Neu, innovativ, vandalisiert: Esther Strauß‘ gebärende Madonna

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Wer je ein Kind auf die Welt brachte, weiß, was für eine Hacken das ist. Angeblich so anstrengend wie eine Wanderung auf den Großglockner. Keine Gewerkschaft dieser Welt würde das erlauben. Doch wehe, es wagt jemand, eine Frau noch gar, diesen so alltäglichen wie existenziellen Vorgang darzustellen. Esther Strauß hat dies in ihrer jüngsten Arbeit „Crowning“ getan. Dafür meinte sie jemand bestrafen zu müssen. 

Auf grausige Art bestätigt

Es ist, als würde der letzte artemisia.blog-Beitrag auf geradezu grausige Art bestätigt: Da ging es um die Aggression gegen weibliche körperliche Selbstbestimmung in der Kunst. Eine Aggression, ein Hass, den auch Esther Strauß erleben musste. Sie platzierte Ende Juni im Mariendom in Linz eine kleine Skulptur, die Maria bei der Geburt von Jesus zeigt. Mit angestrengtem Gesichtsausdruck sitzt die Madonna auf einem Felsen, die Hände zu Fäusten geballt. Gerade durchstößt der Kopf des Kindes die Vagina – ein Moment, der auf Englisch als „Crowning“ bezeichnet wird. In der Kapelle, in der die Skulptur aufgestellt war, erhielt sie eine ganz eigene Intimität. Es ist – nach einem Werk von Monika Pichler – die zweite Arbeit in dem Projekt „DonnaStage“ im Mariendom, die sich um Frauenrollen, Familienbilder und Geschlechtergerechtigkeit dreht, kuratiert von der großartigen Martina Gelsinger.

Esther Strauß „Crowning“, Mariendom Linz, 2024 (Foto: Ulrich Kehrer/Diözese Linz), aus dem Projekt DonnaStage

Zumindest scheint es auf den Fotos so. Eigentlich wollte ich die Arbeit besichtigen, doch da kam schon die Nachricht von ihrer Zerstörung. Jemand hatte der Maria den Kopf abgesägt. Ja, wirklich! Es ist eine derart arge Geste, so etwas zu tun, dass mir einfach nur noch die Spucke wegblieb. Wie ist jemand drauf, der – oder die – sowas macht? Und mit welcher Motivation? Vielleicht werden wir das nie klären können. Leider gab es auch vorher schon ärgste Beschimpfungen: Ein privater Schwurblersender machte die Arbeit verächtlich. Im Besucher:innenbuch beschimpften manche die Arbeit als „pornografisch“ und „pervers“.

Perverse Geburt?

Was an der Geburt eines Menschen pornografisch und pervers sein soll, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Im Gegenteil: Ist die tatsächliche Perversion nicht die, dass genau der Grund für die Verehrung Mariens (lassen wir die ganze patriarchale katholische Geschichte mal beiseite), also die Mutterwerdung, anscheinend nicht bildwürdig sein soll?

Esther Strauß „Crowning“, Mariendom Linz, 2024 (Foto: Ulrich Kehrer/Diözese Linz)

Esther Strauß entwarf die Figur (die Bildhauerin Theresa Limberger schnitzte und bemalte sie, die Künstlerin und Restauratorin Klara Kohler patinierte sie) in Bezug auf die Domkrippe in der Krypta des Mariendoms. Laut der Kunstwissenschaftlerin und Obfrau des Linzer Diözesan-kunstvereins, Maria Reitter-Kollmann, zählt diese zu den größten Krippen weltweit; der Künstler Sebastian Osterrieder schuf sie zwischen 1907 und 1913. Seine Maria, so erklärte Reitter-Kollmann bei der Eröffnung, „erscheint in zwei Varianten aus Lindenholz: kniend vor ihrem neugeborenen Kind zu Weihnachten und mit ihrem Sohn auf dem Schoß zu Dreikönig, der wie ein zweijähriges Kind aussieht.“

Künstlerisches Verdienst

Sie schilderte auch die ikonografische Tradition der Muttergottes-Darstellung, etwa im Wochenbett, als „Mater amabilis“, also als „liebe Mutter“, als Schwangere, als Stillende. Zwar existiere die Vorstellung der „Maria theotokos“, also der Gottesgebärerin seit dem Konzil von Ephesus 431, allerdings zeigten Bilder sie nicht während, sondern nach der Geburt. Reitter-Kollmann: „Maria während der Geburt wurde meines Wissens noch nie so dargestellt, wie wir es heute mit der Maria von Esther Strauß sehen können.“ Esther Strauß hat also ein neues Bild geschaffen. Es gelang ihr ein echter Wurf damit.

Ihre Madonna ist im Gegensatz zu fast allen anderen Darstellungen vor allem eines: nämlich aktiv. Sie sitzt nicht herum, hält schön, still und passiv ihr Kindlein am Arm, und schaut dabei fromm aus ihren blau-roten Gewändern. Sondern sie arbeitet hart daran, ihr Baby in die Welt zu pressen, zu drücken, zu brüllen, zu schwitzen. 

