Das Gemälde war das Sensationslos des 14. November 2016: Geschätzt auf 7000 bis 10.000 Schweizer Franken, kostete es letztlich 480 500, inklusive Aufgeld. Jetzt ist das „Porträt des Martino Martini“ von Michaelina Wautier in der Londoner Klesch Collection – und eines der Prunkstücke in der aktuellen Ausstellung der flämischen Barockmalerin im Wiener Kunsthistorischen Museum (Michaelina Wautier. Malerin).
Langjährige und hartnäckige Arbeit
30 Jahre mussten wir warten, um an diesem Ort nach Sofonisba Anguissola wieder die Einzelausstellung einer Alten Meisterin zu sehen. Aber besser spät als nie. Ein Solo von Michaelina Wautier bietet sich hier an, besitzt das Museum doch vier Arbeiten dieser so erfindungsreichen Künstlerin. Es ist der langjährigen und hartnäckigen Arbeit der KHM-Kuratorin Gerlinde Gruber zu verdanken, dass uns das KHM endlich mit Michaelina Wautier bekannt macht.
Die Eckdaten: 1614 im heute belgischen Mons geboren, wuchs Wautier mit zahlreichen Geschwistern als Tochter eines Pagen auf, geprägt von einem intellektuellen Umfeld. Wo genau sie die Malerei erlernte, ist unklar; das älteste überlieferte Werk – es handelt sich genau genommen um einen Stich nach einem Gemälde – muss bis 1643 entstanden sein. Um diese Zeit übersiedelte sie mit ihrem Bruder Charles nach Brüssel. Im Gegensatz zu ihm durfte sie als Frau nicht Mitglied der Lukasgilde werden. Die Quellen deuten darauf hin, dass die Geschwister ihre Werkstatt zu zweit führten, gut beschäftigt von Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich. Aus diesem Kunden erklärt sich die Präsenz von Michaelina Wautier in der Sammlung des KHM. Offensichtlich blieb sie Single und kinderlos. 1689 starb sie; ein Spätwerk fehlt, überhaupt sind nur 35 Gemälde bekannt. Und die haben es in sich.

Michaelina Wautiers Bilder bestechen nicht nur durch ihre Originalität, dazu weiter unten, sondern auch durch ihre physische Präsenz und Unmittelbarkeit. Wie der „Befehlshaber“ mit lockig herabfallendem Haar den Kopf zur Betrachterin wendet, als habe er sie gerade erblickt! Wie die Augen des Jesuiten Martino Martini vor Leidenschaft glühen, wie man seine Kleidung fast berühren will! Wie zerbrechlich und sensibel der magere Körper des knabenhaften Johannes des Täufers! Es ist, als wüchsen einer diese Figuren zu, als träten sie in körperliche Nähe.

Ebenso bemerkenswert: die Erfindungskraft von Michaelina Wautier. Zum Beispiel imaginiert sie zwei Märtyrerinnen – die Heiligen Agnes und Dorothea – als Mädchen: in prachtvolle Gewänder gekleidet und mit den jeweiligen Attributen ergänzt, schweben sie fast, umgeben von roten Tüchern. „Dank seiner intimen, melancholischen Stimmung und anspruchsvollen Technik wurde dieses Bild zu Michaelinas ikonischstem Werk“, schreibt Wautier-Expertin Katlijne Van der Stighelen im Ausstellungskatalog. Ebenso ungewöhnlich ist die Serie, die als „Fünf Sinne“ tituliert ist: Fünf Knaben, die Riechen, Hören, Fühlen, Schmecken und Sehen verkörpern. Ein Bild wie das des Buben, der sich, ein faules Ei in der anderen Hand, die Nase zuhält, gab es vorher nie.
Bacchus, zu Boden gepackt
Ein weiteres Highlight der Ausstellung, zugleich eines der ungewöhnlichsten Masterpieces des KHM, heißt „Triumph des Bacchus“. In der Interpretation von Michaelina Wautier wird dieser zu einem schlaffen Gelage im Endstadium. Den Weingott hat es zu Boden geprackt. Einer sucht schon das Weite, ein anderer bläst noch in eine Trompete: mehr Kater- als Partystimmung herrscht hier. Aber es gibt eine Last Woman Standing, die einzige Frau in dem Bild, die ihre Betrachter:innen fixiert, die widerlichen Annäherungsversuche eines Greises ignorierend.

