Geboren in Wien, berühmt in England

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Es gibt eine Grundregel, die Jahr für Jahr bestätigt wird: Es ist immer zu wenig Zeit, um sich auf der Viennacontemporary ALLES und IN RUHE anzusehen. Denn immer trifft man irgendwen, mit dem man dies und jenes besprechen muss. Dennoch stellte ich bei der vorigen Ausgabe, die ja auch schon ein paar Wochen her ist, fest: So viele neue alte Künstlerinnen wie heuer entdeckte ich noch nie. Besonders faszinierte mich der Gemeinschaftsstand von Exile, Wien und Karsten Schubert, London. Denn von der hier präsentierten Künstlerin hatte ich noch nie gehört. Dabei wurde sie in Wien geboren! Tess Jaray, Jahrgang 1937, flüchtete 1938 mit ihren jüdischen Eltern nach Großbritannien.

Politisch brisant

Dort studierte sie Kunst und lebt sie bis heute. Die Werke, die auf der Messe zu sehen waren, sind semi-abstrakte Kompositionen in dunklen Grüntönen. Sie entstanden unter dem Eindruck des Stephansdoms. Mit 17 Jahren kam Jaray nämlich erstmals wieder in die Stadt ihrer Geburt. Das besitzt eine gewisse politische Brisanz. Hier geht es nicht einfach nur um Formen, Muster und Farben, sondern auch um die Frage, wie eine junge Frau sich das Wahrzeichen jener Stadt aneignet, die sie einst vertrieben hat. Und darum, wie sie sich später daran erinnert. 

Tess Jaray, Green Sanctuary, 1964 (Foto: Exile Gallery)

Denn die Serie entstand erst lange nach ihrem Wien-Besuch, im Jahr 1964. Am Messestand hing darüber hinaus auch eine Papierarbeit, ein All-Over-Pattern, bei dem sie ziemlich früh mit Tintenstrahldrucker experimentierte – unglaublich schön! Übrigens ist es ja auch so ein Phänomen, dass Künstlerinnen mit Neuen Medien früh dran waren, da diese im Gegensatz zur Malerei nicht männlich besetzt waren – aber: eigenes Thema. 

Tess Jaray, East of the West, Ausstellungsansicht  (Foto: Exile Gallery)
Tess Jaray, East of the West, Ausstellungsansicht (Foto: Exile Gallery)

Verlust der Erinnerung

Der andere Teil der Ausstellung, die als ein Projekt an zwei Standorten zu betrachten war, lief bis vor kurzem in der Exile Gallery selbst. Dort sah man jüngere Gemälde Jarays aus dem Jahr 2017, auch wieder in einer sehr besonderen Farbgebung, Mint und Rosa. Das Muster spielt offenbar auf das Zickzack-Dach des Stephansdoms an. 

Tess Jaray, Return, 2017 (Foto: Exile Gallery)
Tess Jaray, Return, 2017 (Foto: Exile Gallery)

In dem recht poetischen Text zu der zweiteiligen Ausstellung, die den Titel „East to West“ trug, heißt es über die älteren Gemälde: „They are either bold and confrontational, or hidden and subtle representations of the inherent particular architectural reference, which becomes a signification for memorial loss in which the viewer is invited to question their own rejection, personal identity and sociopolitical position.“

Tess Jaray, East of the West, Installation (Foto: Exile Gallery)
Tess Jaray, East of the West, Ausstellungsansicht (Foto: Exile Gallery)

Versunken im Depot

In Großbritannien dürfte Tess Jaray ziemlich bekannt sein. Eine ganze Reihe von Aufträgen im öffentlichen Raum, zum Beispiel für die Victoria Station in London sowie Ausstellungen in guten Galerien kann sie vorweisen. Die Tate, das V&A und die Walker Art Gallery in Liverpool besitzen ihre Werke. Und, jetzt kommt’s: Auch das Mumok kaufte einmal etwas an, und zwar 1964, nämlich eines dieser Stephansdom-Bilder. Allerdings scheint ihre Arbeit im Depot versunken zu sein. Zumindest stellte das Museum Tess Jaray nie in einem breiteren Rahmen vor. Zwar wurde das Bild vor einigen Jahren einmal präsentiert; dort sah auch Exile-Galerist Christian Siekmeier erstmals eine Arbeit von ihr live. Aus der Ausstellung kaufte das Mumok jetzt ein Werk, als einzige Institution. Dennoch scherte sich das Haus in der Zwischenzeit nicht besonders um Jaray (immerhin noch mehr als all die anderen, die im Bereich der Gegenwartskunst arbeiten, wahrscheinlich einfach aus Unwissenheit). Jedenfalls ist es hoch an der Zeit, Tess Jarays so konsequentes Werk auch in Österreich gebührend aufzuarbeiten. 

Tess Jaray, St. Stephens Way, 1965 (Foto: Exile Gallery)

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