Was kann herauskommen, wenn eine Ausstellung den Anspruch erhebt, „Künstlerinnen und Moderne“ zu zeigen? Wie lässt sich weibliches Schaffen über die enorme Zeitspanne von 1910 bis 1950 sinnvoll bearbeiten? Ist die Moderne mit ihren tausenden Verästelungen, nicht zu komplex, als dass sich aus einem solchen Projekt Sinnstiftendes gewinnen ließe? Noch dazu, wenn man die eurozentristische Haltung kunsthistorischer Ausstellungen aufbrechen möchte? Die Schau „Radikal. Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950“ im Unteren Belvedere, eine Kooperation mit dem Museum Arnhem und dem Saarlandmuseum, in Wien kuratiert von Stephanie Auer, zerschlägt derartige Befürchtungen mit einem einfachen Kniff: Sie setzt ihre inhaltlichen Schwerpunkte entlang frauenspezifischer Aspekte im Kunstbetrieb. Am Anfang wird dies noch nicht so klar ersichtlich. Das Intro wirft wie ein Trailer erst einmal Schlaglichter auf das, was noch kommt.

Sexualität und Abhängigkeit
Dann geht es weiter mit Kapiteln wie „Neue Realitäten. Neue Identitäten“ und „Akte der Emanzipation“. Dort lässt sich erkunden, wie Künstlerinnen auf ihr Leben blicken, wie sie Akte darstellen. Ein Highlight ist Charley Toorops Gemälde von drei Frauen unterschiedlichen Alters. Während die jüngste erstarrt in die Leere blickt, erscheint die Älteste am lebhaftesten. Ihr langes Leben hat blaue Adern in ihre Brüste und Falten in ihre Stirn gezeichnet. In Elfriede Lohse-Wächtlers Pastell „Liebesakt“ von 1925/30 fletscht ein Mann die Zähne angesichts der Brüste einer Frau, die ihn wiederum eng umklammert. Eine Studie zu Sexualität und Abhängigkeit.
Abtreibungsparagraf

Auch aktivistische und gesellschaftspolitisch engagierte Kunst gerät in den Blick: etwa mit Käthe Kollwitz und Alice Lex-Nerlinger, in deren Gemälde „Paragraf 218“ sich Frauen mit kollektiver Entschlossenheit gegen ein Kreuz stemmen. Darauf ist der Titel eingeschrieben – er steht für jenen berüchtigten Abtreibungsparagraf, der so viele Frauen umbrachte. Bedrückend und beeindruckend auch Hanna Nagels Arbeit zum selben Thema. Wie bedroht der weibliche Körper und Frauenleben durch Abtreibungsverbote schon wieder sind, wissen die Leser:innen dieses Blogs.
In den Linolschnitten von Elizabeth Catlett aus der Serie „Die Schwarze Frau“ (1946) sitzen Schwarze Frauen auf den ihnen zugewiesenen Busplätzen oder in einer Schule. Catlett, deren hervorragende Ausstellung 2024 im Brooklyn Museum mir erst den Blick auf ihr so umfassendes Oeuvre öffnete, steht für die intersektionale Perspektive, die „Radikal“ – auch – einnimmt.

Ebenso gewinnt die Kuratorin der Abstraktion mit Werken von Marcelle Cahn, Fahrelnissa Zaid und Saloua Raouda Choucair feministische Aspekte ab (übrigens handelt auch der jüngste Beitrag auf diesem Blog davon). Dabei löse die Ausstellung die Künstlerinnen, so zitiert der Pressetext Belvedere-Direktorin Stella Rollig „aus tradierten kunsthistorischen Ordnungsmodellen, die zu ihrem Vergessen udn ihrer fehlenden Repräsentation in Sammlungen beigetragen haben.“ Oder, um mit Marsha Meskimmon, Professorin emerita für transnationale Kunst und Feminismus der britische Loughborough University, im Katalog schreibt, kartiert sie „Verbindungen zwischen Geschlecht, Genre, Geografie und Genealogie, die ermöglichten, dass verschiedene Frauen auf dem Gebiet pluraler und situierter Modernismen neue Geschichten erzählen konnten.“

Stille der Armut
Von den 60 Künstlerinnen aus 20 Ländern waren mir viele Namen neu. Natürlich, Claude Cahun, Sonia Delaunay, Friedl Dicker-Brandeis, Leonor Fini, Barbara Hepworth, Hannah Höch, Jeanne Mammen (von der das Belvedere keines jener Gemälde zeigt, für die sie so berühmt wurde, dafür aber ebenfalls sehr aussagekräftige Arbeiten für Zeitungen)* und viele andere sind auch einem breiteren Publikum bekannt. Anders verhält es sich mit Milada Marešová, deren Gemälde mir vor einigen Jahren in Prag auffielen. Ihr Exponat im Belvedere zeigt Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten vor dem Pfandschalter; es strahlt eine ganz eigene Stille – die Stille der Armut – aus. Zubaida Agha bestrickt mit einer semiabstrakten Stadtansicht, und bei Emy Roeders Skulpturen taucht unweigerlich die Frage auf, warum nicht sie, sondern Ernst Barlach der Star der deutschen Bildhauerei ist.
Mitglied im SED-Zentralkomitee
In Wien ist vielen wahrscheinlich auch Lea Grundig nicht bekannt, deren Papierarbeiten bedrückende Szenen aus dem Ghetto zeigen. Aus mehreren Gründen im Nationalsozialismus verfolgt (jüdisch, kommunistisch, „entartet“), floh sie 1939 aus Deutschland. Später kehrte sie zurück und war in der DDR eine Funktionärin: als Präsidentin des Verbands Bildender Künstler, aber auch als Mitglied des SED-Zentralkomitees. Eine durchaus zwiespältige Figur also. Für ausführliche Lebensläufe ist in einer Ausstellung mit so vielen Positionen freilich kein Raum, leider auch nicht im Katalog. Doch gerade ein solches Projekt, das sich das Aufbrechen des Kanons zur Aufgabe stellt, sollte derlei nicht verschweigen.
Harlem Renaissance und Wien
Ein weiterer Wermutstropfen liegt für mich darin, dass die sensationelle Bildhauerin Selma Burke zwar im Katalog, nicht aber in der Ausstellung vertreten ist. Das hat bestimmt seine Gründe. Doch gerade in Wien, wo die Afroamerikanerin zeitweise lebte, wäre es gut angestanden, ihre Arbeiten zu zeigen und Verbindungen zwischen der Wiener Kunstszene und der Harlem Renaissance zu demonstrieren. Über sie war übrigens diesem Blog schon 2018 die Rede. https://artemisia.blog/2018/12/10/selma-burke-motorrad-maedchen-und-dime-designerin/ Hoffentlich gibt es in Wien einmal eine größere Ausstellung über Burke.

Insofern zeigt sich in „Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950“ das, was vielen Projekten dieser Ausrichtung innewohnt: dass sie nämlich eher als ein Anfang, ein Startschuss zu begreifen ist. Dafür, dass wir in Zukunft all diese Künstlerinnen in ausführlicheren Kontexten erneut zu sehen bekommen – mitsamt den „transkanonischen“ (Marsha Meskimmon) Geschichten, die auch „Radikal“ erzählt.
Ausstellung: „Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950“, bis 12. Oktober 2025, Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien
*In einer früheren Version dieses Beitrags war fälschlicherweise davon die Rede, dass kein Gemälde von Mammen gezeigt würde. Tatsächlich hängt ihr Werk „Würgeengel“ in der Ausstellung. Ich bitte das Belvedere und die Kuratorin Stephanie Auer um Entschuldigung für den Irrtum.
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