Haariger Widerstand: Fatoş İrwens bezwingende Kunst

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Gina Pane, VALIE EXPORT, Elke Krystufek: Selbstverletzung hat in der feministischen Kunst lange Tradition. Die Videoarbeit „Şiryan“ der kurdischen Künstlerin Fatoş İrwen, aufgewachsen in Diyarbakır, im Südosten der Türkei, schließt daran an. 35 schmerzhafte Minuten dauert sie, in denen die Künstlerin ein Ornament in ihre Hand näht. Dann trennt sie es auf. Zurück bleibt ein verwundetes Körperteil. 

Fatoş İrwens Videoarbeit „Şiryan“, 2012 - 2015
Fatoş İrwens Videoarbeit „Şiryan“, 2012 – 2015

Weibliche Solidarität

Fatoş İrwen verbringt gerade zwei Monate in einer Residency in Krems und stellt dort in der Galerie Stadtpark aus. Für das Onlinemagazine ask – art & science krems, das ich mit meiner großartigen Kollegin Astrid Kuffner für die Stadt Krems gestalten darf, traf ich Fatoş kürzlich in ihrem Studio. Eine Begegnung, die mich tief beeindruckte. Wie sich diese Frau die Kunst erkämpfte, wie sie unter widrigsten Bedingungen fantastische Werke schuf, wie sie weibliche Solidarität reflektiert, wie sie drei Jahre Gefängnis überstand – das verdient nicht nur höchsten Respekt, sondern auch eine größere Ausstellung in Wien, und das meine ich durchaus als Aufruf an Direktor*innen von Museen und Ausstellungshäusern. Im Vorjahr war sie bei curated by in der Exile Gallery in Wien zu sehen; eine Einzelausstellung, ebenfalls 2023, in der Berliner Zilberman Gallery bot einen größeren Überblick (einen Katalog zur Ausstellung findet ihr hier als pdf) und wurde in deutschen Medien sehr gelobt. 

Völlig durchgedreht

Wer wie Fatoş İrwen als Kurdin in der Türkei aufgewachsen ist, kennt zwangsläufig Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung. Bereits zweimal saß sie im Gefängnis – einfach aufgrund willkürlicher Beschuldigungen der türkischen Polizei gegenüber einer kurdischen Künstlerin, die feministisch-politisch arbeitet. Als sie das erste Mal 2012 in ihrer Heimatstadt Diyarbakır, im Südosten der Türkei, inhaftiert wurde, konnten die Polizeibeamten nicht ihre Fingerabdrücke abnehmen. Denn schon als Kind hatte sie ihre Hand bestickt, sodass sich die Rillen in ihrer Haut verwischten. Die Verantwortlichen drehten völlig durch. Ohne es zu beabsichtigen, hatte sie ihren Körper davor geschützt „von der Macht gelesen zu werden“, wie sie mir sagte. „Die unsicheren Bereiche, die ich durch das Spiel in meinem Körper geschaffen habe, hatten die Qualität einer politischen Aktion.“ In „Şiryan“ verarbeitet sie dieses Ereignis. 

die kurdische Künstlerin Fatoş İrwen
Bewundernswert und eindrücklich: die kurdische Künstlerin Fatoş İrwen

Fatoş İrwens Materialien

Durch ihr Werk zieht sich thematisch die Unterdrückung des kurdischen Volks, etwa in der Videoarbeit „Sûr Fragments“, aber auch weibliche Solidarität: Frauen, die sich verbünden, gemeinsam Widerstand leisten, einander Halt geben. In „Şiryan“ rückt Fatoş İrwen weiblich konnotierte Handarbeit in den Fokus. „Als ich ein Kind war, gab es viele Frauen in meiner Familie und um mich herum“, erzählt sie. „Meine Mutter hat immer etwas genäht. Wir kauften nie fertige Kleidung in Geschäften. Aus diesem Grund wurden die Werkzeuge, mit denen die Frauen diese Bedürfnisse erfüllten, zu den wichtigen Materialien, mit denen ich meine Kunst ausübte.“

Auf meine – in diesem Fall wahrscheinlich naive – Frage, die ich immer gerne stelle, nämlich ob die Künstlerin als junge Frau weibliche Role Models hatte, antwortete sie: „Ich erlebte die dunkelste Zeit in der Türkei. Die Menschen kämpften ums Überleben. In diesem sozialen und politischen Umfeld waren Kunst und Wissenschaft ein Luxus“. Als Kind war sie gern allein, beobachtete lieber, was um sie herum vorging. So kam sie zur Kunst, studierte an der Dicle Universität in Diyarbakır Kunst und unterrichtete.

