Barbis Influenca

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Zwischen Selbstverwirklichung und Turbokapitalismus: Barbis Ruder und ihre Influencer-Persona.

Unlängst im Fernsehen erzählte eine Influencerin von ihrem Leben. Davon, dass sie mehr oder weniger 24/7 online ist, dass sie auch im Urlaub täglich posiert und postet, dass sie damit aber jetzt Geld verdient, und nicht zu wenig. Was für ein Horror, so ein Leben! So, als würde man sich im Internet auflösen.

Barbis Ruder
Barbis Ruder, INFLUENCA #MySelfie, Foto: Helmut Prochart, Collage: Barbis Ruder, 2018

„Künstlerinnen und Künstler haben neoliberale Werte mitgestaltet“, sagte Barbis Ruder, als wir uns vorige Woche in einem Café in Wien trafen. „Sie müssen sich mit ihrem Job identifizieren. Das ist aber schon auf viele andere Arbeitsbereiche übergangen. Auch Influencer müssen ständig performen, dauernd unglaublich happy sein und gleichzeitig chatten. Das ist sehr anstrengend.“

Weibliche Influencer geben ein neues Rollenbild für Teenies ab. Was aber ziemlich zwiespältig ist. Denn einerseits verkaufen junge Mädchen wie die Schminkkönigin Bibi mit ihren Millionen Instagram-Followern nicht nur unglaublichen Müll, sondern auch ein zweifelhaftes Frauenbild. Andererseits: Könnten sie als toughe Geschäftsfrauen nicht doch auch taugliche Identifikationsfiguren sein? Immerhin verdienen viele von ihnen damit genug Kohle, um völlig unabhängig zu sein.

Barbis Ruder
Barbis Ruder, INFLUENCA #ScreenTime, 2018. Foto: Helmut Prochart; Collage Barbis Ruder

Die Arbeiten von Barbis Ruder umkreisen das überaus zeitgenössische weibliche Role Model, ohne diese Fragen explizit zu beantworten. Seit März tritt sie als „Influenca“ in Erscheinung. Ihr gleichnamiger Facebook-Account wurde zwar gesperrt, doch auf Instagram gibt es die fiktive Persona noch. Auch in Aktionen, Videos und Foldern taucht sie auf, bald zu sehen in der Neuen Galerie in Innsbruck. Schon jetzt lockt Barbis auf einem Flyer, angetan mit rosa Frotteemantel, grauer Perücke sowie, natürlich, einem Smartphone, zu Werbeeinschaltungen. Wer möchte, kann Platz auf einer „Sponsorenwand“ oder in einem Video buchen.

In der Neuen Galerie zeigt die Künstlerin außerdem ein Videotripytchon, in dem sie selbst als gackernd lachender Social-Media-Star auftritt. Dazu ein Text, in dem Zeilen ertönen: „This is INFLUENCA / Now she is on Instagram / She is a product / Her actions are for sale / Her words are for sale / Her body is for sale / She was created to be sold.“ Das ist schließlich das Wesentliche am Influencer-Dasein: Verkaufen, verkaufen, verkaufen!

Barbis Ruder
Barbis Ruder, Down Dog in Limbo, 2015. Foto: Joanna Coleman, Bearbeitung: Suchart Wannaset

Barbis Ruder, Jahrgang 1984, bekam 2014 den H13 Performancepreis des Kunstraums Niederösterreich  und war 2017 für den Kardinal-König-Preis nominiert. Dabei fiel sie durch Arbeiten mit starkem Körpereinsatz auf. Bei ihrer Abschlussarbeit in der Klasse von Brigitte Kowanz, „Down Dog in Limbo“ spannte sie ihren Körper, ergänzt durch Prothesen, in ein Metallgerüst ein. In „Thigh Gap“ performte sie den Fitnesswahnsinn (die Arbeit war kürzlich in der VBKÖ ausgestellt). Oder sie führte mit anderen die Performance „Wertschöpfungskette: 2F – Attacke“ durch, bei der sie sich gegen Glastüren von Kunstinstitutionen warfen. Oft schwingt in ihren Arbeiten Kunstbetriebs-Kritik mit, auch in der neuen Installation in Innsbruck. Da dreht sie den Spieß mal um: „Jetzt biete ich Galerien Platz an, um sich darzustellen“, grinst sie.

Barbis Ruder
Barbis Ruder, Wertschöpfungskette – 1B Kanon (2014). Cinematographie: Ewa Stern

Am Donaufestival trat Barbis Ruder alias Influenca in glamourösem Outfit, mit monströsen Plateauschuhen auf: eine Figur zwischen Selbstverwirklichung und Turbokapitalismus, die nervt und verführt – und trotz allem eine gewisse Eigenständigkeit lebt.

 

 

#ScreenTime. Barbis Ruder

Eröffnung: 5. Dezember, 20 Uhr,

Neue Galerie der Tiroler Künstler*schaft in der Hofburg Innsbruck

https://www.kuenstlerschaft.at/ausstellungen/neue-galerie/

 

 

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