Susana Pilar Delahante Matienzo: gegen die Auslöschung Schwarzer weiblicher Geschichte

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Ein sensationelles Bild ist das: Die 2500 Blätter der Secessions-Kuppel verhüllten vor kurzem schwarze Strumpfhosen. Damit deutete Susana Pilar Delahante Matienzo das Krauthappel zu einem Bantu-Knoten um, wie ihn Zulu-Frauen in Südafrika tragen, eine mehr als hundertjährige Tradition. Die Arbeit der 1984 in Havana geborenen Künstlerin, die heute zwischen Kuba und den Niederlanden lebt, musste aus konservatorischen Gründen nach zwei Wochen abgebaut werden, doch die Bilder davon zeugen nach wie vor von der eindrücklichen Erscheinung.

Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Secession, Foto: Oliver Ottenschläger
Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Secession, Foto: Oliver Ottenschläger

Exklusion als Tradition

Der künstlerische Einsatz von Strumpfhosen hat übrigens eine lange feministische Tradition, von Senga Nengudi über Sarah Lucas bis zu Carola Dertnig und Judith Huemer.  Und auch die Auseinandersetzung mit dem Haar Schwarzer Frauen: Zanele Muholi setzte diese mit ihren großformatigen Fotos auf der Biennale 2019 in Szene. Susana Pilar Delahante Matienzo hat sich ebenfalls schon länger damit befasst. Bei der 12. Havanna-Biennale 2015 veranstaltete sie einen Wettbewerb mit dem Titel „Wir tragen es lockig: Wettbewerb für natürliches Afro-Haar“, der bis heute stattfindet. Das Haar nicht zu glätten, ist bis heute für Schwarze Frauen keine Selbstverständlichkeit. Mit ihren Arbeiten setzt die Künstlerin daher ein selbstbewusstes Zeichen für Schwarze weibliche Identität. Gerade an diesem Ort: Denn natürlich ist auch die Secession als traditionsreiche Institution Teil einer Geschichte der Exklusion: An ihrem Entstehen waren einst, den gesellschaftlichen Umständen entsprechend, selbstverständlich weder Frauen oder Personen anderer Herkünfte beteiligt. 

Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Secession, Ansicht vom Aufbau der Installation, Foto: Oliver Ottenschläger
Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Secession, Ansicht vom Aufbau der Installation, Foto: Oliver Ottenschläger

Die Lücke füllen

Diese Installation ergänzt eine Ausstellung („Achievement“, bis 8. September), die Susana Pilar Delahante Matienzo – sie war 2017 als Artist in Residence in Wien auf der Akademie der bildenden Künste zu Gast – im Kabinett der Secession aufgebaut hat: In Archivschränken, Kästen, Schreibtischen, Kommoden, Sekretären verstreute sie scheinbar alte, patinierte Schwarzweiß-Fotos. Das Publikum ist eingeladen, die Möbel zu durchstöbern, die Fotos in die Hand zu nehmen und zu betrachten.

Susana Pilar Delahante Matienzo, Achievement, Secession 2024, Foto: Ottenschläger
Susana Pilar Delahante Matienzo, Achievement, Secession 2024, Foto: NiS

Schnittstelle zwischen Privatem und Politischen

Nachttisch- und Bibliotheksleselampen verschmelzen die Szenerie zu einem Ort zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Vielleicht war das so gar nicht beabsichtigt, aber es erscheint mir nicht ganz unerheblich. Denn auch der Ausgangspunkt dieser Arbeit geht ist die Schnittstelle zwischen dem Privaten und Politischen. Als Nachfahrin von afrikanischen und chinesischen Menschen, die nach Kuba verschleppt wurden, spürt Susana Pilar Delahante Matienzo die Leerstellen in der Geschichtsschreibung auf.

