Unverwandt blickt die Person aus dem Bild. Blonder Kurzhaarschnitt, schlichtes T-Shirt, schwarzer Hintergrund: kein Hinweis auf das Geschlecht. Das Gemälde ist ein Selbstporträt der mir bisher unbekannten deutschen Malerin Kate Diehn-Bitt und eines der vielen großartigen Bilder in der Ausstellung „Glanz und Elend. Neue Sachlichkeit in Deutschland“, die gerade das Leopold Museum zeigt (Kurator: Hans-Peter Wipplinger). Es hängt in einem Raum, der die „Neue Frau“ beleuchtet. Vor rund 100 Jahren eroberten sich jungen Frauen in europäischen und US-amerikanischen Metropolen neue Territorien, entwickelten alternative Rollenmodelle, gewannen zunehmend an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, reüssierten auch künstlerisch.

In der Ausstellung propagiert dieses Image neben Kate Diehn-Bitts selbstbewusstes und genderfluides Selbstporträt auch ein fantastisches Gemälde einer Tennisspielerin von Lotte Laserstein, deren große Schau im Frankfurter Städel 2018 ich bedauerlicherweise verpasst habe; ebenso Zeitschriften mit Illustrationen der gigantischen Jeanne Mammen und der witzigen Dodo (Dörte Wolff).

Den größeren Teil dieses Raums allerdings, und das ist ein Wermutstropfen, bespielen Gemälde männlicher Künstler. Aber sei’s drum, ich verehre auch Christian Schad. Ein Werk, so sehr es mich packt, finde ich dagegen deplatziert: Rudolf Schlichters „Margot“ aus dem Jahr 1924. Es stellt eine Prostituierte mit einem angedeuteten Veilchen dar, sie wurde wohl von einem Zuhälter verdroschen, oder von einem Freier? Zur Vorstellung der emanzipierten und eigenständigen Neuen Frau passt das wie – entschuldigt das billige Wortspiel, es ist einfach zu aufgelegt – die Faust auf’s Aug. Denn ganz offensichtlich ist diese Margot unterdrückt und ausgebeutet, mehr noch: schwer misshandelt und ein Opfer des gewaltvollen Patriarchats. Prostitution ist das Gegenteil von Emanzipation; auch wenn man uns bisweilen erfolgreich einredet, dass sich hier Frauen selbstbestimmt Geld verdienen können. Doch der Topos lebt bis heute, etwa im als feministisch verkauften Film „Poor Things“; den klügsten Beitrag darüber las ich bisher von der Kolumnistin Beatrice Frasl in der Wienerzeitung, die meinte er gehe sogar so weit, „Armutsprostitution als Weg in die sexuelle Befreiung und Selbsterkundung zu romantisieren.“
Mythos Unabhängigkeit
Natürlich: Wer über die „Neue Frau“ spricht, muss auch über die Kehrseite sprechen. „Die ‚Neue Frau‘ wurde in der Illustriertenpresse sowie in Filmen der Weimarer Republik zwar verehrt und geliebt, doch war das reale Leben noch weit von der Wunschvorstellung einer vollständigen Gleichberechtigung entfernt“, schreibt die Autorin Aline Marion Steinwender im Ausstellungskatalog. „Eine wirklich existenzielle und ökonomische Unabhängigkeit blieb für die meisten Frauen ein Mythos, weil sich im Alltag weiterhin die Frauen um Haushalt und Kinder kümmerten und den glamourösen Lebensstil, der propagiert und regelrecht kommerzialisiert wurde, sich die wenigsten leisten konnten.“

In einem weiteren Raum zeigt die Ausstellung einander küssende und liebkosende gleichgeschlechtliche Paare; auch in dieser Hinsicht gab es Fortschritte. Leider behaupten die Saaltexte mehrmals fälschlich, dass Homosexualität in Deutschland damals gesetzlich verboten war – das trifft jedoch nur auf männliche, nicht auf weibliche zu. Bekanntlich hielt man den weiblichen Sexualitätstrieb für so irrelevant, dass man lesbische Erotik ohnehin nicht ernst nahm. In der Kunst, in der Literatur und im Theater gewannen jedenfalls Lebens- und Liebesmodelle jenseits der Mutter-Vater-Kind-Familie an Sichtbarkeit.

