Oh Schreck, nackte Frauen und schiache Wörter!

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In der aktuellen Ausgabe des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil schrieben meine früheren Kollegen Stefan Grissemann und Wolfgang Paterno eine lesenswerte Geschichte über den Kulturbegriff der Rechten. Dabei fiel mir etwas ganz Offensichtliches auf, das dort jedoch nicht explizit erwähnt wurde: Was die Rechten unter Kultur verstehen, produzieren offenbar ausschließlich Männer (John-Otti-Band, Odin Wiesinger und Andreas Gabalier). Im Umkehrschluss richten sie ihren Hass vorwiegend gegen die Kunst von Frauen – davor schützt nicht einmal der Literaturnobelpreis. Auch Dragqueens und Transpersonen bekämpft man natürlich mit fletschenden Zähnen: Conchita Wurst muss immer noch als Feindbild herhalten, auch über Songcontest-Sieger:in Nemo fiel man her. Drei Fälle der vergangenen Wochen beweisen die Spießigkeit, mit der die Rechten – leider nicht nur die Rechtsextremen, sondern auch die Konservativen – gegen Künstlerinnen zu Felde ziehen. Zum Beispiel gegen Mateja Meded, Sophia Süßmilch und Doris Uhlich.

Doris Uhlich, Pudertanz, Foto: Oskar C. Neubauer, courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut
Doris Uhlich, „Pudertanz“, Foto: Oskar C. Neubauer, courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut

Zum Beispiel bei der Eröffnung der Europäischen Kulturhauptstadt in Bad Ischl. Dort performte die Choreografin Doris Uhlich ihren „Pudertanz“. Dessen Name bezieht sich nicht (oder zumindest nicht vordergründig) auf das, was ich zunächst vermutete;1 nein, die Performerinnen hantieren tatsächlich mit dem titelgebenden Material. Sie sind, wie oft bei Uhlich, nackt. Dadurch fühlten sich die FPÖ und ihre Gesinnungsgenoss*innen, sensible Geschöpfe, anscheinend angegriffen. Ein blauer Gemeindepolitiker fand es „skandalös“, dass man „eine solche Darstellung von weiblichen nackten Körpern vor Kindern und Jugendlichen bietet“. Anruferinnen beschimpften Mitarbeiterinnen im Gemeindeamt. Das Onlineorgan unzensuriert, das ich hier nicht verlinken möchte, fürchtete, dass derlei „normalen Bürgern“ nicht zumutbar sei (wie froh bin ich, dass ich für diese Menschen kein „normaler Bürger“ bin!). Sogar in eine Kickl-Rede schaffte es die Performerin.

Klickwort „umstritten“

So galt ihre Arbeit plötzlich als „umstritten“ – zumindest bezeichnete der Kurier sie so, man weiß ja, was klickt. Doris Uhlich sagte dort in bestechender Unaufgeregtheit: „Wenn man meiner Arbeit mit einem offenen Blick begegnet, sieht man nackte Menschen, die sich mit ihren Körpern ohne sexualisierte Zuschreibungen beschäftigen, man spürt die Tiefe und die Achtsamkeit, mit der ich choreografiere.“ Seit vielen Jahren zeige sie „die Potenziale von Nacktheit jenseits einfacher Erotisierung und Provokation.“ Den „Pudertanz“ habe ich leider nicht gesehen, aber andere Aufführungen von Uhlich – was sie sagt, kann ich nur unterstreichen.

Doris Uhlich (Foto: Katharina Soskic)
Doris Uhlich (Foto: Katharina Soskic)

Weibliche Nacktheit, die Bezeichnung für weibliche Geschlechtsteile: Das regt die Rechten also auf. Wobei: Eh nur dann, wenn Frauen, Künstlerinnen gar, selbst darüber reflektieren oder performen – vielleicht sogar unsexy und ohne sich einen Deut darum zu scheren, ob sie jetzt irgendwelchen bescheuerten Schönheitsnormen genügen.

Mateja Meded, "Fotzenschleimpower vs. Raubtierkaputtalismus", Kosmos Theater/Wiener Festwochen Freie Republik, Foto: Nurith Wagner-Strauss
Mateja Meded, „Fotzenschleimpower vs. Raubtierkaputtalismus“, Kosmos Theater/Wiener Festwochen Freie Republik, Foto: Nurith Wagner-Strauss

Auch Mateja Meded verletzte so manch sensibles FPÖ-Seelchen. Im Kosmos Theater zeigte sie ihr fantastisches Ein-Frau-Stück „Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus“, in einer Koproduktion mit den – heuer unter der neuen Leitung von Milo Rau auch sonst sensationellen – Wiener Festwochen. Der Monolog, in dem Meded selbst performt, dreht sich freilich gar nicht um Sexualität, sondern um die prekäre Existenz der Tochter einer Zuwanderin aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Lebensgeschichte ihre Kommilitonin am Schreibseminar geklaut und erfolgreich an eine Bühne verkauft hat. Es geht um die Scheinheiligkeit mancher Feministinnen (ehrlich, ich fühlte mich stellenweise ertappt) und die Gentrifizierung.

