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Stephanie Hollenstein, die lesbische Nationalsozialistin

Auf Stephanie Hollenstein stieß ich das erste Mal vor über 20 Jahren. Damals schrieb ich einen meiner ersten Zeitungsartikel, nämlich für die Wiener Zeitung. Es ging um die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ), die älteste Künstlerinnenvereinigung des Landes. Stephanie Hollenstein war deren Präsidentin – in der NS-Zeit. Sie malte gemäßigt moderne Kompositionen (darunter tiefschürfende Porträts), war lesbisch und, wie sich herausstellte, als Soldat verkleidet in den Ersten Weltkrieg eingerückt.

Stephanie Hollenstein, „Bildnis der Mutter“, 1916 (c) Dock 20, Lustenau

Wie geht das?

Schon damals hat mich diese Figur fasziniert. Wie kann jemand lesbisch und Nationalsozialistin gleichzeitig sein? Wieso setzt eine Frau alles dran, in einen idiotischen Krieg zu ziehen? Wie funktionierte das überhaupt? In den vergangenen Jahren ging ich diesen Fragen nach, und nun erscheint mein Buch „Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein. Malerin und Soldat“ (Zsolnay).

Unsympathisch und beeindruckend

Die Sympathiewerte dieser Person sind enden wollend. Doch an manchen Punkten ihres Lebens beeindruckte sie mich. Geboren in eine Sticker- und Bauernfamilie in Lustenau (Vorarlberg), kämpfte sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts durch, um an der Kunstgewerbeschule in München studieren zu können. Schon das war ziemlich außergewöhnlich: Zunächst waren Frauen in künstlerischen Ausbildungen wie bei jeder höheren Bildung ohnehin in der Minderzahl. Und jene, die es schafften, kamen fast immer aus akademischem oder adeligem Haus, oder zumindest aus dem oberen Mittelstand (woran sich bis heute wenig geändert hat). In München pflegte Stephanie Hollenstein dann Liebschaften und Beziehungen mit Frauen, häufig parallel – in einer Zeit, da lesbische Sexualität in Österreich unter Androhung von Kerkerstrafen verboten war, in Deutschland jedenfalls verpönt.

Stephanie Hollenstein als Soldat, 1915 (c) Historisches Archiv Lustenau

Danach zog sie als „Stephan Hollenstein“ an die Dolomitenfront. Nachdem man sie zurückgeschickt hatte, kam sie als Kriegsmalerin im Auftrag des Kriegspropagandaquartier zurück und schuf eindrückliche Zeichnungen und Gemälde, aus denen dann nicht mehr so ganz die Euphorie spricht.

Warum rückt eine Frau freiwillig in den Krieg ein? Nun: Warum nicht? Die Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg war groß, auch unter Künstlern. Oskar Kokoschka erzählt in seiner Autobiografie, wie er sich in seinen Träumen „mit dem Reiterdenkmal des siegreichen Heerführers Viktor Emanuel“ verglich und zunächst freudig dabei war. Wieso also sollte nicht auch eine Frau diesem Wahnsinn anheimfallen? Noch dazu eine, die für ihre Abenteuerlust bekannt war?

Stephanie Hollenstein, Soldaten im Gebirge, 1916 (c) Historisches Archiv Lustenau

Stephanie Hollenstein konterkarierte so ziemlich jedes Geschlechterstereotyp. Später nahm sie die Rolle der Familienernährerin ein und unterstützte von Wien aus, wo sie wohnte, Mutter und Schwestern in Lustenau. Auch in ihrem Auftreten verweigerte sie sich herkömmlichen Weiblichkeitsidealen: Seit 1915 ist sie auf allen Fotos mit Kurzhaarfrisur und Anzug abgebildet.

Progressiv und protofeministisch

Eine Serie, aufgenommen 1932, könnte auch von einer feministischen Künstlerin der Seventies stammen, die Genderstereotype durchspielt. Wobei diese Fotos, die im Nachlass Hollensteins erhalten sind, mit Sicherheit nicht so intendiert waren. Und dann noch: die Wiener Frauenkunst! Eine progressive, protofeministische Künstlerinnenvereinigung, die sie mitgründete und die in ihren Ausstellungen bis heute diskutierte Fragen stellte, etwa „Wie sieht die Frau?“

Vier Fotografien aus einer Serie von Porträts von Hollenstein, auf der Rückseite mit „Fronleichnam 1932“ datiert


Dieses ganze Umfeld hinderte Stephanie Hollenstein nicht daran, 1934 in die damals noch illegale NSdAP einzutreten. An dieser Stelle fragen sich immer alle: Wieso dieser plötzliche Umschwung? Was ist ihr passiert? Warum denkt sie auf einmal so? Die Antwort lautet: Es war eben kein Bruch. Schon 1917 notierte Stephanie Hollenstein in einem Skizzenbuch rassistischen Quatsch von „lichten Völkern“. In ihrem Nachlass liegen Bücher von Ludwig Klages und Alfred Schuler, die zur selben Zeit wie sie in München lebten und esoterisch-rassistische Thesen propagierten und die Völker in solche mit positiven und solche mit negativen Eigenschaften aufteilen: Gut seien die „Arier“, schlecht „semitisch-molochitischen“ Ethnien.

