Wie immer war ich spät, später als die meisten anderen, auf der Biennale Venedig. Staut sich das Previewpublikum dort vor den Pavillons, fahre ich stets entspannt im noch warmen Herbst in die Serenissima. Vor Florentina Holzinger standen wir natürlich trotzdem eine Stunde an. Dafür waren wir aber pünktlich zur Mittagsstunde zugegen und erlebten einen zu einem magischen Moment, als nämlich sämtliche Kirchenglocken der näheren Umgebung in Einklang mit Holzingers Glocke läuteten. Über ihre „Seaworld Venice“ haben viele Kolleg*innen schon viel Kluges geschrieben, zum Beispiel hier und hier, weswegen ich darauf verzichte. Auch außerhalb des österreichischen Pavillons gibt es feministische Positionen, die meisten davon in der von der tragischerweise verstorbenen Koyo Kouoh kuratierten Hauptausstellung mit dem wunderschönen Titel „In Minor Keys“. Einige davon habe ich mir näher angeschaut – für all jene, die noch oder noch einmal nach Venedig gondeln.
Leonilda González (1923 bis 2017), Zentralpavillon, Giardini
Auf den ersten Blick erschienen mir die Holzschnitte von Leonilda González naiv. Doch das änderte sich, je länger ich in die Gesichter dieser verzweifelten oder grantigen Bräute blickte, für die der angeblich glücklichste Tag im Leben einer Frauen kein Spaß ist. Sie wissen, was sie erwartet: Freiheitsentzug, patriarchale Unterdrückung, vielleicht sogar Gewalt. Gerade in dieser Rohheit und Kindlichkeit wirken die „Novias revolucionarias“, die „revolutionären Bräute“, umso stärker; ein wenig Sarkasmus schwingt übrigens auch mit. Leonilda González, die im ländlichen Urugay aufwuchs, erkannte schon früh Drucktechniken als Medium sozialen Aktivismus und begründete das „movimento de la Cultura independiente“ mit. Wie die Kuratorin Roxana Fabius im Begleitbuch zur Biennale ausführt, wurden ihre Bräute später auch als Protest gegen die Militärdiktatur in Uganda lesbar.
Senzeni Marasela (geb. 1977), Arsenale
Im Arsenale sind die monumentalen Textilarbeiten von Senzeni Marasela nicht zu übersehen: Massen von roten Wollfäden ergießen sich wie Wasserfälle aus „tjali“ – dass sind für Rituale und Feiern eingesetzte Decken. Auf der Rückseite eingestickte Muster zeigen Minen, die eingestürzt sind und Menschen unter sich begraben haben. Die Künstlerin selbst wuchs neben einer geschlossenen Goldmine in der Nähe von Johannesburg auf. Ihre Arbeiten sind, so die Kuratorin Mpho Matsipa „cosmographs that elicit the line between the womb, the mineshaft, the underground, the city and the lives lost.“ Während die Minenarbeiter tödlichen Gefahren ausgesetzt sind, ist das Leben ihrer Frauen vom bangen Warten auf sie ebenso wie von früher Witwenschaft geprägt. Eine harte, beeindruckende Installation.
Yoshiko Shimada (geb. 1956), Arsenale und Zentralpavillon
In ihrer Performance „Being a Statue of a Japanese Comfort Woman“ befasste sich Yushiko Shimada mit den sogenannten „Trostfrauen“, also Zwangsprostituierten, viele von ihnen noch Mädchen, in japanischen Kriegsbordellen. In ihren Gemälden bezieht sie sich auf die feministische Bewegung Chūpiren, die in den Seventies teilweise mit künstlerischen Mitteln (etwa Straßentheater) gegen die strikte Abtreibungspolitik protestierte. Das Merkmal von Chūpiren waren rosa Helme, die ihre Mitglieder trugen. Mit ihren Arbeiten setzt Shimada diesen mutigen und revolutionären Frauen ein Denkmal.
Alice Maher (geb. 1959), Arsenale, Zentralpavillon
Die irische Künstlerin, die schon in den Eighties in der Women Artists Action Group in Irland engagiert war, zeigt in der Hauptausstellung in den Giardini fantastische Zeichnungen, in denen Frauen – Sibyllen, also Prophetinnen aus der Mythologie – mit ihren eigenen, unglaublich langen und aufgetürmten Haaren interagieren. „Maher invests her Sibyls with composed agency and enigmatic self-absorption that refuses the gaze of the viewer“, beobachtete die Kuratorin Carissa Farrell treffend. „They are entirely focussed on themselves as they tend to their mounds of hair that either obscure their faces or distract them away from view.“ Im Arsenale lässt Maher orange weibliche Köpfe im Wasser treiben, „Uranus’ Töchter“, eine Anspielung auf die Legende von der Geburt der Venus aus den abgeschnittenen Genitalien von Uranus.