Mateja Meded, Foto: Boris Kralj
Mateja Meded, Foto: Boris Kralj

Ohne irgendeine Ahnung vom Stück selbst zu haben, stießen sich die Blauen an dem schiachen Wort im Titel. In einem „Blauen Podcast“ des FPÖ-Kultursprechers Thomas Spalt entschuldigt sich der Sprecher für sein „gesprochenes Wort“, weil er den Titel des Stücks nennt. „Pseudokünstler“ hätten ihn „kreiert“, wohl „um gegen das böse böse Patriarchat zu kämpfen […] oder gegen uns.“ In einer parlamentarischen Anfrage wollte der Herr Spalt auch wissen, wie es um „Kinderschutzkonzepte“ bestellt sei. Ich finde auch: Wiener Kinder brauchen nichts dringender als den Schutz vor Kraftausdrücken. Die armen Schlumpferl könnten ja verstört werden: Lieber sollen sie sich eine Kickl-Rede anhören, dort wird bekanntlich vornehmst parliert.

Sophia Süßmilch und die Cancel Culture

Leider wirkt diese FPÖ-Wokeness fast schon harmlos gegen die Cancel Culture der CDU in Osnabrück. Wirklich, es sind nicht Lokalpolitiker der AfD, sondern solche der Christlich Demokratischen Union, die dort die Schließung einer Ausstellung von Sophia Süßmilch fordern, von der auf diesem Blog schon mal die Rede war. Glücklicherweise stellten sich die Direktorinnen, Anna Jehle und Juliane Schickedanz, tapfer hinter die Künstlerin (im Gegensatz zu ihrer Kollegin im Saarlandmuseum Saarbrücken, die im Vorjahr skandalöserweise die Schau von Candice Breitz absagte).

Sophia Süßmilch jedenfalls thematisierte in einer Performance, die nun auf einem Video in der Kunsthalle Osnabrück läuft, Kannibalismus. Wer Sophia kennt, weiß: Nacktheit spielt in ihrer Kunst oft eine Rolle. Für die CDU entbehrten die Arbeiten „jeglichen Respekts vor menschlichen Werten und Würde“. Natürlich sorgte man sich wieder um die Kinder.

Sophia Süßmilch, „Then I'll huff and I'll puff and I'll blow your house in”, Installation und Performance Kunsthalle Osnabrück, 2024. Courtesy Sophia Süßmilch und Kunsthalle Osnabrück. Foto: Lucie Marsmann
Sophia Süßmilch, „Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in”, Installation und Performance Kunsthalle Osnabrück, 2024. Courtesy Sophia Süßmilch und Kunsthalle Osnabrück. Foto: Lucie Marsmann

Sophia Süßmilch sagte dazu im NDR: „Nacktheit ist zunächst mal Nacktheit und nicht ein sexueller Körper. Und das ist es auch, worum es mir ganz stark in meiner Kunst geht: dass ein Frauenkörper zunächst mal einen Frauenkörper ist. Aber ich glaube, das ist ganz schwierig für die CDU; die empfinden dadurch eine ganz starke Bedrohung.“ Sie wolle „darauf aufmerksam machen, wie mit Frauen und Frauenkörpern in unserer Gesellschaft umgegangen wird. In den USA zum Beispiel werden in manchen Bundesstaaten elf- oder zwölfjährige Kinder, die vergewaltigt wurden, zum Austragen des Kindes gezwungen.“ Jemand von der CDU habe gesagt, es bleibe „jedem selbst überlassen, ob man Kannibalismus und Mütter, die ihre Kinder essen, gut findet“, erzählt sie und fragt sich, ob er denn glaube, dass sie selbst Kannibalismus gut finde? Man tut so, als würde die Künstlerin Menschenfresserei verherrlichen.

Mit derselben Argumentation könnte man dem Evangelisten Matthäus die massenhafte Erdolchung von Kindern vorwerfen, schließlich schildert er im Neuen Testament den Kindermord von Betlehem – übrigens abgebildet in zahlreichen Meister*innenwerken, zum Beispiel von Brueghel d. Ä. Eine Kopie davon hängt im Wiener Kunsthistorischen Museum. Ist das ein Grund, dessen Direktorin Sabine Haag eine Vorliebe für Kindermord zu unterstellen? Eben.

