VALIE EXPORT: Feministin, Pionierin, Ikone

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Es muss Mitte der 1990er-Jahre gewesen sein, als ich mich erstmals eingehend mit einem Werk von VALIE EXPORT befasste. Damals, als Kunstgeschichte-Studentin an der Uni Wien, besuchte ich eine Lehrveranstaltung bei Silvia Eiblmayr – sie lief unter dem Begriff „Frauenkunstgeschichte“, eine Reihe, die das damals ziemlich verstaubte Institut schon im Semester darauf einsparen sollte. 

„Gebete der Angst und Schuld“

In meiner Semesterarbeit ging es um Performancekünstlerinnen, die sich selbst verletzen. Eines der Beispiele war VALIE EXPORTs Film „Remote….Remote…“. Das irritierende, beständige Klopfen im Hintergrund, die beiden Kinder in ihren Stahlrohrbettchen – Opfer von Misshandlungen –, die Schnitte, die VALIE EXPORT ihren Fingern mit einem Stanleymesser zufügte: All das blieb haften. „Menschliches Verhalten wird (im Unterschied zu Maschinen) durch Ereignisse in der Vergangenheit beeinflußt, wie weit diese auch zurückliegen mögen. Genau deshalb existiert neben der objektiven Zeit eine psychische Para-Zeit, in der die Gebete der Angst und der Schuld, die Unfähigkeit zu Siegen, all die Deformationen, welche die Haut aufplatzen lassen, und die Entstehung des manifesten Egos konstante Auswirkungen tätigen“, schrieb sie selbst dazu. Die Überschreitung der eigenen Grenzen, der Wille, die Empfindungen des Publikums herauszufordern, die angedeutete Symbolik: Das steckte bereits in dieser Arbeit aus dem Jahr 1973 und sollte sich durch VALIE EXPORTs Werk ziehen.

VALIE EXPORT, "Remote....Remote...." 1973, courtesy sixpackfilm
VALIE EXPORT, „Remote….Remote….“ 1973, courtesy sixpackfilm

Komplex, multimedial, kompromisslos

Es ist schwer, auf ein Oeuvre zu schauen, das so komplex, multimedial, kompromisslos ist. Die Radikalität, in der Waltraud Lehner, wie sie bis 1967 hieß, ihren ganzen Körper, ihre gesamte Identität der Kunst verschrieb – von ihrer Umbenennung bis zur Strumpfband-Tätowierung – ist bis heute selten. Sie selbst wollte sich nie definieren lassen. „Es war für mich immer wichtig in meiner künstlerischen Arbeit, dass ich mich nicht auf eine, ‚meine‘ Identität festlegen wollte, konnte. Vor allem nicht auf eine soziale, gesellschaftliche Identität, eine Identität, die mir die Gesellschaft vorschreibt, zugesteht“, schrieb sie in einem Text mit dem Titel „Identität“ 2007, der in dem unbedingt empfehlenswerten Band „VALIE EXPORT. In eigenen Worten“ abgedruckt ist. Aber, so schreibt sie weiter, „die Auseinandersetzung mit ‚Identität, ‚sich selbst Bewusstsein‘, ‚Bewusstsein über die Strukturen politischer, sozialer, kultureller Art‘, in denen ich lebe, waren/sind wichtig für meine Arbeit.“

Körperkonfigurationen, 1982, Fotosammlung des Bundes am Museum der Moderne Salzburg © Bildrecht Wien 2025
Körperkonfigurationen, 1982, Fotosammlung des Bundes am Museum der Moderne Salzburg © Bildrecht Wien 2025

Diese Strukturen legte sie ihr Leben lang bloß. VALIE EXPORT war in so vielerlei Hinsicht pionierinnenhaft. In ihrer feministischen Haltung, mit ihrer legendären „Aktionshose Genitalpanik“ und ihrem „Tapp- und Tastkino“, in ihrer Auseinandersetzung mit Sprache und Zeichen mit Arbeiten wie „Sehtext / Fingergedicht“, in ihrer frühen Reflexion neuer Medien mit ihrem Begriff des „Expanded Cinema“ und „Abstract Film No. 1“. Aber auch mit Skulpturen und Installationen wie jener Computerarbeit, die 2025 in der großartigen Ausstellung „Radical Software“ der Kunsthalle Wien zu sehen war. Und die Frage danach, wie Frauen im öffentlichen Raum Platz finden, stellte sie früh mit ihren seit 1972 entstandenen „Körperkonfigurationen“.