Carrie Schneider (geb. 1979), Arsenale
Die US-Künstlerin transferierte via iPhone eine achtsekündige Sequenz aus Chris Markers Experimentalfilm „La Jetée“ – das Gesicht der Schauspielerin Hélène Châtelain – auf einen C-Print; er ist einen Kilometer lang und damit angeblich der bisher weltweit größte. Diesen drapierte sie auf einem Gestänge im Arsenale. Zusätzlich untersucht sie in weiteren Fotoarbeiten den cineastischen Blick auf Frauen. Visuell eindrücklich, stellt die Arbeit die Frage nach dem male gaze, den mit Laura Mulvey eine Filmtheoretikerin prägte, neu.
Billie Zangewa, Zentralpavillon, Giardini
Billie Zangewa, geboren in Malawi und aufgewachsen in Botswana, collagiert Teile aus Rohseide zu alltäglichen Szenen aus einem, ihrem, Frauenleben. Ihre Protagonistinnen baden das Kind, gehen einkaufen, sitzen beisammen – Bilder, inspiriert von ihrer eigenen Erfahrung als alleinerziehende Künstlerin, die zuhause arbeitet. „Daily Feminism“ nennt sie ihre Herangehensweise. Ihre Seidencollagen, die bisweilen Leerstellen lassen, erzählen, so Kuratorin Jareh Das, von der „construction of identity in a world shaped by inequality and expectation, to the ways in which Black women assert presence amid histories of erasure, and to the quiet power of ordinary life.“
Marike Estna (geb. 1980), estnischer Pavillon, Nähe Giardini
Der estnische Pavillon liegt ganz in der Nähe der Giardini, doch er ist leicht zu übersehen, er versteckt sich in einer schwer auffindbaren Seitengasse der Via Garibald. Den Weg dorthin empfehle ich jedoch nachdrücklich. Merike Estna malte hier, über Monate hinweg, in einer großen Wandarbeit einen Kosmos, durch den Babys und Mütter, Sternenbilder und Flügel schweben und zischen. Der Boden ist mit spannungsvollen Gemälden auf Fliesen Teil des Kunstwerks. „The House of Leaking Sky“ heißt die Arbeit, in der es auch Bezüge zu Alten Meisterinnen gibt. „The boundary between public and private, studio and home, what was once coded as male and female territory, begins to loosen“, schreibt Natalia Sielewicz im Katalog in Bezug auf die Tatsache, dass Estna das Publikum an der Entstehung ihres Werks teilhaben ließ. „In her hands, the domestic is no longer a secluded corner but part of the same field as politics, labor and art-making.“ Abgesehen von Estnas wunderbarer Arbeit ist auch die Location sehenswert: eine profanierte Kirche, in der heute zwei Basketballkörbe hängen.
Judy Chicago, Galleria Alberta Pane, Nähe Bahnhof
Nicht, dass Judy Chicago eine Neuentdeckung wäre. Das Luma in Arles zeigte 2024 eine Retrospektive, und einzelne Arbeiten sind immer wieder in Ausstellungen zu sehen. Ansonsten ist diese Legende der feministischen Kunst in Europa leider sehr unterrepräsentiert. Eine Galerieausstellung kann ein großes museales Solo mitsamt wissenschaftlicher Aufarbeitung zwar nicht wirklich ersetzen. Doch die Galleria Alberta Pane hat mit ihrer von Allison Raddock kuratierten Ausstellung „The Materiality of Judy Chicago“ wichtige Arbeit geleistet, um punktuelle Einblicke in das so vielfältige und bunte Oeuvre Chicagos zu geben und zu zeigen: Diese Frau feiert nicht nur eine „Dinner Party“. Die Galerie liegt nicht weit vom Bahnhof entfernt, ist also ein optimaler Einstieg für einen Venedig-Besuch. Und vielleicht inspiriert die Ausstellung ja Kurator*innen und Museumsdirektor*innen, diese wichtige Künstlerin endlich auch nach Österreich zu bringen.
Die Biennale Venedig 2026 läuft noch bis 22. November: https://www.labiennale.org
