Wenn artemisia.blog im Ausland urlaubt, sucht seine Betreiberin in den Galerien, Museen und Ausstellungshäusern stets beharrlich nach Künstlerinnen – solchen, die sie noch nicht kennt, solchen, die vielleicht sogar feministische Themen beleuchten. Zum Beispiel 2024 in Polen, wo gerade Małgorzata Markiewicz in Krakau ausstellte – die heuer in der fantastischen Ausstellung „Care Matters“ der Sammlung Verbund, kuratiert von deren Chefin Gabriele Schor in der Albertina, vertreten war (und für deren Katalog ich erfreulicherweise über Arbeiten von Małgorzata schreiben durfte).
Van Gogh, Rembrandt, Picasso – und ein bisschen Kusama
Als ich im August 2026 durch Japan reiste, waren Künstlerinnen nicht ganz so einfach aufzustöbern, aus mehreren Gründen: Erstens, viele große Museen zeigen lieber westliche (männliche) Positionen als asiatische: Picasso, Rembrandt, Van Gogh, Ron Mueck, sogar die Young British Artists – all das zeigten die großen Museen in Tokyo und Kyoto, als ich dort war. Japanische Künstler:innen eher weniger – natürlich Yayoi Kusama, deren Museum wir ausgerechnet in den letzten Tagen ihres Lebens besuchten. Aber sonst? Auch auf der Kunstinsel Naoshima, die wir bepilgerten, ist neben Kusamas Kürbissen, Hiroshi Sugimoto und Lee Ufan vorrangig Kunst männlicher europäischer und amerikanischer Künstler zu sehen. Erst im Vorjahr eröffnete ein Museum für asiatische Kunst. Die Installation einer thailändische Künstlerin, Pannaphan Yodmanee, begeisterte mich – doch keine einzige japanische Kollegin war aufzufinden.
Nachholbedarf also! Dennoch entdeckte ich in den Museen einige japanische Künstlerinnen, die nicht Yayoi Kusama oder Yoko Ono heißen. Hier sind sie:
Ryujo Yamazaki (aktiv 1716-36)
Sie ist eine absolute Ausnahme als Vertreterin des Ukiyo-e: Das sind die berühmten Holzschnitte und Malereien, in denen Landschaften, Geishas, Abendgesellschaften, Tiere und Ähnliches zu sehen sind und die „das Lebensgefühl und die Weltsicht des aufkommenden Bürgertums und der breiten Bevölkerungsmehrheit in den großen Städten Japans“ (Wikipedia) spiegeln. Fragt mal Google nach Ukiyo-e-Künstlerinnen, es findet nur Katsushika Ōi, Hokusais Tochter, von der jedoch wenige Werke überliefert sind. Yamazaki Ryujo ist im weitläufigen Nationalmuseum in Tokyo vertreten, mit einer Malerei von zwei „Schönheiten“ (so der allgemeine Begriff für die Frauen in diesen Werken) und einem Esel. Im Hintergrund grüßt der Fuji – eine dieser wunderschönen Arbeiten, vor denen Tourist:innen wie ich dahinschmelzen.

Aiko Miyawaki (1929 bis 2014)
Wurde berühmt für ihre Skulpturen im öffentlichen Raum, die sie „Utsurohi“ nannte – Drähte, die sich flott zwischen Säulen oder Podesten schwingen – und von denen sie viele auch in Europa umsetzte, vielleicht kennt ihr manche. Im Tokyoter Museum für moderne Kunst (MOMAT) stieß ich auf ihre Gemälde, in die sich auch Marmorstaub einarbeitete: Weiß in Weiß, mit rasterartig angeordneten kreisrunden Reliefs, feinst strukturiert, oszillieren sie zwischen der Exaktheit des Rasters und der Unregelmäßigkeit des Farbauftrags – leise Arbeiten, die ihre Spannung langsam entfalten.

Yoko Sawai (geboren 1949)
Gestaltete in den 1970er-Jahren schöne, schwebende Grafiken aus ganz feinen Linien, die sie dicht an dicht durch Pauspapier auf Papier brachte – sehr minimalistisch, sehr dicht, sehr organisch. Jede der Zeichnungen, von denen das MOMAT einige besitzt, hat eine eigene Dynamik. Sawai Yoko sollte in jeder Ausstellung über Zeichnung, Papier, Minimalismus und Abstraktion vertreten sein. Mit meinem von westlicher Kunstgeschichte geprägten Blick fiel mir sofort Agnes Martin ein; im Gegensatz zu ihr arbeitet Yoko Sawai mit Unregelmäßigkeiten.

Mio Shirai (geboren 1962)
Ebenfalls im – sehr empfehlenswerten! – MOMAT hängt ihr großformatiges Werk: ein abstraktes Bild, das nur aus (künstlichen) Haaren besteht: schwarzen und weißen. Damit reagierte die Künstlerin augenzwinkernd auf den amerikanischen, männlich dominierten Abstrakten Expressionismus, insbesondere auf die großformatigen Barnett Newmans: Der Titel „Waterfall (Why are you Afraid of Black and White?)“ spielt auf dessen „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue“ an. Gleichzeitig vermisst sie das Feld zwischen Jugend und Alter. Eine sehr poetische, sehr witzige Arbeit.