Susana Pilar Delahante Matienzo, Achievement, 2024, KI-generiertes Bild, variable Dimensionen

„Herkunft erwähne ich in meiner Arbeit deshalb so oft, weil ich darauf hinweisen möchte, dass ich mit meiner Fantasie als Künstlerin die Lücke dessen zu füllen versuche, was meiner Familiengeschichte und meiner persönlichen Geschichte gestohlen worden ist“, sagt sie, in einem Interview mit der Journalistin Adiaratou Diarrasouba, das im Künstlerbuch zur Ausstellung erschien (hier dankenswerterweise herunterzuladen). „Bekanntlich wurden die Archive, die es seit Jahrhunderten gibt, vor allem von Weißen aufgezeichnet. Für mich ist das also eine Möglichkeit, für meine Geschichte und meine Herkunft aufzustehen, und zwar in dem Bewusstsein, dass ich eine Geschichte habe, die ausgelöscht wurde.“ 

Susana Pilar Delahante Matienzo, Achievement, 2024, KI-generiertes Bild, variable Dimensionen

KI-Fiktion

Die Fotos die sie in der Secession zeigt, sind KI-generierte Fiktionen. Wie sehr Stereotype die Künstliche Intelligenz prägen, zeigte sich gleich zu Beginn von Susana Pilhar Delahante Matienzos Recherche: Als sie die KI um historische Bilder von Schwarzen Frauen bat, erhielt sie zunächst ausschließlich solche von ärmlich Gekleideten. Dann änderte sie ihre Prompts: „Carte De Visite – Photographic C beautiful african American black woman with afro puff on a victorian dress smiling at the camera, full body shot“: Das Ergebnis zeigt eine prachtvoll gekleidete Frau in üppig ausgestatteter Umgebung mit selbstbewusstem Blick. „Antique photograph of beautiful well dressed stylish black women selling beauty products in an alley, 1880s, News York City, in the style of Jacob Riis, wet plate, ambrotype, no color, shallow depth of field, high detail“ generierte drei Frauen vor einem Laden, Objekte in der Hand, bereit sie herzuzeigen und zum Verkauf anzubieten.

Susana Pilar Delahante Matienzo, Achievement, 2024, KI-generiertes Bild, variable Dimensionen

In anderen Bildern reiten Schwarze Frauen mit Bantu-Knoten, halten ein körpergroßes Gewehr, posieren mit dekorierten Hüten im Fond eines Autos oder in einem schön ausgestatteten Salon. Die Künstlerin verwendet die Technologie des 21. Jahrhunderts, um Protagonistinnen einer Geschichte zu schaffen, die es jenseits der üblichen Erzählungen eben auch gab: Sie setze sagt sie, KI ein, um „die historischen Errungenschaften hervorzuheben, die zur Ermächtigung Schwarzer Frauen geführt und ihre Stärke und Resilienz unter Beweis gestellt haben.“

Strategie zum Machterhalt

Sie erhebt keineswegs den Anspruch, historisch verbürgte Fakten zu erzählen, aber ihre Bilder evozieren differenziertere, eindrückliche, ermutigende Bilder einer weiblichen und Schwarzen Geschichte. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Inivisibilisierung eine Methode ist, die Macht zu behalten, die Dominanz aufrechtzuerhalten“, sagt die Künstlerin. Ein Unsichtbarmachen, das permanent geschieht und dem entgegenzuwirken ist, mit Gegenerzählungen. In einer Performance am Tag der Eröffnung unter der Kuppel sprach Susana Pilar Delahante Matienzo unter anderem folgenden Satz: „And for black women I see daily the visible and invisible racism we go through on regular basis.“ Mit ihrer Kunst arbeitet Susana Pilar Delahante Matienzo konsequent und überzeugend gegen die Auslöschung weiblicher Schwarzer Geschichte. Damit verdient die Künstlerin ihrerseits noch viel mehr Sichtbarkeit. Hoffentlich können wir ihre Kunst bald in größeren Spaces sehen. 

Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Performance, Secession, Foto: Oliver Ottenschläger
Susana Pilar Delahante Matienzo, Statement, 2024, Performance, Secession, Foto: Oliver Ottenschläger

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