Sie meinte es so

Später bekritzelte Hollenstein ganze Bögen mit antisemitischem Wahnsinn, schimpfte in Briefen über „Judenwirtschaft“ und Ähnliches. Ihre früheren Förderer:innen – jüdische Händler, Journalistinnen und Sammler – vergaß und verleugnete sie. Als VBKÖ-Präsidentin schmiss sie sich an den „Reichsstatthalter“ Baldur von Schirach und andere Nazigrößen ran, um ihnen Gelder und Preise für die VBKÖ abzuschwatzen. Doch sie war weit mehr als eine Karrieristin, die im Nationalsozialismus ihre Chance witterte. Nein, sie meinte es wirklich so.

„Zeit der Maskierung“

In der NS-Zeit lebte Hollenstein mit einer Ärztin, Franziska Groß, zusammen. Freunde und Freundinnen lassen diese in Briefen immer wieder schön grüßen, wie eine:n Ehepartner:in. Offenbar war bekannt, in welcher Relation die beiden zueinander standen. Vielleicht gestand auch das Umfeld Hollenstein als Künstlerin größere Freiheiten zu. Anzeigen sind jedenfalls keine überliefert.

Cover

Als lesbische Hitlerverehrerin war Stephanie Hollenstein kein Einzelfall. Auch die Schriftstellerin Grete von Urbanitzky, die in ihren Romanen lesbische Liebe explizit thematisierte, hing dieser Ideologie an. Es gab KZ-Aufseherinnen, die sich in ihre Opfer verliebten. Von Stephanie Hollenstein ist nicht überliefert, wie sie auf ihre Identität blickte. Doch die Fakten sind: Im Nationalsozialismus änderte sich, rein juristisch betrachtet, nicht viel für lesbische Frauen. Während Schwule in KZs ermordet wurden, waren Lesben weniger bedroht. In Österreich konnten sie allerdings sehr wohl ins Gefängnis kommen wegen ihrer Sexualität – wie zuvor und skandalöserweise auch danach, schließlich schaffte die Republik den Paragraph 129 Ib erst 1971 ab. Zudem nahm in der NS-Diktatur nicht nur der gesellschaftliche Druck, sondern auch die Verfolgungsintensität zu, wie Wissenschaftler:innen (zuletzt Natascha Bobrowsky in ihrem detailgenauen und sehr lesenswerten Buch „Verborgene Beziehungen“) erforschten. Betroffen waren dabei meist Frauen aus der Arbeiterschicht. Viele hielten ihre Beziehungen geheim, von einer „Zeit der Maskierung“ sprach Claudia Schoppmann, die als erste ausführlich über lesbisches Leben im Nationalsozialismus forschte.

Hollenstein und Weidel

Offenbar blendete Stephanie Hollenstein die misogyne und homophobe Dimension der NS-Ideologie aus. Wie auch die lesbische AfD-Chefin Alice Weidel sagt, dass sie nicht in jedem Punkt mit ihrem Parteiprogramm übereinstimmen muss, zumal es ja um den Kampf für ein höheres Ziel gehe, zumal sie als Frau ja gerade für die AfD sein müsse, schließlich gehe diese gegen die wahre Bedrohung des weiblichen Geschlechts vor, nämlich muslimische Männer.

Stephanie Hollenstein, ca. 1915

Stephanie Hollenstein ist keine sprühende Heldin, kein Vorbild für Künstlerinnen späterer Generationen und als feministische Role Model untauglich. Und doch brach sie mit den Konventionen ihrer Zeit. In ihrer Person vereinen sich Widersprüche, die vielleicht nur scheinbare sind.

„Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein. Malerin und Soldat“ erscheint morgen Dienstag, dem 16. September; an diesem Tag ist auch eine Präsentation im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum (Warteliste). Weitere Veranstaltungen sind im Dock 20 (Lustenau), in der Stadtbücherei Krems, und in der VBKÖ geplant.

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