Michaelina Wautier, Der Triumph des Bacchus, 1655/59, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie
© KHM-Museumsverband
Triumph über Geschlechtergrenzen
Bemerkenswert, wie Michaelina Wautier hier so verschiedene Körper malte, Männer unterschiedlichster BMIs. „In keinem ihrer Werke kommt ihre Vertrautheit mit dem männlichen Akt so deutlich zum Ausdruck“, so Van der Stighelen. Das überrascht, denn schließlich galt das Aktstudium für Frauen als unschicklich. Michaelina Wautier könnte im Atelier mit ihrem Bruder Akt gezeichnet haben; auch das Studium nach Gipsfiguren führt Van der Stighelen an. Keine andere Künstlerin nördlich der Alpen dieser Zeit hatte ihr zufolge die Möglichkeit „die männliche Anatomie auf diese Weise darzustellen.“ So wird der „Triumph des Bacchus“ auch ein Triumph von Wautier über die eng gesteckten Geschlechtergrenzen.

Ein weiteres bemerkenswertes Bild hängt gleich neben dem „Triumph des Bacchus“: ein Selbstporträt, in dem sie sich mit Palette und Staffelei zeigt. Ich wusste bis dato nicht, dass dieses Sujet erstmals vorkommt im Werk einer anderen Künstlerin, nämlich in einem 1548 entstandenen Selbstbildnis von Catharina van Hemessen. Noch nie zuvor hatte ein:e Maler:in sich zuvor bei der Arbeit dargestellt, oder jedenfalls weiß die Kunstgeschichte nicht davon. Van der Stighelen erläutert im Katalog ausführlich und spannend, wie diese Art von Selbstdarstellung zu Wautier vorgedrungen sein könnte – ein Stück feministische Kunstgeschichte, in dem auch Lavinia Fontana, Artemisia Gentileschi und Sofonisba Anguissola eine Rolle spielen.

Wieder einmal: Herrschaftsgeschichte
Gerade solche aufregenden Erkenntnisse wie diese hätte die Ausstellung besser herausarbeiten können. Auch wäre es toll gewesen, dort mehr über das Thema Aktmalerei und ihr Verbot für Frauen zu erfahren. Oder über die Unkonventionalität von Darstellungen wie jener der kindlichen Märtyrerinnen. Oder generell über Künstlerinnen im Barock nördlich der Alpen, über die Hürden, die sie überwinden mussten, darüber, wie ihnen das gelang und wie die Kunstgeschichte sie später wieder hinausdrängte – beispielsweise in Gestalt eines Kurators, der es nicht für möglich hielt, dass eine Frau den „Triumph des Bacchus“ gemalt haben könnte.
Stattdessen ist der Zugang ein wissenschaftlich-akademischer: So startet die Ausstellung mit der Bedeutung der Signatur, die man auf den Bildern mit freiem Auge jedoch kaum erkennt. Wie so oft im KHM steht wieder einmal Herrschaftsgeschichte im Vordergrund. Stiche von Aristokraten, die irgendwer nach Gemälden von Charles Wautier angefertigt hat, sorgen für Gähnen, ebenso wie ein Zeitstrahl, der über Kriege und Kämpfe erzählt, ohne zu erklären, wie diese mit der Kunst zusammenhängen.
Baroque’s Leading Lady
2018 sah ich die Ausstellung im Museum aan de Stroom in Antwerpen, kuratiert von Katlijne Van der Stighelen. Sie war viel sparsamer, fokussierte dafür mehr auf das Schaffen der „Baroque’s Leading Lady“ und brachte es so noch mehr zum Glänzen – sie war freilich auch viel kleiner als die KHM-Ausstellung, in der auch viel von Rubens, Van Dyck und Charles Wautier hängt. Eines hat die Wiener Ausstellung jener in Antwerpen allerdings voraus, nämlich die erwähnten „Fünf Sinne“. Die tauchten nämlich erst 2020 auf. Und wer weiß, welche Werke von Michaelina Wautier noch ihrer Wiederentdeckung harren.

Als ich 2018 Kuratorin Gerlinde Gruber für die „Weltkunst“ zu Michaelina Wautier befragte, sagte sie: „Viele Kunsthistoriker kennen den Namen von Wautier bis heute nicht“. Das dürfte sich mittlerweile – auch dank Grubers Arbeit – geändert haben.
Die Ausstellung „Michaelina Wautier. Malerin“ läuft noch bis 22. Februar im Wiener Kunsthistorischen Museum.
Nachtrag in eigener Sache/“Hitlers queere Künstlerin“
Der „Perlentaucher“ hält mein Buch über Stephanie Hollenstein („Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat“) für eines der „besten Bücher im November“, hurra! Am 5. Dezember lese ich in der VBKÖ, vielleicht sehe ich die eine oder den anderen von euch dort. Für alle, die Hollenstein nicht kennen, hier ein erster Einblick in das Buch.