Wie hart ist es doch, in der Aufmerksamkeitsökonomie zu bestehen! Vor allem, wenn man als Museum um Publikum buhlt und jedes Jahr mehr Gäste vorweisen soll. Da kommt jedes Mittel recht. Zumindest dem Wiener Leopold Museum. Auf den Einladungen und Plakaten zur Ausstellung von Gustave Courbet prangt ein Ausschnitt aus dessen ikonischem Werk „L’Origine du Monde“ („Der Ursprung der Welt“) von 1866: sein Gemälde vom liegenden Unterleib einer nackten Frau mit gespreizten Schenkeln.
„Origin in male desire“
Unglaublich viel wurde bereits philosophiert über dieses Werk. Es sei der „Ort, an dem sich […] die Grenze zwischen dem unsichtbaren Inneren und dem sichtbaren Äußeren abzeichnet“, schrieb Laurence Madeline im Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler 2014. Das Bild sei eine „Hommage an die Weiblichkeit, an die Schöpfung und ihre Mysterien“. Günter Metken fantasierte in seiner Publikation zum Bild 1997: „Der sich wölbende Venushügel, die Behaarung gleich einer Flamme waren wie der Vorhof zu einem Geheimnis, das sich der Darstellung entzog.“
Die feministische Kunsthistorikerin Linda Nochlin witzelte 1986, „Origin of the World“ habe seinen „origin in male desire“. In den Reproduktionen, die ihr zur Verfügung standen – das Original war nach dem Tod seines prominenten Besitzers, des Psychoanalytikers Jacques Lacan, eine Zeitlang an unbekanntem Ort – erkannte sie „no satisfactory way of differentiating Courbet’s painting from a thousand ordinary beaver shots available at your local newstand.“
Ultimativ passiv
Eines ist freilich ganz signifikant: die Fragmentierung des weiblichen Körpers, seine Zurichtung auf den voyeuristischen male gaze bei gleichzeitigem Verbergen des weiblichen Blicks: Mit dem Verstecken des Kopfs hat Courbet diesen abgeschnitten. Auch die Arme fehlen und damit die Handlungsfähigkeit. Die große Miriam Cahn, die in einigen Werken auf „L’Origine du Monde“ anspielte, sagte einmal zu mir, es sei „wahnsinnig schön, aber die Dame hat keinen Kopf.“
Und natürlich liegt diese Frau, rührt sich nicht. Mehr Passivität geht nicht. Selbst der oben erwähnte Günter Metken, ganz sicher kein Feminist, schrieb: „Die quasi sexuelle Inbesitznahme der Frau durch die Malerei und durch den, der sie ausübt, ist hier bis zur Aufhebung jeglicher Distanz getrieben.“ Der liegende Akt zählt zu den beliebtesten Sujets der Kunstgeschichte. Es bedient die so altbekannten wie abgenutzten Dichotomien Mann – Frau, aktiv – passiv, Kultur – Natur und festigt damit das patriarchale Unterwerfungssystem.
Dass nun das Leopold Museum für seine Werbung – Folder, Einladungen zur Eröffnung, Plakate – die bereits fragmentierte Frau erneut zerstückelt, erscheint nicht nur misogyn, sondern auch grotesk, zumal es eindeutig den Untertitel der Ausstellung konterkariert (als „Rebell und Realist“ zeigt sich Courbet in diesem Werk ganz sicher nicht – für diesen Gedanken danke ich der Malerin Anna Meyer, die sich ihrerseits mit „L’Origine“ befasste).
Courbet malte „L’Origine du Monde“ für die Privatgemächer des osmanischen Diplomaten Khalil Bey, der es hinter einem Vorhang versteckte. Metken erwähnt, dass das Bild einmal als Cover für einen Pornoroman gedient habe. Ihm zufolge widerspreche schon die Tatsache, dass das Bild „heute jedermann im Museum zugänglich ist, […] seiner ursprünglichen Bestimmung“.