Schlaglichter voraus

Viele ihrer Arbeiten wirken heute visionär, scheinen ihre Schlaglichter vorauszuwerfen, auf eine digitale, von Social Media geprägte Gegenwart. „Mit ihrer Schönheit machen Sie Reklame für ein Produkt“, erklärt ein mit Logos bepickter Bodybuilder in dem schrägen Film „Ein perfektes Paar oder die Unzucht wechselt ihre Haut“ einer Frau, die neben explizit sexuellen Dienstleistungen auch Handschütteln verkauft. „Ihre Wangen könnten Werbung für Mercedes sein.“ Heute promoten Influencer:innen mit Körpereinsatz Kosmetikprodukte.

In ihrem Film „Facing a Family“ ließ VALIE EXPORT 1971 eine vierköpfige Familie beim abendlichen Fernsehen agieren, wie ein Spiegel des Publikums. Der ORF zeigte die Arbeit, heute unvorstellbar, im Vorabendprogramm. Die Faszination für das Banale, im Influencerjargon „Nahbarkeit“ genannt, nahm sie damit ebenso vorweg. „Alles in allem kommt mir diese Erfahrung unheimlich vertraut vor – schließlich ist es auf YouTube und TikTok im 21. Jahrhundert üblich, sich ausdrücklich einzuloggen, um Menschen beim Beobachten von Dingen zu beobachten“, schreibt die Autorin Sophie Lewis im 2025 erschienenen, ebenso empfehlenswerten Buch „How to Do Things with VALIE EXPORT“

In diesem Buch offenbart sich auch die Bedeutung VALIE EXPORTs für nachfolgende Generationen. Künstlerinnen wie Caroline Heider und Filmemacherinnen wie die Golden Pixel Cooperative kommen darin zu Wort. Als ich 2024 die Ausstellung „Auf den Schultern von Riesinnen“ im Wiener Künstler:innenhaus kuratierte, stellte meine Kollegin Anna Mustapic für den Katalog allen 15 Künstlerinnen die Frage, welche Kolleginnen sie geprägt haben. Am häufigsten fiel dabei der Name VALIE EXPORT; eine der Künstlerinnen, Karin Fisslthaler, schuf mit ihrem Kurzfilm „Women (VALIE)“ ein Tribute an sie. Von Marina Abramović bis zur Sängerin Rosalía, die sich wie sie ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren ließ: Die Anzahl derer, die sie beeinflusste, ist unermesslich.

Adjungierte Dislokationen, Foto: Hermann Hendrich
VALIE EXPORT, Adjungierte Dislokationen, 1967, Foto: Hermann Hendrich

Unangenehme Vereinnahmung

Doch sie wurde auch auf unangenehme Weise vereinnahmt. So kündigte Klaus Albrecht Schröder an, im Wiener Aktionismus Museum eine Ausstellung über die „feministische Transformation des Wiener Aktionismus“ mit Werken von VALIE EXPORT, Renate Bertlmann und Birgit Jürgenssen zu zeigen. Sie erfuhr daraus erst durch die Presse. Eine Performancekünstlerin, die sich für besonders originell hielt, übermalte ihre „Aktionshose Genitalpanik“ mit den Worten „Me Too“ und ersuchte VALIE EXPORT, es doch als „collaboration“ zu sehen. Als könne sich jede*r ihrer bemächtigen: dieser „Ikone des Feminismus“, wie sie nun zu Recht in den Nachrufen heißt. 

