Mit Feminismus hatte die Künstlerin Evelyn Egerer seinerzeit nicht viel am Hut. „Die Feministinnen waren für uns die Latzhosenträgerinnen. Wir wollten als Frauen auftreten.“ Das sagt sie in einem Video über die DAMEN, die sie gemeinsam mit Ona B., Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl 1987 gründete. Und trotzdem produzierte die Künstlerinnengruppe, die später Lawrence Weiner als Ehrenmitglied aufnahm, im Nachhinein feministische Kunst. Das zeigt sich in der Ausstellung „Wie wir arbeiten wollen – Kollektives Handeln und künstlerische Komplizinnenschaft“ über Künstlerinnenkollektive im weissen haus. Eins der Highlights ihres hier präsentierten Austria-Tabak-Kalenders ist jenes Blatt, auf dem sie als liederliches Quartett, umgeben von Spirituosenflaschen, in einem finsteren Loch herumlümmeln und die lässigen Machos geben.

Mikropolitische Ebene
Die Kuratorinnen, Synne Genzmer und Georgia Holz, erkundeten in ihrem Projekt das emanzipatorische Potenzial der Künstlerinnenkollektive: Die Künstlerinnen, so schreiben sie, „erproben auf mikropolitischer Ebene mögliche Modelle gleichberechtigten Handelns, die die Sphäre des Persönlichen und des Professionellen berühren.“ Sie kombinieren dafür Kunstwerke, die das gemeinsame künstlerische Schaffen im Kontext eines feministischen Anspruchs reflektieren, mit Videogesprächen und Interviews, die als Ausdrucke an der Wand hängen.
Dezidiert feministischen Anspruch stellte im Gegensatz zu den DAMEN das Künstlerinnenkollektiv a room of one’s own, das sich Anfang des Jahrtausends gründete. Auf Textilien, die als Schürze ebenso wie als Demo-Plakat funktionieren, druckten die Mitglieder Schriftzüge wie „Feministische Forderungen sind tragbar“. Natürlich dürfen hier auch die Guerrilla Girls nicht fehlen. Ihr jüngstes Plakat weist auf den noch immer unerträglich niedrigen Anteil an Regisseurinnen in Hollywood-Produktionen hin.

Komplizinnenschaft
Oft kommt in den Interviews eine naheliegende, aber deshalb nicht weniger schlagende Botschaft durch: Im kollaborativen Arbeiten kommen unterschiedliche Talente – und man hat mehr Power. „Man tritt gemeinsam auf und hat Rückendeckung“, sagt Evelyne Egerer. „Für mich ist Komplizinnenschaft etwas Großartiges, etwas Kraftspendendes und etwas Lustvolles“, sagt Erika Thümmel, Mitglied der Gruppe Eva & Co, die einst eine feministische Kulturzeitschrift herausbrachte. „Und ich denke, kooperative Modelle sind individuell und gesellschaftlich äußerst wichtig, in allen Bereichen, nicht nur in der Kunst.“

Einige Arbeiten thematisieren auch recht direkt das kollaborative künstlerische Handeln. Etwas spooky kommen da die Videos von Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová daher: Die beiden sitzen vor einem Kuchen, der plastisch geformt ist wie das Gesicht der jeweils anderen. Und essen ihn auf. Irgendwas Rotes ist drin, man muss an Hirn denken. Hat es etwas Kannibalisches, verleibt man sich die andere ein, wenn man so intensiv zusammenarbeitet? Wobei das Ganze natürlich mit einem gewissen Schmäh daherkommt. Zum gemeinsamen Kunstmachen sagen die beiden, die schon seit 19 Jahren kollaborieren: „It is not just about producing common visible/tangible results, but mainly about communication, about having a flexible imagination, being able to galvanize thoughts and feel each other’s mutual aspirations.“
Migration der Formen
Schön zeigt sich, auf welche Arten Künstlerinnen zusammenarbeiten. Nicht alle Werke haben dezidiert feministischen Anspruch. Die Installation von Nicoleta Auersperg, Mara Novak und Dorothea Trappel etwa besteht aus Gegenständen wie einer Discokugel, Spiralen und Platten. Integriert sind Objekte, die sie jeweils individuell hergestellt haben und dann von einer anderen weiterverwendet wurden. „So kommt es zur Migration von Formen und Materialien, denen auf diese Weise selbst kollektive Eigenschaften eingeschriben werden“, heißt es im Begleitheft. Die individuelle Handschrift wird verwischt, dennoch bleiben die Künstlerinnen-Individuen sichtbar: „Autorinnenschaft wird nicht nur geteilt, sondern losgelassen, indem die eigene Arbeit weitergegeben und zur Integration in eine andere Arbeit freigegeben wird.“

Künstlerinnenkollektive und der Feminismus
Die Ausstellung hätte noch stärker differenzieren können zwischen Kollektiven, die für ein dezidiert feministisches Anliegen auf aktivistische Weise kollaborieren und jenen, die aus anderen Gründen zusammenarbeiten. Da unterscheiden sich Künstlerinnenkollektive wie room of one’s own von einem Duo wie Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová. Vielleicht sieht man eine Ausstellung über Künstlerinnenkollektive ja irgendwann in einem größeren Rahmen. Das Thema gibt jedenfalls genug her.