Traumatisierte Kinder

Offenbar bedroht der weibliche Körper, vor allem wenn er nackt ist, Kinder enorm. Ich sehe schon Scharen von Mädchen und Buben traumatisiert aus Museen wanken, entsetzt vor Plakaten mit schiachen Worten darauf vorbeilaufen, schreiend vor Bühnen mit nackten Frauen darauf flüchten und schweißgebadet aus Alpträumen von übermächtigen Busen und Vaginas erwachen. Ganze Therapeut*innenheere werden wir brauchen, um diese Schädigung wieder zu heilen.

Sophia Süßmilch, „Then I'll huff and I'll puff and I'll blow your house in”, Installation und Performance Kunsthalle Osnabrück, 2024. Courtesy Sophia Süßmilch und Kunsthalle Osnabrück. Foto: Lucie Marsmann
Sophia Süßmilch, „Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in”, Installation und Performance Kunsthalle Osnabrück, 2024. Courtesy Sophia Süßmilch und Kunsthalle Osnabrück. Foto: Lucie Marsmann

Eine Frage bleibt nur: Was erzählen diese Leute ihren Kindern darüber, wo sie selbst herkommen? Aus dem Gewächshaus? Aus dem Labor? Aus dem Kopf vom Papa, so wie Pallas Athene? Aus dem Backofen? Oder erzählen sie ihnen, dass die Mama sie ausgebrütet hat wie eine Henne? Weil das weibliche Geschlechtsorgan unzumutbar ist für die Kleinen?

„Unsere Frauen“

Wenn rechtsextreme – und reaktionäre – Politiker sich auf Künstlerinnen einschießen, die weibliche Körperlichkeit jenseits der gängigen Normen performen, dann äußert sich darin die Misogynie dieser Personen. Denn soweit kommt’s noch, dass sich die Weiber die Deutungshoheit über ihre Körper zurückholen! Soweit kommt’s noch, dass sie diese so darstellen, wie sie selbst wollen! „Unsere Frauen“, so nennt die FPÖ österreichische Frauen gern, wenn es gegen Ausländer geht, vor denen sie uns angeblich schützen müssen. Allein die Verwendung des Possessivpronomens entlarvt sich von selbst. „Unsere Frauen“, die wollen wir uns schon selbst belästigen. Und „unsere Frauen“ sollen bitte auch nicht auf dumme Gedanken kommen. Sie gehören ja schließlich „uns“ und nicht sie selbst. Nein, ich bin nicht „eure Frau“. Genauso wenig wie Mateja Meded, Sophia Süßmilch und Doris Uhlich.

Sophia Süßmilch in ihrer Ausstellung der Reihe „Kinder, hört mal alle her!“, KunsthalleOsnabrück, Foto: Friso Gentsch
Sophia Süßmilch in ihrer Ausstellung der Reihe „Kinder, hört mal alle her!“, Kunsthalle Osnabrück, Foto: Friso Gentsch

Sophia Süßmilch bekommt mittlerweile übrigens Morddrohungen. Leider ist ihre Ausstellung so weit weg, dann sonst würde ich sie mir selbstverständlich mit meiner zwölfjährigen Tochter anschauen. Keine Ahnung, wieso nackte Frauen sie verstören sollten. Und die Kunst über Kannibalismus? Wer davor Angst hat, sollte auch das Verbot von Grimms Märchen fordern.

  1. Für meine nichtösterreichischen Leser*innen: „pudern“ ist ein wunderschöner wienerischer umgangssprachlicher Begriff für Geschlechtsverkehr. ↩︎

9 comments

  1. Nur als Anmerkung-Conchita Wurst ist nicht trans, sondern Drag (was für FPÖler natürlich genauso erschütternd ist *gg*) Sehr interessanter Text! Ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich Rechte von nicht-sexualisierter Nacktheit von Frauenkörpern gestört fühlen. Kann mich nicht erinnern, dass es ähnlichen Aufschrei der oben erwähnten Personen gab bei gewissen (meines Erachtens sexistischen und frauenfeindlichen) Plakaten die im öffentlichen Raum sind, die uns ungefragt aufs Auge gedrückt werden. Im Gegensatz dazu muss ich um feministische Kunst zu sehen bewusst in ein Museum gehen, Karten kaufen etc….

    1. Oh nein, was für eine saublöde Schlamperei! Danke für den Hinweis, ist korrigiert. Und zu der Anmerkung wegen der sexistischen Werbeplakate: Wenn wir diese kritisieren, dann schreien wir natürlich in den Augen der Blauen nach Cancel Culture und sind woke.

  2. Danke, du sprichts mir aus der Seele! Es müsste noch viel mehr Reaktionen, Artikel und Aufschrei dazu geben!

  3. Vielen Dank für den interessanten Text! Bin ein großer Süssmilch-Fan; starke Frau – kein Wunder, dass sich schwache Männer vor ihr fürchten:)

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