Auch die Kronen Zeitung trauerte um die „Kunst-Ikone“. Jenes Blatt, in dem Richard Nimmerrichter alias Staberl ihren Film „Unsichtbare Gegner“ (1977) als „wahrhaft letztrangiges Machwerk“ bezeichnete, für das das Unterrichtsministerium „gleich die Subventionsspritze in Tätigkeit setze, „auf dass endlich einmal in Großaufnahme fortschrittliche österreichische Scheiße gefilmt werden könne“. An anderer Stelle war von einem „Koglomerat an perversen Scheußlichkeiten“ die Rede, von „Pornodilettanten“ und „perversem Schund“.

Eine Beschwerde VALIE EXPORTs beim Presserat blieb erfolglos. Später verunglimpfte „Staberl“ die Künstlerin selbst, beklagte erneut Subventionen (die wohl ohnehin nicht allzu üppig flossen): „Dieses Geld stammte ja von jenen Österreichern, die sich mehrheitlich weder an einem gequälten Wellensittich begeilen noch ihren Film sehen“ wollten, noch EXPORT „an den wohl ohnehin nicht mehr übermäßig knackigen Busen tappen wollen“. All das schildert Margarete Lamb-Faffelberger in einem Essay der Publikation „Modern Austrian Literature“.

Was erlauben sich die!

Und während die Kronen Zeitung noch den Tod einer Künstlerin betrauert, die sie einst aufs Sexistischste beschimpfte, bedenkt sie die Starperformerin Florentina Holzinger mit ähnlichen Worten. „Jetzt wird’s unappetitlich“, schrieb sie schon im April, anlässlich ihrer „Fäkal-Performance“. Natürlich darf auch die Information nicht fehlen, wie viel der Biennale-Beitrag kostet.

OE24 ortete „Ekel-Alarm im Österreich-Pavillon!“, verursacht von „Skandal-Performerin Florentina Holzinger“. Headline: „Babler: 600.000 Euro für Urin-Performance“ [gemeint ist damit Kulturminister Andreas Babler, das nur für die Leser*innen in Deutschland und der Schweiz]. Und exxpress, das Onlinemagazin für Putinversteher:innen, titelte „Bablers Urin-Pool: 600.000 Euro Steuergeld für Nackt-Spektakel“. Natürlich sprang die FPÖ auf und brachte eine parlamentarische Anfrage an Andreas Babler ein, dessen Ressort offenbar mit monate-, wenn nicht jahrelangen Recherchen zu aberwitzigen Fragen beschäftigt werden soll wie dieser: „Welche Jurymitglieder, Beiräte oder externen Experten waren jeweils in die Entscheidung über Förderungen an Florentina Holzinger eingebunden?“ Man möchte nicht nur Florentina Holzinger an den Pranger stellen, sondern ihr ganzes Umfeld. Weibliche Selbstermächtigung ertragen die Herrschaften von FPÖ und Exxpress 2026 genauso wenig wie ein Herr Nimmerrichter im Jahr 1977. Solche Frauen müssen einfach fertig gemacht werden. Was erlauben sie sich! Ja, die Geschichte wiederholt sich eben, immer und immer wieder.

VALIE EXPORT
VALIE EXPORT in ihrer Retrospektive in der Albertina, 2023, Foto: eSeL.at – Lorenz Seidler

Florentina Holzinger, die erstmals seit langer Zeit flächendeckendes internationales Interesse für Österreichs Biennale-Pavillon weckte, wird das aushalten. Auch VALIE EXPORT hat die Hetze gegen sie überlebt – bis zum 14. Mai. Nur wenige Tage vor ihrem 86. Geburtstag verstarb sie, trotz ihres Alters überraschend. Ich werde mich immer an sie sie als offene, interessierte, oft auch sehr lustige Frau erinnern. Im Unterschied zu jenen, die gegen sie bösartig anschrieben und ankämpften, bleibt sie lebendig: in ihren Filmen, Skulpturen, Zeichnungen und Collagen, ihren Büchern, Fotografien und Texten. Ihrem Werk, das so vielschichtig und visionär ist wie wenige in der österreichischen Kunstgeschichte.

6 comments

  1. Liebe Nina,

    vielen Dank für diesen – auch – persönlichen Nachruf zu VALIE EXPORT. Wie immer voller Einsichten. Besonders spannend: deine Anmerkungen zur Vereinnahmung.

    Liebe Grüße
    Natalie

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