„Sûr Fragments“, Videoperformance, 2017
„Sûr Fragments“, Videoperformance, 2017

1500 Werke im Gefängnis

Weibliche Gemeinschaften spielen auch in jenen Arbeiten eine Rolle, die von 2017 bis 2020 im Gefängnis entstanden: insgesamt 1500 Werke! Das muss man sich mal vorstellen. Sie verwendete dafür erstaunliche Gegenstände. Zwar wollte ihr die Familie Material ins Gefängnis bringen, doch das verwehrten ihr die Behörden, und sie durfte nur A4-Zettel nutzen. So gestaltete sie berückende wie bedrückende Papierarbeiten mit Tee, Gräsern, die Vögel im Gefängnishof fallengelassen hatten, und Haaren ihrer Mitinsassinnen. „In den ersten Tagen meiner Inhaftierung, als man mir mein Material verwehrte, war ich im Geheimen glücklich. Ich sagte mir: ‚Na komm, was machst du jetzt?’” Eine Leere sei entstanden, sagte sie, „und diese hatte unbegrenzte Möglichkeiten. Unbegrenzte Möglichkeiten im Nichts.” Sie hatte ihren Körper, die Wände; die Vögel und Insekten waren ihre Freund:innen, und „da waren eine Menge widerständischer Frauen, und die hatten Körper und die Macht der Ideen und die Widerstandskraft, diese Wände zu durchbrechen.“ 

"Courtyard Travelers", 2019 Haar, getrocknete Halme und Tee auf Papier (Foto: Stefan Lux)
Ausstellung „Improper. Fatoş İrwen“, Galerie Stadtpark, hier:“Courtyard Travelers“, 2019 Haar, getrocknete Halme und Tee auf Papier (Foto: Stefan Lux)

Kanonenkugeln und Sicherheitsnetze

Aus den Haaren der Gefängnisinsassen, darunter politische Inhaftierte wie sie, formte sie Bälle und Gitter: „Kanonenkugeln“ und ein „Sicherheitsnetz“, letzteres ist nun in Krems ausgestellt. Es sind schöne Metaphern für die Gegenwehr von und die Solidarität unter Frauen und, wie Fatoş sagt: „Stimmen des Widerstands“. In diesen Kugeln und Netzen, deren zarte Teile sich zu festen, stabilen Geweben verbünden, steckt so viel Kraft und Poesie. 

Ausstellung "Fatoş İrwen. Improper", Galerie Stadtpark (im Vordergrund: "Safety net (Safety net for women)", 2017-2020 Netz aus Haarsträhnen, 290 x 340 cm, Foto: Stefan Lux
Ausstellung „Fatoş İrwen. Improper“, Galerie Stadtpark (im Vordergrund: „Safety net (Safety net for women)“, 2017-2020 Netz aus Haarsträhnen, 290 x 340 cm, Foto: Stefan Lux

In einem Interview sagte sie einmal: „Ich glaube, dass es eine ethische und moralische Verantwortung ist, mit einer politischen Einstellung zu leben, als Künstlerin, als Frau und als Individuum.“ Wer Fatoş İrwens bezwingendes Werk entdecken möchte, sollte nach Krems reisen.

P.S.: Ein kleiner Nachsatz zum Thema (kulturelles) Schaffen im Gefängnis: Ich halte es für absolut unerträglich, wenn der ORF einer Doku über Jack Unterweger den Untertitel „Der Häfenpoet“ gibt. Laut seinem Biografen Malte Herwig gab Unterweger übrigens Texte anderer als eigene aus; ein ganzer Roman soll von einer Frau stammen. Und er war ein vielfacher Mörder, Folterer und Vergewaltiger; die Ankündigung, die ihn als „Enfant terrible der heimischen Kulturszene“ verkauft, spuckt jedem seiner Opfer noch einmal aufs Grab. Und damit auf alle feministische Anliegen.

Ausstellung: Improper – Fatoş İrwen

Galerie Stadtpark

Wichnerstraße

3500 Krems

19.10.2024 bis 30.11.2024 (Mittwoch bis Samstag, 10 bis 17 Uhr)

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