wand aus. Ähnliche Arbeiten macht Soli Kiani schon seit einiger Zeit; zuletzt sah man diese auch im Strabag Kunstforum. Sie entstehen durch „gesteuerten Zufall“ (Soli Kiani), also eine mittlerweile traditionelle künstlerische Strategie. Sie wirft dazu Textilien auf den Boden und fixiert diese mit Leim. Anfänglich verwendete Soli Burkas für ihre Textilarbeiten. In der hier gezeigten Arbeit, „Crease“, entwickelt die Draperie an der Wand ein Eigenleben: Sie verbirgt nichts mehr, sie existiert für sich selbst, als Objekt, nicht als Hülle. Mit der Frau, die sie beschützen und/oder einsperren soll, hat sie nichts mehr zu tun.

Kommentar zur Stunde

Vielleicht hat die Künstlerin damit den künstlerischen Kommentar zur Stunde geschaffen. In all den überhitzten Debatten um den Schleier geht es schon kaum mehr um die wichtigste Protagonistin: die Frau, die dahintersteckt, und zwar in ihrer Individualität. In den häufig fürchterlich übertriebenen Streitereien zum Kopftuch ist sie ebenso abwesend wie in Soli Kianis Draperie.  

Hier geht es zu Solis Website:

www.solikiani.com

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