Wer Caroline Criado-Perez großartiges Buch „Unsichtbare Frauen“ gelesen hat, geht mit einem anderen Blick durch die Welt. Die britische Autorin beschreibt darin, wie Frauen in ganz alltäglichen Situationen permanent benachteiligt werden – Medizin, Stadtplanung, Innenraumtemperaturen, selbst Autogurte sind auf Männer ausgerichtet. Was ich bisher weniger am Schirm hatte war, wie sexistisch Fotografie ist. Also das Sprechen darüber, die Lehre, die Vermittlung, das Marketing. Bis ich eine neuere Arbeit der Fotokünstlerin Caroline Heider kennenlernte.

„Shirley Cards“
Schon im Frühjahr brachten die drei Fotografinnen Caroline Heider, Lisa Rastl und Claudia Rohrauer gemeinsam mit der Fototheoretikerin Ruth Horak (ich glaube, sie weiß alles über Fotografie) ein Buch mit dem Titel „FototechnikA“ heraus, anlässlich einer Ausstellung im Salzburger Fotohof. Darin zeigen sie auf, welche patriarchalen und sexistischen Mechanismen in der Fotobranche herrschen. Die Beiträge decken eine große Bandbreite ab: Fototheoretikerin Katharina Steidl schrieb über „Femvertising“ als Marketingstrategie – wenn Unternehmen potenzielle Kundinnen ansprechen wollen, betonen sie besonders die Einfachheit in der Handhabung von Kameras betont wird; ebenso geht es in ihrem Essay um „Shirley Cards“, sogenannte Kalibrierungskarten für Fotograf*innen, auf denen selbstverständlich stets weiße hübsche Frauen zu sehen waren; Kunsthistorikerin Ulrike Matzer erzählt über frühe, unkonventionelle, aber vergessene Fotografinnen, und Ruth Horak selbst schrieb über Ausbildungsstätten für Frauen, führte aus, wie „weiblich“ gegendertes Kameradesign aussieht und vieles mehr. Wer an Fotografie und/oder Feminismus interessiert ist, kann hier in einer wahren Fundgrube an Erkenntnissen graben. Auch die künstlerischen Beiträge sind spannend: Lisa Rastl, die lange im Wiener Mumok als Fotografin gearbeitet hat, überschrieb ein Gemälde Josef Albers‘ in ihrer eigenen künstlerischen Sprache; Claudia Rohrauer reflektierte die Kamera als Fetischobjekt. Dazu inszenierten sich die vier Herausgeberinnen selbst als Gruppe.

Akt mit Apfel – wie hintersinnig!
Am nachhaltigsten – im Positiven wie im Negativen – beeindruckte mich Caroline Heiders Arbeit – eine Performance-Lecture und Fotoserie – „Reading Photoguides“. Die Künstlerin nahm sich dafür Fotohandbücher vor. Obwohl diese noch nicht so alt sind, wähnt man sich angesichts der dort verwendeten Bildsprache in den 1950-Jahren. Die Fotos dienen augenscheinlich „nur“ dazu, entsprechende Technik zu erläutern – doch sie zeigen hauptsächlich sexualisiert dargestellte Frauen mit wenig Textil am Körper. Eine posiert im erotischen Fitnessdress. Eine greift sich, bekleidet nur mit Nagellack und Armreif, selbst auf den Hintern. Ein liegender Akt trägt zwar keinen Kopf, dafür aber einen Apfel (wie hintersinnig, diese Metaphorik!). Akte sind logischerweise ausschließlich weiblich. Sonst ist für Frauen noch die beliebte Mutter-und-Hausfrau-Rolle vorgesehen.

Wer gedacht hätte, es könne nicht schlimmer kommen, liegt aber falsch. Wenn es um Berufstätigkeit und das Wirken in der Welt da draußen geht, dann sind Frauen plötzlich verschwunden. Caroline Heider präsentiert hier die Kapitel „Das repräsentative Porträt“ und „Der Mensch in seiner Tätigkeit“ in dem Buch „Photokollegium 3 – Kamera, Beleuchtung, Aufnahmetechnik“ von Jost J. Marchesi. Darin gibt es natürlich nur – erraten: Männer. Die Abgebildeten stehen, wie Caroline Heider in „FototechnikA“ schreibt, „für die Tätigkeit der Menschheit, während die Frau […] als namenloses Modell wieder verschwindet.“

Beleidigung für jeden denkenden Menschen
Wer jetzt gedacht hätte, es können nicht schlimmer kommen, liegt wieder falsch. Denn zu all diesen Stereotypisierungen, die jeden denkenden Menschen beleidigen, kommen dazu noch formale und stilistische Entscheidungen. Diese liegen nicht auf den ersten Blick auf der Hand, aber geübte Betrachter*innen können sie entschlüsseln. Caroline Heider: „Beispielsweise wird die Kamera auf die wenig bekleidete liegende Frau aufsichtig gerichtet, während der Mann stehend in offizieller Kleidung untersichtig als Herr(schender) inszeniert wird.“ Die Frau werde „nicht nur durch die Motivik […] in den privaten Raum verbannt, sondern auch durch die Art und Weise, wie sie technisch abgelichtet wird.“

Dechiffriert und entlarvt
Im Buch sind Fotos von Doppelseiten abgedruckt, mit denen Caroline Heider hantiert. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie diese Art der Bildsprache dechiffriert und durch ihren eigenen künstlerischen Zugriff entlarvt – was für eine wichtige und großartige Arbeit! Dennoch – und deswegen beeindruckt mich „Reading Photoguides“ eben auch negativ – ist es eben unglaublich, dass solche Bücher offensichtlich nach wie vor zum Einsatz kommen. Junge Leute, die Fotografie lernen, bekommen derlei vorgesetzt. Sie lernen subtil: Die Frau präsentiert sich nackt dem Mann, der die Welt erobern darf. Diese Fotolehrbücher bedienen die ältesten, abgeschmacktesten, triefendsten Sexismen. Und prägen damit den Blick auch von jungen Frauen.

Eines Tages schickte mir eine Gruppe von Fotografiestudierenden – junge Männer und Frauen – ein Portfolio. Sie hatten mitbekommen, dass ich in meiner Funktion als Chefredakteurin des Kulturmagazins „morgen“ ein Heft über Feminismus machen würde. In ihrem Mail schickten sie Fotos von Frauenakten, die mit irgendwelchen kugelförmigen Früchten vor ihrem Körper hantierten. Diese Fotos hätten nämlich, schrieben sie mir, mit dem „Thema Frau“ zu tun.
Nach Caroline Heiders „Reading Photoguides“ wundere ich mich darüber nicht mehr. Sexismen lauern manchmal genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

FOTOTECHNIKA
Herausgeberinnen: Caroline Heider Ruth Horak, Lisa Rastl, Claudia Rohrauer
112 Seiten, Softcover, 22 x 30,5 cm, 165 Farb- und SW-Abbildungen, Sprache: Deutsch
Fotohof edition, Bd./vol. 355, 2023. ISBN: 978-3-903334-55-7
Preis: € 25.-
Künstlerische Beiträge von Caroline Heider, Lisa Rastl und Claudia Rohrauer + Texte von Ruth Horak, Ulrike Matzer und Katharina Steidl, sowie Caroline Heider, Claudia Rohrauer und Franz Thalmair
Gestaltung und Produktion: Leopold Šikoronja
Buch FOTOTECHNIKA (zzgl. Versand): 25 €
Bestellung + Angabe der Lieferadresse per Mail an: book@fotografie-als-motiv.com
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