Esther Strauß „Crowning“, Mariendom Linz, 2024 (Foto: Ulrich Kehrer/Diözese Linz), aus dem Projekt DonnaStage

Hält man sich vor Augen, wie oft Christus’ Tod dargestellt wurde, dass an so vielen Orten ein schlichtes Kreuz an das Ende dieses Lebens erinnert, dann stellt sich unweigerlich die Frage: Wieso kam bisher niemand auf die Idee, den Anfang seines Lebens darzustellen? „Die Geburt, die Millionen von Menschen am 24. Dezember feiern, findet sich auf keinem Gemälde und in keiner Skulptur wieder. Wenn von der Geburt Christi die Rede ist, stellen wir uns ein Kind in einer Krippe vor, aber nicht seine Mutter, die es zur Welt bringt“, wird die Künstlerin in der Presseaussendung zitiert. „Hat das damit zu tun, dass – wie die Kunstwissenschaftlerin Ann-Katrin Günzel schreibt – die Mutter-Göttinnen der Frühzeit sich im Christentum ‚in die eine a-sexuelle Muttergottes verwandelt haben, ‚die als ‚ein neues Idealbild der Mutter bzw. der Frau den patriarchalen Machtverhältnissen dient‘?“

Straftatbestand

Der – strafrechtlich übrigens relevante – Angriff auf ihr Werk schockierte die Künstlerin: „Wer auch immer den Kopf der Skulptur entfernt hat, ist sehr brutal vorgegangen. Diese Gewalt ist für mich ein Ausdruck davon, dass es immer noch Menschen gibt, die das Recht von Frauen an ihrem eigenen Körper in Frage stellen.“ Es ist die Enthauptung einer gebärenden Frau. Im „Standard“ verwies auch Lea Putz-Erath, Geschäftsführerin von Femail, einer Informations- und Servicestelle für Frauen in Vorarlberg, auf den Zusammenhang dieser Tat mit Gewalt gegen Frauen: „Von Jänner bis Juli 2024 gab es laut Übersicht der Autonomen österreichischen Frauenhäuser schon 17 Femizide und 26 Mordversuche/Fälle schwerer Gewalt an Frauen in Österreich. In der Diskussion und der brutalen Reaktion auf crowning spiegelt sich diese Gewalt an Frauen wider. Schwangerschaft und die Zeit rund um die Geburt sowie mit einem Neugeborenen sind für gewaltbetroffene Frauen extrem gefährliche Phasen.“

Epilepsie durch Kunst

Vor rund 500 Jahren verstörte Hans Holbein die Menschen mit seinem „Leichnam Christi im Grabe“ (heute im Kunstmuseum Basel). Ein Gemälde, das mit einem vom Tod gezeichneten Körper zeigt – ein Messias, der ebenso schnöde Flecken am Körper hat wie jeder Normalsterbliche. Das verkrafteten nicht alle. Dostojewski soll später sogar einen Epilepsieanfall angesichts dieses Bildes erlitten haben. Heute bekommen manche Schnappatmung nicht wegen des schrecklichen Bildes vom Tod, sondern vom schönen Bild der Geburt.

Derzeit ist die Arbeit in ihrer vandalisierten Form im Dom verblieben, allerdings nicht zugänglich. Esther Strauß erzählte mir, dass sie gerade ein Konzept für einen künstlerischen Umgang mit der Sache entwickelt. Mittlerweile zieht der Vorfall Kreise: Washington Post und BBC haben schon um Interviews  mit der Künstlerin angefragt. Sie erhält Hassnachrichten, aber auch viele positive Rückmeldungen – sogar Unbekannte drücken ihr Wertschätzung für ihre Arbeit aus, sagt sie. Auch bei der Eröffnung bekam sie viel positives Feedback für „Crowning“. Es gebe, meint sie, „einen Kreis von Menschen, der sich neue Bilder wünscht“.

Wenn aus dem ganzen Vorfall etwas Positives gezogen werden kann: dann zumindest das. Dass es diese Menschen gibt, die sich neue Bilder wünschen.

7 comments

  1. Liebe Nina Schedlmayer,
    danke für die immer aktuellen und spannenden Berichte.
    Ich habe mich im Zusammenhang mit dem Thema Gebären in der Kunst an das Bild „Meine Geburt“ von Frida Kahlo (1932) erinnert, das ich auch sehr ungewöhnlich und stark finde. Gebärende Steingöttinen gibt es schon, die sind aber recht abstrakt, darum ist Kahlos Bild in seiner blutigen Realität viel deutlicher. Jedenfalls in sehr spannendes Thema!
    Mit herzlichen Grüßen,
    Renate Kordon

  2. Komisch, dass auf keinen Fotos – auch wenn man die Madonna googelt – die Skulptur vorn vorne zusehen ist. Da scheint es doch ein Tabu bezüglich der Abbildung zu geben…

    1. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Habe jetzt angefragt wegen eines Bildes (ich selbst war nicht dort, konnte daher nicht selbst fotografieren).

  3. Wie cool ist das denn? Eine geerdete, starke, gebärende Maria im Mariendom. Sie zeigt eine Kraft, wie ich sie bei der Maria von Guadalupe verehre ( und ich bin nicht katholisch ). Immerhin hat sie die mexikanische Revolution angeführt und die Kirche musste sie anerkennen. Und auch die schöne, göttinnenhafte Maria der Künstlerin Esther Strauß wirkt auf mich, als ob sie sich gleich nach der Geburt das Baby umschnallt und eine Revolution anzettelt. Das Werk wurde beschädigt, aber das Zeichen ist gesetzt. Und ich habe eine Pilger:innenfahrt nach Linz zum Mariendom geplant.

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