Damit hat er zweifellos recht. Aber vieles – von Altarbildern über Kultgegenständen bis zu Zeitungsausschnitten – war einst nicht zur Präsentation im Museum gedacht. Keinesfalls sollte „L’Origine du Monde“ den Augen der Öffentlichkeit entzogen sein. Denn schließlich gehört es nicht nur zum Oeuvre eines der größten Maler Frankreichs. Sondern wir können auch viel von diesem Bild lernen: Wie macht Malerei weibliche Körper zu Konsumgut? Wie funktioniert Voyeurismus, was hat das mit Laura Mulveys Konzept des male gaze zu tun? War „L’Origine du Monde“ tatsächlich ein erster Tabubruch (oder vollbrachten diesen schon die Sheela-Na-Gigs der Romanik)? Was hat es mit der Analogisierung von weiblichen Körpern mit Landschaften bei Courbet, in denen die Kunsthistorikerin Linda Hentschel eine „Pornotopie“ sieht, auf sich?
Tausendfach reproduziert
Ein Gemälde wie dieses – hoffentlich intelligent kontextualisiert – im Museum zu präsentieren, ist aber etwas völlig anderes, als es, tausendfach reproduziert, in die Öffentlichkeit zu schmeißen, als Folder zu verschicken, es als PR-Tool zu verwenden.
Um den Vorwurf der Prüderie zu entkräften, mit dem eine ja schnell konfrontiert ist: Die feministische Kunst ist voll mit weiblichen Geschlechtsteilen. Carolee Schneemann holte eine Schriftrolle aus ihrer Vagina, VALIE EXPORT lud ihr Publikums „Tapp- und Tastkino“ zum Begreifen ihrer Brüste ein: Arbeiten, die sich um weibliche Selbstermächtigung und die Demontage des voyeuristischen Blicks drehen. Courbets „L’Origine du Monde“ ist das Gegenteil davon, und das herausgeschnittene Detail erst recht.
Wie sieht jemand mit langjähriger Expertise im Umgang mit Gewalt gegen Frauen diese Art von PR-mäßiger Verwurschtung eines weiblichen Körpers? Dazu fragte ich Maria Rösslhumer, die einstige Geschäftsführerin der Österreichischen Frauenhäuser und Gründerin des Vereins StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt. Sie schrieb: „Auf der Einladung des Leopold Museums sieht man keinen nackten Unterleib eines Mannes mit seinem Geschlechtsteil, sondern den Ausschnitt eines nackten Unterleibs einer Frau. Wäre es der eines Mannes, gäbe es wahrscheinlich einen großen Aufschrei und Widerstand.“ Diesen Gedanken hatte ich auch schon. Würde das Museum genauso beispielsweise mit Orlans „L’Origine de la guerre“ verfahren?
Weiters meinte Maria Rösslhumer: „Es ist wieder besonders ‚’en vogue‘ Frauen ohne Bedenken einfach zu benutzen, zu verwenden – nackt, halbnackt, nur als Geschlechtsteil, als einzelne Körperteile, mit möglichst gespreizten Beinen, getrennt vom Gesicht.“ Die Einladung passe „aktuell ins toxische Gesamtbild dieser Welt.“ Incels und Männer wie Jeffrey Epstein, Donald Trump, Elon Musk, Andrew Tate „vermitteln der Gesellschaft, dass Mann Frau einfach nehmen, benutzen, misshandeln, vergewaltigen, entführen und danach wieder verwerfen kann“, so Maria.
Verdinglichung weiblicher Körper
Keine Ahnung, ob die Verantwortlichen im Leopold Museum je vom Begriff „Rape Culture“ gehört haben – ein strukturelles Muster, das Vergewaltigung normalisiere, wie die gängige Definition lautet. Darin heißt es auch: „Rape culture is perpetuated through the use of misogynistic language, the objectification of women’s bodies, and the glamorization of sexual violence, thereby creating a society that disregards women’s rights and safety.“ Die Verdinglichung weiblicher Körper beginnt exakt hier. Auf den Foldern, den Einladungen und den Leuchtscreens, den Plakaten im öffentlichen Raum.
Aber was tut man nicht alles, um im Kampf um die Aufmerksamkeit zu bestehen.

