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War Lucretia wirklich eine Heldin?

Lucretia Tizian

Kürzlich leistete ich mir einen Luxus: spontan schlenderte ich an einem Nachmittag (unter der Woche!) ins Kunsthistorische Museum. Vielleicht veranlasste mich indirekt die Lesung von „Alte Meister“, die kürzlich auf Ö1 lief. Vielleicht auch ein Posting der Film- und Medienwissenschaftlerin Andrea B. Braidt – dazu später. Bernhards 1985 erschienener Roman winkt aus einem anderen Zeitalter herüber. Längst hat sich das Haus von dem dort beschriebenen Ort der Kontemplation in einen Tourismus-Hotspot verwandelt. Immer mehr Leute sollen bitte kommen, der Laden brummt, auch wenn keine Sonderausstellung läuft. Man drängt sich, zum Beispiel vor den Bildern der Lucretia.

Vergewaltigung oder „Liebesumarmung“?

Während das Museum in Ausstattung, PR und Vermittlung auf der Höhe der Zeit ist, verharren die Saaltexte in der Ära von „Alte Meister“. Aber von einem Gemäldegalerie-Chef, der vor Journalist:innen flüchtet und keine einzige Ausstellung kuratiert hat, ist nicht viel zu erwarten. Wie Olga Kronsteiner im „Standard“ berichtete, verabschiedete ihn der neue Direktor Jonathan Fine nun

Antonio Allegri, gen. Correggio: Jupiter und Io, um 1530 Paolo Veronese, Lucretia, 1580/83 ©KHM-Museumsverband

Vielleicht macht sich eine neue Führungspersönlichkeit Gedanken darüber, wie das Haus seinem (großteils weiblichen) Publikum seine Kunst näher bringt. Zum Beispiel mit jenem Text, den Andrea B. Braidt am 6. Jänner unter dem Hashtag „stoprapeculture“ postete. Er beschreibt Correggio Gemälde „Jupiter und Io“ so: „Jupiter verliebte sich in Io, die schöne Tochter des Flussgottes.“ (unglaublich wichtig zu erwähnen, dass sie „schön“ war) „Die scheue Nymphe wollte fliehen, doch der Gott breitete dunkle Nebel über das Land, hemmte des Mädchens Flucht – und vereinigte sich mit ihm.“ (Er hat sie, wie so viele andere Mädchen und Frauen, in verwandelter Gestalt vergewaltigt) „In der Liebesumarmung der hingebungsvollen Aktfigur mit der zu einem körperlichen Gebilde verdichteten Atmosphäre hat ein großes Anliegen der Renaissance, die ideale Vereinigung von Mensch und Natur ihren schönsten Ausdruck gefunden.“ Also: Die Vergewaltigung wird zur Liebesumarmung und zur „idealen Vereinigung von Mensch und Natur“. Okay, alles klar. 

Ehren-Selbstmord

Bemerkenswert auch die Erläuterungen zu den zahlreichen Bildern der Lukretia, ein beliebtes Sujet. Die Kurzfassung der Legende lautet so: Rom leidet im 6. Jahrhundert v. u. Z. unter dem Diktator Tarquinius Superbus. Dessen Sohn, Sextus Tarquinius, vergewaltigt Lucretia, die Ehefrau seines entfernten Verwandten Lucius Tarquinius Collatinus. Diese erzählt ihrem Mann und ihrem Vater davon. Obwohl diese beteuern, dass sie unschuldig sei, erdolcht sie sich. Ihre Vergewaltigung hätte ihren Mann um seine „Ehre“ gebracht. Und, so lässt der Geschichtsschreiber Titus Livius sie sagen: „Ich aber, spreche ich mich gleich von der Sünde rein, entziehe mich der Strafe nicht; und keine nach mir soll, auf Lucretien sich berufend, bei Unkeuschheit das Leben behalten wollen.“

Tizian: Lucretia und ihr Gemahl Lucius Tarquinius Collatinus, um 1515 ©KHM-Museumsverband

Wir halten also fest: Lucretia begeht nach einer Vergewaltigung einen Ehren-Selbstmord, um dem Ansehen ihres Mannes nicht zu schaden. Zudem möchte sie, dass „Unkeusche“ es ihr gleichtun. Obwohl sie sich dabei offenbar nicht auf andere Vergewaltigungsopfer bezog – die juristischen Hintergründe und Feinheiten hat die damalige Jusstudentin Theresia Lehner in diesem detailreichen Aufsatz erläutert –, läuft es doch auf dasselbe hinaus: Mit dem Opfer ihres Lebens stabilisiert sie die menschenverachtenden Geschlechterrollen ihrer Zeit. 

Der starke Mann darf ran

Der Saaltext des KHM zu einer Lucretia von Tizian formuliert es so: „Mit teilweise noch sehr feiner Pinselführung und großem Augenmerk sinnliche Stofflichkeit der Details gelingt es Tizian, die moralische Größe der Heldin überzeugend zu charakterisieren.“ Bei einer Version der Darstellung von Veronese ist von einem „Beispiel weiblichen Heldenmuts“ zu lesen. Ist das, was Lucretia tat, tatsächlich moralische Größe, weiblicher Heldenmut?

Paolo Veronese, Lucretia, 1580/83 ©KHM-Museumsverband

Auch wenn wir die Wert- und Rechtsvorstellungen des antiken Rom oder der Renaissance vor Augen haben, erscheint es mir im wahrsten Sinne des Wortes altvaterisch, all das eins zu eins so wiederzugeben. Menschenrechte sind universal. Und wir sprechen von einem Zeitpunkt und einem Ort aus, an dem sie (noch, manche wollen sie eh abschaffen) gelten. Während unsere Gesellschaft sogenannte Ehrenmorde völlig zu Recht beklagt, verherrlichen wir in der Kunstbetrachtung eine Selbsttötung zugunsten männlicher Ehre sowie eine Frau, die die Todesstrafe auf sogenannte Unkeuschheit fordert. Und während sich zumindest theoretisch hoffentlich wirklich alle einig sind, dass Vergewaltigungen bekämpft gehören, wird die „Liebesumarmung“ gepriesen, wenn der Göttervater – also der starke Mann – ran darf. 

Aber ganz abgesehen davon: Wäre es nicht einfach spannender, die Geschichten und die sie abbildenden Gemälde aus heutiger Sicht zu reflektieren? Ein kritischer Blick auf Tizian, Correggio und Veronese nähme ihnen rein gar nichts von ihrer künstlerischen Kraft. Doch er gäbe uns mehr zum Nach- und Weiterdenken.

Fragen des 21. Jahrhunderts

Ob ich im Kunsthistorischen Museum wohl noch eine Ausstellung zu Geschlechterrollen in der italienischen Renaissance – ein so naheliegendes und ergiebiges Thema – erleben werde? Vielleicht führt die Gemäldegalerie ja bald eine Kunsthistorikerin, die ein größeres Bewusstsein dafür hat, welche Fragen das 21. Jahrhundert an die Kunst der Alten Meister:innen richten könnte. Vielleicht nicht unbedingt die des Herrn Georg Baselitz.

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