Aiko Tezuka (geboren 1976)
In einem der vielen Wolkenkratzer in Tokyo – dem Toda Building, das sogar ein eigenes Public-Art-Programm hat – befasste sich Aiko Tezuka mit der langjährigen Geschichte des Bauunternehmens Toda sowie mit Tokyo und dessen „constant cycle of destruction and construction through which the city comes into being“ (Kuratorin Tomoko Yabumae). In collageartigen Tapisserien vereint sie traditionelle japanische Kunst, Emojis, Pläne, Kritzeleien auf Deutsch (sie lebt in Berlin), Schriftzeichen, Stadt- und Landkarten sowie manikürte Nägel. Eine bildstarke, kraftvolle Installation. Darüber hinaus befasst sie sich mit japanischer Kulturgeschichte und schuf eine Arbeit mit dem sehr schönen Titel „Mutterkuchen“.

Miyako Ishiuchi (geboren 1947)
Ihre Serie „Mother’s“ war schon 2005 im japanischen Pavillon auf der Biennale Venedig zu sehen. Für diese Arbeit fotografierte Miyako Ishiuchi Gegenstände ihrer verstorbenen Mutter. „Naturally, what becomes visible there is not onyl this person’s nature as a mother but also an independent woman with a past – a life experience, a mind and heart that far exceeds her daughter’s imagination. tI is a process of reconstituting a mother into a woman“, schreibt Michiko Kasahara in ihrem Katalogtext zur Biennale. Nun sah ich sie in der wahrscheinlich besten Ausstellung, die ich auf meiner Reise sah: „I’m so Happy You Are Here: Japanese Women Photographers from the 1950s to Now“ des Bunkamura Museums in Tokyo, kuratiert von Mariko Takeuchi mit Lesley A. Martin und Pauline Vermare; wer die Ausstellung, die auch in Arles war, verpasst hat, der*m bleibt noch der hervorragende Katalog.

Miwa Yanagi (geboren 1967)
Miwa Yanagi gehört zur Speerspitze der feministischen japanischen Kunst und war ebenfalls in der Ausstellung „I’m so Happy You Are Here“ vertreten. Dort stach ihr großformatiges Diptychon sofort ins Auge: Im ersten Foto (es ist, logischerweise, jenes auf der rechten Seite, gemäß der japanischen Leserichtung) reihen sich uniformierte Frauen in roten kurzen Kostümchen in Vitrinen aneinander. Im zweiten liegen sie, niedergeschlagen oder niedergefallen, auf einer Rolltreppe, während dort, wo sie vorher standen, Blumen wachsen. Das spielt auf die Gleichsetzung zwischen Frauen und Blumen in der japanischen Tradition an, über die übrigens auch Mineko Iwasaki in ihrem autobiografischen Buch „Die wahre Geschichte der Geisha“ – jedoch affirmativ – schreibt, als sie über die Geisha-Gemeinschaft Karyukai berichtet, zu deutsch „Welt der Blumen und Weiden“: „Jede Geisha ist wie eine Blume, schön auf ihre eigene Art, und wie ein Weidenaum, anmutig, biegsam und stark.“ Bei Yanagi Miwa ist es aus mit dem Anmutig-Sein. Ihre wilden „Windswept Women“, riesige Fotoarbeiten, zeigte sie übrigens schon 2009 bei der Biennale Venedig im japanischen Pavillon.

Tomoka Sawada (geboren 1977)
In ihrer Serie OMIAI (2005) nimmt Tomoko Sawada eine japanische Tradition auf, bei der Personen miteinander verheiratet werden. Teil dieses Prozesses ist der Austausch von Fotos der Betreffenden zwischen den Familien. Die Künstlerin posiert in der Rolle der Braut in spe, manchmal im Kimono, manchmal in Kostümchen, adrett, lieb, lächelnd, die Hände sittsam übereinandergelegt. So unterschiedlich Frauen sind, so sehr müssen sie ins Raster passen, so könnte man diese Arbeit interpretieren. Zudem spielt sie, ein bisschen Cindy-Sherman-artig, verschiedene Rollenmodelle durch. Auch diese Werke sind in der Ausstellung über japanische Fotografinnen; dass die Sammlung Verbund ebenfalls eine Arbeit besitzt, fiel mir erst später auf.

(c) Tomoko Sawada / Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien
Übrigens: Japan hat einen enormen Gender-Pay-Gap, in der angemessenen kulturellen Repräsentation sind Frauen noch immer weit hinten sowie in Politik und Wirtschaft noch schlechter vertreten als in den meisten europäischen Ländern – daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Japan mit Sanae Takaichi eine Premierministerin hat. Ebenso ist der Umgang mit Opfern von sexualisierter Gewalt haarsträubend, wie die Journalistin Shiori Itō in ihrem Buch „Black Box“ ausführte. Doch schon 1993 bespielte eine Frau den japanischen Pavillon in Venedig im Alleingang: Yayoi Kusama. Während Österreich bis 2019 – 26 Jahre länger! – auf das erste Künstlerinnensolo ebendort warten musste.
Danke für diese großartige Ein- und Übersicht. Waterfall hat es mir besonders angetan
Mir auch! Ich sah das Bild erst aus der Ferne und erkannte erst, als ich mich näherte, dass es ja aus Haaren besteht.