Die Kunst, die von einem Zugewinn an Liberalität zeugt, hat ihren Gegenpol jedoch interessanterweise gleich im ersten Raum. Dort hängen schockierende Bilder sexualisierter Gewalt, etwa von Rudolf Schlichter, Max Beckmann und George Grosz. Keine Werke von Künstlerinnen – war ihnen die drastische Darstellung dieser bestialischen Brutalität suspekt, wollten sie diese vielleicht nicht reproduzieren? Darüber kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Im Wiener „Falter“ bezeichnete meine Kollegin Nicole Scheyerer die Gemälde von zerstückelten, ermordeten, geköpften Frauen treffend als „Augenschmaus“.
Mörderische Misogynie
Die Bilder sind zwiespältig wie alle, die das Leiden anderer zeigen. In ihrem berühmten Essay schrieb Susan Sontag: „Most depictions of tormented, mutilated bodies do arouse a prurient interest. […] All images that display the violation of an attractive body are, to a certain degree, pornographic.“ Das Problem der künstlerischen Ausbeutung von Leiden ist wohl so alt wie die Kunst selbst. Jedenfalls spiegelt sich in diesen Bildern die mörderische Misogynie jener Zeit.

Die emanzipierte „Neue Frau“, die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Lebensentwürfen jenseits der Heteronormativität einerseits, der grenzenlose, blinde, unmenschliche, mörderische Hass auf Frauen und LGTBQI+-Personen andererseits: Kommt euch das bekannt vor? Das Patriarchat beantwortet Freiheits- und Territoriumsgewinne von Frauen und queeren Personen stets mit dem Übelsten, was die Menschheit hervorgebracht hat. Damals wie heute sehen wir diesen fürchterlichen Backlash. In seinen schlimmsten Ausprägungen schlägt er sich nieder in den furchtbaren Femiziden (damals nannte man sie „Lustmord“), vorangetrieben durch toxische Männerbilder, verbreitet durch widerliche Typen wie Andrew Tate, wie Incels, die sich im Internet zur Frauenhetze verabreden, durch Hate Speech und Drohungen, die Frauen sogar in den Tod treiben können (siehe etwa die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr).
Backlash vor der Haustür
Der Backlash lauert aber auch direkt vor meiner Haustüre: Dort hing im EU-Wahlkampf ein Plakat der grünen Spitzenkandidatin Lena Schilling. Es wurde – seit diese hanebüchene Geschichte über sie im „Standard“ durch die Decke ging – zunächst heruntergerissen, dann beschmiert. Es war völlig sinnlos, es immer wieder zu ersetzen, denn schon am Morgen später war es garantiert wieder mit neuen Beschimpfungen garniert, und immer waren diese sexualisiert: „Fick dich“, „dumme Fut“, „Schlampe“. Je bedeutender Frauen werden, desto mehr Hass ziehen sie auf sich; dasselbe gilt für Transpersonen: „Sichtbarkeit bedeutet nicht Sicherheit, manchmal sogar das Gegenteil“, sagt die Transaktivistin Steffi Stanković kürzlich in dem Podcast „Ganz offen gesagt“. Es schaudert einer, wenn sie darüber berichtet, wie sie auf der Straße im ganz normalen Alltag bedroht wird.
Aus für die „Neue Frau“
Wir wissen, wie es vor hundert Jahren mit der „Neuen Frau“ weiterging: Der Nationalsozialismus (in Österreich auch schon der Austrofaschismus) machte alle Bestrebungen zunichte. Kate Diehn-Bitt, die auf ihrem Selbstporträt so lässig den Pinsel schwingt, wurde bald als „entartet“ gebrandmarkt. Sie durfte nicht mehr ausstellen.
Hoffentlich geht es uns nicht eines Tages so wie unseren Vorkämpferinnen vor hundert Jahren. Die Gewinne von rechtsextremen Parteien in ganz Europa lassen Übles befürchten. Daher müssen wir zusammenstehen – Männer, Frauen, Heteros, Queere, Cis- und Transpersonen – anstatt einander zu bekämpfen. Denn der Backlash trifft alle.
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